»Adolfo Kaminsky. Ein Fälscherleben« von Sarah Kaminsky

Fälschen war richtig

In »Adolfo Kaminsky. Ein Fälscherleben« erzählt Sarah Kaminsky die
Lebensgeschichte ihres Vaters, eines Passfälschers.

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Schon auf der ersten Seite des Buches »Adolfo Kaminsky. Ein Fälscherleben« erfolgt die Aufforderung »Ausweiskontrolle!« Der junge Adolfo wird mit falschen Pässen in der Aktentasche im Januar 1944 von den faschistischen Milizionären des Vichy-Regimes in Paris kontrolliert. Der Widerstandskämpfer zeigt seinen Ausweis. Er erinnert sich: »Ich bin auch ganz sicher, dass meine Papiere in Ordnung sind. Schließlich habe ich sie selbst fabriziert.« Die ganze Lebensgeschichte schwankt zwischen diesem Humor und einer Realität von Verfolgung und Widerstand.
Erst nach der Jahrtausenwende begann die erwachsene Tochter Sarah Kaminsky, diese Vita zu entdecken und aufzuschreiben. Das Ergebnis ist ein schnörkelloser, autobiographisch grundierter Roman, der drei Jahrzehnte westeuropäischer Kriegs- und Nachkriegsgeschichte bis 1971 in einem neuen Licht erscheinen lässt. Adolfo Kaminskys Lebenserzählungen sind so spannend, dass die Autorin gut daran tut, sich zurückzunehmen und sehr sachlich aus der Perspektive des Vaters zu schreiben.
Im Mittelpunkt von Kaminskys Schaffen steht das Fälschen von Dokumenten für Befreiungsbewegungen, zuerst für die französische Résistance. Das Falsche ist plötzlich das Richtige, wenn sich auf einem Ausweispapier der Stempel »Jude« chemisch auflöst. Aus der besonderen Perspektive des Fälschers verliert vieles seine Selbstverständlichkeit: Die papiernen Identitäten erweisen sich als veränderbar und ein vorgezeichneter Lebensweg wird mit der Untergrund­existenz vertauscht.
Auf die Frage von Sarah Kaminsky, wie man Fälscher wird, umreißt der Vater die Familiengeschichte. Diese sei »eine Geschichte wiederholten, meist erzwungenen Exils«, die »typisch für die meisten osteuropäischen Juden dieser Zeit« gewesen sei. Vor den russischen Pogromen geflohen, begegneten sich die Eltern 1916 in Paris. 1917 müssen sie nach Argentinien einschiffen, weil linke Russen nach der Oktoberrevolution in Frankreich ausgewiesen werden. Scherereien wegen der Papiere sind ihr zuverlässiger Begleiter. Nach dem Ersten Weltkrieg können sie wieder in die Normandie umziehen.
Hier wächst der junge Adolfo als lernbegieriger Schüler aus einfachen Verhältnissen auf. Als seine Schulklasse für die Schülerzeitung eine alte Druckerpresse kauft, begeistert sich der 13jährige für das Drucken und zunehmend für die Chemie. Mit 14 geht er in eine Fabrik. Die Deutschen besetzen Frankreich und in der Fabrik werden die Juden entlassen. Kaminsky findet eine Lehrstelle als Färber. 1943 wird die Familie in dem deutschen Sammellager Drancy bei Paris interniert. Nach drei Monaten werden sie aufgrund ihrer argentinischen Papiere noch einmal entlassen. Sie wissen, dass sie untertauchen müssen. Der Vater organisiert falsche Papiere und der 16jährige Adolfo wird losgeschickt, um sie zu holen. Bei dem Treffen kann er dem Überbringer einen Tipp für das Entfernen von Tinte auf Pässen geben. Um der Résistance beizutreten, berichtet er von seinem Wissen über Drucken, Färben und Chemie. Einige Tage später füllt er den ersten Blankoausweis mit seiner Handschrift aus, eine Handlung, die er als »Initiationsritual« in Erinnerung hat: »Ich hatte eine Schwelle überschritten.«
Bald steht er von früh bis spät in einer Fälscherwerkstatt, die er immer weiter ausbaut. Zuerst fälscht er Papiere für eine geheime Sektion der UGIF (Union Générale des Israélites de France), die eigentlich vichytreu ist. Von der offiziellen UGIF erschleicht die Widerstandsgruppe Deportationslisten. Die betreffenden Personen werden gewarnt und mit falschen Papieren ausgestattet, damit sie fliehen können. Immer weitere jüdische Organisationen und Widerstandsgruppen der Résistance bedienen sich des Labors: »Auf Teufel komm raus wird zugeschnitten, ausgeschnitten, koloriert, getippt – wir schuften am Fließband in unserer Schicksalsfabrik.« Es geht um Hunderte und schließlich Tausende Menschenleben, die mit falschen Papieren gerettet werden.
Nach der Befreiung von Paris fälscht er für den französischen Spionagedienst deutsche Papiere. Er wird Unteroffizier mit einem bizarren Status: »Ich war staatlicher Fälscher geworden.« Nach Kriegsende bleibt er dort angestellt. Aber die Fronten ändern sich. Er bekommt den Auftrag, Karten für Indochina zu vervielfältigen. Doch die Auseinandersetzung Frankreichs mit Indochina war gänzlich anderer Natur als jene mit Deutschland, und Kaminsky ist »aus tiefstem Herzen Antikolonialist«. Er quittiert den Dienst, um sich als Fotograf durchzuschlagen.
So lehnt er die Bitte der Hagana Frankreich ab, Papiere für jüdische Überlebende der Lager zu fälschen, die nach Palästina auswandern wollen. Aber er wird dazu gebracht, ein Lager für »Displaced Persons« in Deutschland zu besuchen. Er sieht Hunderte ehemalige Häftlinge, die in der gestreiften Kleidung auf ihre Ausreise warten. Niemand will zurück in den Herkunftsort, wo alles an das Leid erinnert: »Nichts konnte ihre Entschlossenheit erschüttern, selbst wenn sie noch jahrelang warten müssten, selbst wenn sie in diesem Lager vermoderten, bevor sie ein Visum für Palästina bekämen.« Kaminsky ändert seine Meinung und sagt die Mitarbeit für Alija Bet, die illegale Einwanderung von KZ-Überlebenden nach Palästina, zu. Nach und nach beginnt er, »an die Möglichkeit eines Staates zu glauben, in dem die Juden leben konnten, ohne verfolgt zu werden«. Als der Staat Israel ausgerufen wird, ist Kaminsky stolz darauf, dass er »die illegale Einwanderung von Zehntausenden Überlebenden unterstützt und zur Entstehung des Staates Israel beigetragen« hat. Aber er selbst bleibt lieber in Frankreich, »in dem Land, das sich für die Trennung von Staat und Religion entschieden« hat.
1957 nimmt das französische Jeanson-Netzwerk, eine Unterstützerorganisation für den algerischen FLN, mit ihm Kontakt auf. Er soll den antikolonialen Kampf mit Papieren unterstützen. Obwohl er kein Geld hat, lehnt er jede Bezahlung ab, denn »mehr als alles andere wollte ich meine Unabhängigkeit behalten«. Karriere und privates Glück stellt er hintan: »Ich war es leid, dass ich zu so viel Verrenkungen und schlaflosen Nächten gezwungen war, um meine Rechnungen bezahlen zu können; dass ich meist nur zwei Stunden am Stück schlief, immer auf der Hut war und mich ständig vergewissern musste, dass mir ja niemand folgte; dass ich nichts von meinen Kindern hatte, dass ich den Frauen, die mich liebten, weh tat, obwohl ich sie liebte; dass ich immer ein Gefangener meiner einsamen Geheimnisse blieb.« Aber letztlich vergisst er nie, dass er sein Leben dem Einsatz anderer verdankt.
Nach der algerischen Unabhängigkeit arbeitet Kaminsky weiter unentgeltlich für Befreiungsbewegungen in Afrika und Lateinamerika. Als sowjetische Truppen während des Prager Frühlings in der Tschechoslowakei einmarschieren, hilft der überzeugte Linke und Humanist den verfolgten Reformern mit Papieren. »So lieferte ich 1967 Kämpfern und Gehorsamsverweigerern aus fünfzehn verschiedenen Ländern falsche Papiere und das war noch gar nichts im Vergleich zu den folgenden Jahren bis 1971.«
1971 verabschiedet sich Adolfo Kaminsky dann in ein »normales« Leben. Der Grund ist, dass sein Name immer offener als Topadresse für falsche Papiere kursiert. Er ist »verbrannt«. Er geht nach Algerien, unterrichtet Fototechnik und Druck, heiratet mit 50 ein zweites Mal, wird noch einmal Vater von drei Kindern, darunter Sarah Kaminsky. Zu Beginn der achtziger Jahre muss er ein letztes Mal ins Exil gehen. In Algerien erstarken Autoritarismus und der politische Islam. Eine liberale Frau, ein jüdischer Mann und drei »kleine Mischlinge«: Was das Paar als Reichtum begreift, wird zur Gefahr. Sie fliegen 1982 überstürzt nach Frankreich.
Heute werden Adolfo Kaminsky und seine Tochter bei Lesungen in Frankreich mit stehenden Ovationen gefeiert. Dabei sind die zeitgenössischen Helfer der heute illegalisierten Flüchtlinge von solcher Anerkennung ähnlich weit entfernt, wie es der Passfälscher vor gut 40 Jahren war. Erst aus einer gehörigen Distanz wird dessen Primat der Humanität gegenüber den Machtverhältnissen salonfähig. Der Filmregisseur Aki Kaurismäki stellte diesen Abstand jüngst in seiner Tragikomödie »Le Havre« mit einer märchenhaften Erzählform her. Bei Kaminsky kommt zu seiner Integrität der Zeitabstand. Manchmal erscheint das Hantieren mit Stempeln und Chlor in dem Roman dann auch wie ein Handwerk aus einer längst vergangenen Zeit. Leben wir heute nicht in einer ganz anderen, digitalen Epoche mit den fälschungssicheren Plastikkarten? Kaminsky sagt dazu einmal den zeitlosen Satz: »Was von Menschen gemacht ist, kann zwangsläufig von Menschen nachgemacht werden.«
Etwas anderes als die Hoffnung auf Umgestaltung scheint bei Adolfo Kaminsky auch im Fazit der Erzählung kaum vorstellbar zu sein: »Auf meine Art und mit den einzigen Waffen, die mir zur Verfügung standen (…) habe ich in fast dreißig Jahren eine Realität bekämpft, die zu unerträglich war, als dass ich sie hätte mitansehen können, ohne etwas zu tun, weil ich überzeugt war, dass man den Lauf der Dinge zu ändern vermag.«

Sarah Kaminsky: Adolfo Kaminsky. Ein Fälscherleben. Aus dem Französischen von Barbara Heber-Schärer. Verlag Antje Kunstmann, München 2011, 224 Seiten, 19,90 Euro