Die Wahlen in Ägypten

Zukunft ohne Charisma

In der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen in Ägypten gewannen ein Islamist und ein Vertreter des alten Regimes, aber andere als erwartet.

Anzeige

Eines muss man den ägyptischen Wählerinnen und Wählern lassen: Sie sind gut für Überraschungen. Vor zwei Wochen trafen die Spitzenkandidaten in einem Fernsehduell aufeinander. Dass der ehemalige Muslimbruder Abdel Moneim Aboul Fotouh oder der ehemalige Präsident der Arabischen Liga, Amr Moussa, das Rennen machen würde, schien klar. Ein gemäßigter Islamist oder ein gemäßigter Vertreter des alten Regimes – beide gleichermaßen charismatisch und populär.
Doch keiner der beiden hat es in die Stichwahl geschafft. Sie landeten nur auf den Plätzen vier und fünf – Fotouh erhielt 18 Prozent der Stimmen, Moussa nur elf Prozent. Eine Entscheidung zwischen den Islamisten und dem alten Regime bleibt es allerdings. Die meisten Stimmen erhielt der Kandidat der Muslimbrüder, Mohammed Morsi, mit 24,9 Prozent, dicht gefolgt von Mubaraks ehemaligem Minister Ahmed Shafik mit 24,5 Prozent.
»Keine Experimente« scheint dieses Ergebnis zu sagen. Die islamistischen Wähler folgten trotz aller Widersprüche ihrer Partei. Die »Partei für Freiheit und Gerechtigkeit« hatte vor einem Jahr Fotouh ausgeschlossen, weil er für das Präsidentenamt kandidieren wollte. Die Muslimbrüder wollten keinen Kandidaten aufstellen. Erst im April dieses Jahres überlegten sie es sich anders, als der Militärrat trotz ihrer Mehrheit im Parlament das Kabinett nicht umbildete. Dabei war Mohammed Morsi zweite Wahl. Zwar ist er ein altgedienter Muslimbruder und inzwischen Parteivorsitzender, er hat aber den Ruf eines Langweilers.
Auch Ahmed Shafik, der frühere Verkehrsminister und kurzzeitige Ministerpräsident, ist kein Charismatiker. Sein Verdienst besteht im Ausbau des Kairoer Flughafens, aus Egypt Air hat er eine ­respektable Fluglinie gemacht. In einem Land, in dem ziemlich vieles ziemlich schlecht funktioniert, wird das als große Leistung gewertet. Seine Wählerschaft wollte womöglich nicht das alte Regime wählen, sondern eine Person, die etwas von Wirtschaft versteht.
Für die unmittelbare Zukunft Ägyptens bedeutet die Entscheidung nichts Gutes. Wahrscheinlich wird Morsi die Stichwahl am 16. Juni gewinnen. Der Militärrat scheint nicht gewillt zu sein, mit den Muslimbrüdern zusammenzuarbeiten. Kompromisse werden schwierig, zumal Morsi als konservativer Starrkopf gilt. Zudem hat er keine stabile Mehrheit hinter sich. Neben dem deutlichen Zuspruch für das alte Regime gab es noch eine weitere Überraschung: Hamdeen Sabahi erhielt 21 Prozent der Stimmen. Er stammt vom Land und ist vor allem dort populär – wahrscheinlich haben die in Kairo sitzenden Analytiker ihm deshalb kaum Chancen eingeräumt. Sabahi ist Nasserist und Gewerkschafter. Er verspricht einen gerechten Mindestlohn und die gerechte Verteilung nationaler Güter. Das steht in Kontrast zu den wirtschaftsliberalen Vorstellungen der Muslimbrüder. Hier tut sich ein neuer Konflikt auf: Die Ägypter wollen den Islam, aber auch soziale Gerechtigkeit. Gerade in ihren Hochburgen verbuchten die Muslimbrüder Stimmeneinbrüche, in manchen Bezirken des Deltas wurde Morsi nur Vierter. Auch wenn die Islamisten diesmal einen Sieg davon tragen werden, die Zustimmung zu ihrer Politik hat schon bei der zweiten freien Wahl deutlich abgenommen.