Kühe haben schließlich auch keinen Urlaub

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Von Ivo Bozic
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»Endlich wird dem unaufhörlichen Großprahlen von der ›Wiege der Freiheit‹, von den ›Enkeln Tells und Winkelrieds‹ ein Ende gemacht! Endlich hat es sich herausgestellt, dass die Wiege der Freiheit nichts anders ist als das Zentrum der Barbarei und die Pflanzschule der Jesuiten, dass die Tapferkeit von Sempach und Murten nichts anderes war als die Verzweiflung brutaler und bigotter Bergstämme, die sich störrisch gegen die Zivilisation und den Fortschritt stemmen!« Mit diesen deutlichen Worten von Friedrich Engels aus dem Jahr 1847 ließe sich heute auch das Ergebnis des Schweizer Volksentscheids zur Verlän­gerung des gesetzlichen Mindesturlaubs von vier auf sechs Wochen kommentieren. Die Schweizer haben ihr Stimmrecht nämlich dazu gebraucht, längeren Urlaub abzulehnen. 66,5 Prozent der Teilnehmer eines Referendums votierten am Sonntag gegen eine Initiative des Gewerkschaftsdachverbandes.
Versucht man, diesen Irrsinn rational zu erklären, könnte man vielleicht meinen: Die eine Hälfte der Schweizer lässt eh nur das Geld arbeiten, während die andere Hälfte jeden Tag um vier aufstehen und die Kühe melken muss. Was also sollen die Schweizer mit Ferien? Vermutlich wüssten sie auch nicht, was sie mit den freien Tagen anfangen sollten. Sie beschäftigen sich »in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit mit Kühemelken, Käsemachen, Keuschheit und Jodeln«, wie Engels feststellte. Dass Schweizer die Koffer packen und verreisen, davon hat man noch nie etwas gehört. Sie haben nicht nur Angst vor Freizeit, sondern auch vor der Fremde. Völlig überflüssigerweise, wie der große Engels treffend analysierte: »Wenn einmal ein solch unschuldiger Alpensohn in die große Welt hinaus gerät und sich einen Augenblick hinreißen lässt von den Verführungen der großen Städte, von den geschminkten Reizen einer verderbten Zivilisation, von den Lastern der sündhaften Länder, die keine Berge haben und wo Korn gedeiht – die Unschuld wurzelt so tief in ihm, dass er nie ganz untergehen kann. Ein Ton schlägt an sein Ohr, nur zwei jener Noten des Kuhreigens, und sofort stürzt er weinend und zerknirscht auf die Knie, sofort reißt er sich los aus den Armen der Verführung und ruht nicht, bis er zu den Füßen seines greisen Vaters liegt. ›Vater, ich habe gesündigt vor meinen Urgebirgen und vor Dir, ich bin nicht wert, dass ich Dein Sohn genannt werde!‹«