Die Reaktionen auf den antisemitischen Angriff in Berlin

Da hilft nur Krav Maga

Der antisemitische Überfall auf einen Rabbiner und seine Tochter in Berlin hat international für Empörung gesorgt. Hierzulande nimmt die Betroffenheit zuweilen skurrile Formen an.
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Statt Kerzen trug man Kippa. Am vorvergangenen Wochenende bekundeten etwa 1 700 Demonstranten in Berlin ihre Solidarität mit dem Rabbiner Daniel Alter, viele Nichtjuden setzten sich demonstrativ die traditionelle Kopfbedeckung jüdischer Männer auf. Alter und seine Tochter waren einige Tage zuvor im Stadtteil Friedenau Opfer eines antisemitischen Angriffs geworden. Die Täter, der Polizei zufolge mutmaßlich arabischer Herkunft, brachen Alter das Jochbein und bedrohten das Mädchen mit dem Tod.
Die Integrationssenatorin Dilek Kolat (SPD) hielt auf der Kundgebung am Tatort die obligatorische Rede gegen Rassismus und »Fremdenfeindlichkeit«. Nicht jeder ist überzeugt von solchen gelegentlichen Bekundungen. Der Antisemitismus­beauftragte der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Levi Salomon, mahnte eine langfristige Strategie gegen Antisemitismus an. »Nach jedem Vorfall haben wir solche Reden«, sagte er vor Ort, »aber im Alltag brauchen wir die Unterstützung.«

Der Angriff bewegte die BZ zu einer Kampagne. Auf Vorschlag der Berliner Boulevardzeitung ließen sich Politiker und Prominente, darunter auch der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), mit Kippa ablichten, um so ihre Verbundenheit mit dem Rabbiner auszudrücken. Vertreter des Judentums begrüßten dies zwar. Doch manche Aussagen der solidarischen Kippa-Träger in der BZ klangen bizarr. »Viele meiner besten Freunde sind Juden«, begründete etwa der Schauspieler Hans-Jürgen Schatz seine Beteiligung. Die Wortwahl war unglücklich, schließlich ist es eine beliebte rhetorische Figur als Israelkritiker getarnter Antisemiten, auf jüdische Freunde zu verweisen, um dem jüdischen Staat mit dem Gestus der Ehrbarkeit den Untergang zu wünschen. Auch die Einordnung des Angriffs bereitete Schwierigkeiten. Häufig war zu lesen, er habe der jüdischen Religion gegolten, Wowereit sprach von einer »Attacke auf die Religionsfreiheit«. Dabei äußert sich die Judenfeindschaft seit dem 19. Jahrhundert vorwiegend nicht mehr religiös, sondern nationalistisch, sozialdarwinistisch, rassistisch und verschwörungstheoretisch. Dieser Antisemitismus hat auch die islamische Judenfeindlichkeit beeinflusst.
Juden diskutieren nun, ob sie sich weiterhin öffentlich zu ihrem Glauben bekennen und dem Risiko eines Angriffs aussetzen sollen. Der Direktor des Potsdamer Abraham-Geiger-Kollegs, Walter Homolka, riet den Studierenden des Rabbinerseminars, auf die Kippa in der Öffentlichkeit zu verzichten. »Offenbar ist man nur sicher, wenn man als Jude nicht mehr sichtbar ist«, sagte er der Welt. Stephan J. Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, wies jedoch darauf hin, dass solche Empfehlungen nahelegten, das Verhalten der Opfer verursache antisemitische Angriffe. So werde den Attackierten nahezu eine Mitschuld zugewiesen. Der Vorsitzende des Zentralrats, Dieter Graumann, bestand darauf: »Jüdisches Leben in Deutschland ist sicher.« Doch offenbar trauen nicht alle Juden dem deutschen Staat zu, antisemitische Attacken zu verhindern. Die Empfehlung einer jüdischen Autorin in der Welt erinnerte an das Bonmot Woody Allens, im Kampf gegen den Antisemitismus sei ein Baseballschläger einem Essay vorzuziehen. Sie rief jüdische Jugendliche dazu auf, sich Kenntnisse der Selbstverteidigung anzueignen, vorzugsweise die von der israelischen Armee entwickelte Kampfsportart Krav Maga.

Für Diskussionen sorgte auch der mutmaßliche Migrationshintergrund der Angreifer. Zwar äußerten die muslimischen Verbände nach einigen Tagen ihr Bedauern über die Tat. Ihre Dachorganisation, der Koordinierungsrats der Muslime, wies aber Kritik an mangelndem Engagement gegen Antisemitismus empört zurück. Muslime bräuchten »keine Lehrstunde«, antwortete der Verband auf die Aufforderung Graumanns an Muslime, sich gegen Antisemitismus einzusetzen. Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, nannte diese Antwort »äußerst unglücklich«. Er selbst könne allerdings auch kein »besonderes Problem des Islam« erkennen. Die vom türkischen Staat geleitete Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion teilte mit, dass »die Abstammung und religiöse Orientierung der Täter bei der Beurteilung« keine Rolle spielte. »Der Hass von muslimischen Migranten auf Juden hat spezifische Ursachen«, betonte dagegen Anne Goldenbogen von der »Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus« in der Jüdischen Allgemeinen. »Er unterscheidet sich signifikant vom Antisemitismus der deutschen Mehrheitsgesellschaft.«
Wie die Integrationssenatorin Kolat darauf kam, der Vorfall habe mit dem muslimischen Antisemitismus »einen neuen Aspekt ans Licht gebracht«, bleibt ein Rätsel. Eine Studie der Amadeu-Antonio-Stiftung nennt den Brandanschlag auf die Düsseldorfer Synagoge im Jahr 2000 als ersten Fall antisemitischer Jugendgewalt mit muslimischem Hintergrund in Deutschland.

Und die Liste wird länger: Am Montag voriger Woche ereignete sich ein weiterer antisemitischer Vorfall. 13 Schülerinnen der orthodoxen Or-Avner-Schule wurden im Stadtteil Charlottenburg beleidigt, als sie sich auf Hebräisch unterhielten. Der Angriff ging von einer Gruppe Jugendlicher aus, ein beteiligtes Mädchen trug ein Kopftuch.
Die Berliner Polizei zählte im vergangenen Jahr 112 antisemitische Straftaten, darunter eine Gewalttat. Bundesweit war »ausländischer Extremismus« den Behörden zufolge bei einem Zehntel der Fälle das Motiv, die übrigen Delikte gingen von Nazis aus. Da viele Angriffe nicht gemeldet würden, will die Jüdische Gemeinde bis 2013 eine eigene Chronik einrichten. Antisemitisches Potential ist auch außerhalb der Naziszene vorhanden: Einer aktuellen Forsa-Umfrage zufolge halten 18 Prozent der Deutsch-Türken Juden für minderwertig. 2010 waren es noch 14 Prozent.