Bio-Essen ist gut, weil es teuer ist

Der Preis ist heiß

All die Bio-Skandale der letzten Zeit können meiner Gier nach Bio-Produkten keinen Abbruch tun. Denn Bio-Essen ist einfach toll – vor allem, weil es so teuer ist.

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Bio-Fleisch stammt gar nicht von glücklichen Kühen, sondern von ganz armen Säuen. Bio-Betriebe beuten ihre Lohnabhängigen aus, bis sie tot umfallen. Bio-Kartoffeln wachsen nicht auf einem Feld in Niedersachsen, sondern irgendwo in der Wüste, wo skrupellose Pflanzer durstigen Kindern das Wasser abgraben. Deutsche Bio-Äpfel werden gar nicht von linksalternativen Idealisten, sondern von national gesinnten Reaktionären angebaut. Immer wieder wird man als Bio-Konsument von nervigen Besserwissern mit derartigen Verallgemeinerungen überzogen und dann gefragt: Kann man angesichts all dessen noch mit gutem Gewissen »bio essen«?
So wahr all dies auch im Einzelfall sein mag: Ich kann. Und der Durchschnitts-Bio-Konsument kann das auch. Denn geht es uns beim Bio-Essen um das Wohl des Mastviehs? Um erträgliche Arbeitsbedingungen? Um die sogenannte »Nachhaltigkeit«? Um all das geht es nicht. Mir jedenfalls geht es beim Bio-Essen nur um eines: um mich. Und um meine Familie!

Was für mich die Attraktivität der Bio-Waren ausmacht, illustriert zum Beispiel der Schinken, den ich eben in meinen Einkaufswagen werfe. Auf der Packung steht »Ohne Nitritpökelsalz«. Ich weiß zwar nicht, was Nitritpökelsalz ist und auch nicht, warum es besser ist, wenn es im Schinken, der mich und meine Lieben nährt, nicht enthalten ist. Aufgrund der Aufschrift nehme ich aber an, das Nitritpökelsalz Krebs, Aids oder Alzheimer verursacht, und bin einfach mal wieder froh, dass ich hier im Bio-Supermarkt einkaufe – und nicht bei Aldi, wo mich niemand vor Nitritpökelsalz gewarnt hätte.
Denn das Gute am Bio-Supermarkt sind die kritischen Konsumenten. Leute wie die Kundin neben mir, die jede Karotte fragend prüft, mögen wie Relikte aus Zeiten erscheinen, in denen winzige Bio-Läden wurmige Äpfel und Getreidesäcke voller Motten feilboten, aber solche Kunden sind es, die mich noch heute vor todbringendem Schinken bewahren. Dank deren bewusster Ernährungsweise greife ich auch noch unbedarft nach der Bio-Salami, denn wäre da Nitritpökelsalz enthalten, hätten sich bestimmt schon etliche jener paranoiden Väter beschwert, die sich ernsthaft mit Fragen herumschlagen, wie giftig nun E521 oder wie krebserregend E123 ist.
Nun mag man entgegnen, dass die Schwarmintelligenz der Bio-Kunden mit Individuen wie mir tendenziell eher abnimmt. Das ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Doch jedes Mal, wenn mal wieder Dioxin in Bio-Eiern gefunden wird, werden neue Konsumenten motiviert, sich mit Grenzwerten, der Bedeutung von Eierstempeln oder anderen Fragen der bewussten Ernährung zu befassen. Und so hat jeder Lebensmittelskandal sein Gutes – ein jeder trägt zur Regeneration jener Ökos bei, die den Schinken im Bio-Laden sicherer machen. Und eben nicht den Aldi-Schinken. Wer bitte fragt schon nach Nitritpökelsalz bei Aldi? Welche skandalhungrigen Journalisten recherchieren den Pestizidgehalt der Paprika von Netto? Na bitte.

Ginge es bei Bio allerdings nur um Hypochondrie, wären die Waren nicht halb so attraktiv. Richtig reizvoll werden Bio-Lebensmittel erst durch ihren Preis. Der Schinken in meinem Einkaufswagen ist nicht nur ein ängstliches »Für mich bitte keinen Krebs«, sondern vor allem ein freudig-selbstbejahendes »Ich bin es mit wert«. Und natürlich ist Bio für von Abstiegsängsten geplagte Mittelschichtskinder wie mich die ideale Selbstvergewisserung, dass man noch nicht zu den ganz armen Losern gehört, die mit einem Glas Bockwürsten, drei Dosen Bier und einem Underberg bei Penny an der Kasse stehen.
Die Distinktion nach unten ist der Grund, dass wir Bio-Anhänger mittlerweile von linken Blockwarten als Yuppies und Gentrifizierer beschimpft werden. Auch wenn nicht ganz einleuchtet, inwiefern ein Einkauf bei Lidl praktizierte Solidarität mit dem abgehängten Prekariat wäre – Anschuldigungen wie diese tun Bio-Kunden wie mir sehr weh. Denn früher prallten Vorwürfe von Konsumfeinden und Verzichtsethikern an uns Bio-Kunden halbwegs zuverlässig ab: Mit dem Hinweis, man kaufe sein Fleisch bio, ließ sich sogar manche Softcore-Vegetarierin besänftigen. Wenn es mit dem Verfall des Bio-Nimbus so weitergeht, ist das aber noch kein Grund, auf Bio zu verzichten. Aber einer, zu hoffen, dass der Markt bald Abhilfe schafft. Mit einem neuen teuren Label, das uns wieder ein reines Gewissen mitverkauft.