Die Spekulation mit Lebensmitteln und Rohstoffen

Teuer schmeckt nicht

Mittlerweile spricht sich sogar die Bundesregierung gegen die Spekulation mit Lebensmitteln aus. Trotz des Bekenntnisses zur rechten Zeit ist eine Regulierung oder gar ein Verbot jedoch nicht zu erwarten.
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»Es gibt zu viel Weizen auf der Welt/und darum pro Tonne zu wenig Geld./Die Nahrung könnte zu billig sein,/drum muss der Weizen ins Feuer rein.« So heißt es in einem der besten politischen Agitprop-Lieder aus der Spätphase der Weimarer Republik, der »Ballade von den Säckeschmeißern«, das von diversen kommunistischen Agitationsgruppen auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise aufgeführt wurde. Hintergrund waren die Vernichtung von Lebensmitteln durch Getreidehändler und staatliche Landwirtschaftsplaner, um die Preise auf dem zusammenbrechenden Weltmarkt stabil zu halten, während Millionen von Menschen Hunger litten. Kaum ein Lied könnte heutzutage aktueller sein.

Dies gilt zunächst für die besungene Vernichtung von Lebensmitteln. Einem Bericht der Welternährungsorganisation FAO mit dem Titel »Global Food Losses and Food Waste« zufolge, der im vergangenen Mai veröffentlicht wurde, wird etwa ein Drittel der globalen Nahrungsmittelproduk­tion schlichtweg vergeudet. Ein immer größerer Teil davon geht in die wachsende Produktion von Agrotreibstoffen, der Großteil aber endet einfach im Müll, weil die Nahrungsmittel dahin wandern, wo sie theoretisch bezahlt werden könnten, tatsächlich aber gar nicht gebraucht werden. Und so leidet derzeit über eine Milliarde Menschen Hunger. Die Ausmaße dieses Zynismus wurden einem größeren Publikum im vergangenen Jahr in dem Dokumentarfilm »Taste the Waste« von Valentin Thurn vor Augen geführt.
Tatsächlich spekulieren Investoren und Banken ausgiebig mit Rohstoffen wie etwa Weizen. Im Gegensatz zu anderen Branchen besteht die Eigentümlichkeit der Lebensmittelproduktion darin, dass der Erwerb der Erzeugnisse für alle Menschen absolut unverzichtbar ist, was die Macht derer, die die Produktion kontrollieren, enorm steigert. Dass dies zu Schwierigkeiten führt, dämmert mittlerweile sogar der CDU. In der vergangenen Woche veranstaltete sie einen Kongress mit dem Titel »Rohstoffhandel – Brauchen wir mehr Regulierung?«. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) hat sich für eine Regulierung ausgesprochen. Ebenfalls in der vergangenen Woche wurde im Bundestag auf Betreiben der Regierungsparteien ein Antrag verabschiedet, in dem die Bundesregierung dazu aufgefordert wird, sich in der EU und der G20 für mehr »Transparenz« bei der Spekulation mit Rohstoffen für Lebensmittel einzusetzen.
Es war der Handel mit Lebensmitteln, der am Beginn der Erfindung der in der jüngsten Vergangenheit in Verruf geratenen Finanztitel stand. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts führten die Getreidehändler am Chicago Board of Trade (CBOT), der US-Rohstoffbörse, den Warenterminhandel ein, der schnell unter dem Begriff der Futures firmierte und allmählich für den gesamten Rohstoffhandel gebräuchlich wurde. Was zunächst als Versicherung für die Farmer gedacht war, um ihnen für eine festgesetzte Menge Getreide zukünftig einen festgesetzten Preis zu garantieren, und zudem saisonale Preisschwankungen ausgleichen sollte, entwickelte sich rasch zu einer Finanzindustrie.

Nachdem so bereits in der Weltwirtschaftskrise »alle Zweige der Landwirtschaft in schärfster Form von der Agrarkrise erfasst« worden waren, wie der damalige Autor der Wirtschaftsberichte der Kommunistischen Internationale, Eugen Varga, treffend konstatiert hatte, war es eine der zentralen Maßnahmen des »New Deal« unter dem damaligen US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt, Begrenzungen für den Erwerb von Rohstoffen zu erlassen, die bis Ende der neunziger Jahre den Lebensmittelhandel regulierten. Bis zur Jahrtausendwende waren die Spekulanten so lediglich »Mitspieler auf den Rohstoffmärkten«, wie es das ehemalige Vorstandsmitglied der CBOT, Ann Berg, zuletzt ausdrückte.
Dies änderte sich nach der Jahrtausendwende. Als die Blase der New Economy geplatzt war und neue, an Realwerten orientierte Anlagestrategien gesucht wurden, entwickelte die Investmentbank Goldman Sachs zunächst ihren Commodity-Index, in dem die Preise von insgesamt 25 Rohstoffen erfasst wurden. Seitdem und noch verstärkt durch die endgültige Aufhebung aller gesetzlichen Einschränkungen im Jahr 2005 durch den US-Kongress vermehrte sich die Zahl der Rohstofffonds rasant und ließ die Lebensmittelpreise im vergangenen Jahrzehnt drastisch steigen – allein in den Jahren 2006 bis 2008 stiegen die Preise für Reis, Weizen und Pflanzenöl um jährlich mehr als 30 Prozent. Mittlerweile sind etwa 600 Milliarden US-Dollar in den diversen Fonds gebunden.
Zu den umtriebigsten Unternehmen auf dem Gebiet gehören auch zwei deutsche »Global Player«: die Deutsche Bank und Pimco, der sich im Besitz des Allianz-Konzerns befindende weltgrößte Verwalter von Vermögensanlagen, dessen »Commodity Real Return Strategy Fund« mit einem geschätzten Anlagevermögen von deutlich über 30 Milliarden Dollar der größte Fonds seiner Art weltweit sein dürfte.

Spätestens aber seit den weltweiten Hungerrevolten des Jahres 2008, einer Reaktion auf die dramatisch gestiegenen Lebensmittelpreise, wird Kritik an der Rohstoffspekulation laut. Zuletzt legte Harald Schumann, ein Journalist des Tagesspiegel, einen vielbeachteten Bericht im Auftrag von Foodwatch vor, in dem er die Spekulation für die Verdoppelung der Nahrungsmittelrohstoffpreise im vergangenen Jahrzehnt verantwortlich macht. In Anspielung auf das nicht eingelöste Versprechen des Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank, nicht weiter in Agrofonds zu investieren, heißt es in dem Bericht: »Hände weg vom Acker, Mann!« Auch die öffentliche Meinung richtet sich mittlerweile gegen die Anbieter solcher Fonds. Einer Forsa-Umfrage zufolge lehnen derzeit 84 Prozent der Bundesbürger Anlagen in Agrarrohstoffe kategorisch ab.
Eine gute Zeit also auch für die Bundesregierung, mit zeitgemäßen Bekenntnissen ihr Image aufzupolieren. Der am Donnerstag vergangener Woche im Bundestag verabschiedete Antrag ist allerdings noch harmloser als die Initiativen der US-Aufsichtsbehörde CFTC oder des Europaparlaments, die Spekulation zu regulieren. So sollen Händler ihre Derivatepositionen regelmäßig an die Aufsichtsbehörden melden, die wiederum einen wöchentlichen Bericht vorlegen sollen. Zur Beruhigung der Branche verteidigte Agrarministerin Ilse Aigner (CSU) schon vorher den Nutzen der Agrarfonds ausdrücklich und sagte, man wolle lediglich »Fehlentwicklungen angemessen begegnen können«. Die Deutsche Bank kann an ihrem Werbeslogan für die Rohstofffonds, »Freuen Sie sich über steigende Preise«, also weiterhin festhalten. Und auch die »Ballade von den Säckeschmeißern« passt weiterhin zur Lage.