Nicht sehr ertragreich

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»Iss deinen Teller leer. Denk an die hungernden Kinder in Afrika.« Wohl noch keinem Kind hat der Spinat nach einer solchen Mahnung besser geschmeckt, und sie dürfte aus der Erziehungspraxis mittlerweile verschwunden sein. Doch für die Erwachsenenbildung wurde sie von der IWF-Direktorin Christine Lagarde wiederentdeckt. Den Griechen schmeckt die Sparpolitik nicht? »Ich denke eher an die kleinen Kinder aus einer Schule in einem kleinen Dorf im Niger, die zwei Stunden am Tag unterrichtet werden, sich zu dritt einen Stuhl teilen und sehr begierig auf Bildung sind. Ich denke immer an sie.«
Pro Jahr sterben im Niger 120 000 Kinder, bevor sie das Schulalter erreichen, unter anderem weil nach der Privatisierung des Gesundheitssektors die medizinische Behandlung zu teuer geworden ist und der IWF die Auflösung des staatlichen Veterinärsamts durchsetzte, so dass viele Hirten sich keine Viehimpfungen mehr leisten können und die Milch knapper wurde. Derzeit benötigen etwa sechs der 15 Millionen Nigerer Nahrungsmittelhilfe, doch auch die Transportfahrzeuge und die Vorräte der staatlichen Nahrungsmittelbehörde mussten verkauft werden. Im Jahr 2005, während der vorletzten Hungersnot, setzte der IWF die Einführung einer Mehrwertsteuer für Grundnahrungsmittel durch, nach Angaben des Observer wiesen IWF und EU die Regierung sogar an, Nahrungsmittel nicht kostenlos zu verteilen. Zwar konnten sich die »Geber« ausnahmsweise nicht durchsetzen, die Mehrwertsteuer wurde nach heftigen Protesten wieder aufgehoben und Nahrungsmittel wurden schließlich verteilt. Doch gilt auch während der diesjährigen Hungersnot das Dogma, dass man nicht einfach so Geld für die Armutsbekämpfung ausgeben darf. Die nigerische Regierung hat im Mai mit dem IWF vereinbart, dass eine Kreditaufnahme auf dem »freien Markt« nur für »gut geprüfte, kommerziell sehr ertragreiche« Projekte erfolgen soll, und da es solche Projekte derzeit im Niger nicht gibt, muss sich die Regierung auch kein Geld leihen.
Es ist den kommerziell nicht sehr ertragreichen Kindern im Niger, die nun zu Zehntausenden die Schulen verlassen, um mit ihren Eltern in die Nähe potentieller Zentren zur Verteilung von Nahrung zu gelangen, sicher ein großer Trost, dass Lagarde immer an sie denkt. Vorbei sind die Zeiten generöser Ignoranz, als Marie Antoinette den Hungernden empfahl, Kuchen zu essen. Der Hunger wird bewusst einkalkuliert. »Ich weiß, was das für Wohlfahrtsprogramme und Armutshilfe bedeutet«, sagt Lagarde zu den Folgen der »Strukturanpassungsprogramme«. Der Niger passt seine Struktur seit 1983 an, ist aber immer noch nicht angepasst genug. In Griechenland beginnt die Verelendung auf einem höheren Einkommensniveau, doch hat Lagarde deutlich genug gesagt, dass die Griechen frühestens zur dritten Hungersnot mit einer Mitleidsbekundung rechnen können.