Hat eine Pension für Flüchtlinge in Bayern besucht

Willkommen in Brand 1

In bayerischen Asylbewerberheimen gibt es nicht genug Plätze. Deshalb hat das fränkische Landratsamt 21 Männer aus Äthiopien und Somalia in einer Pension im Fränkischen Seenland untergebracht. In einem Dorf mit gerade mal 100 Einwohnern. Eine ungewöhnliche deutsche Geschichte.
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Der Angreifer kommt in der Nacht zum Sonntag, und er kommt mit der Axt. Voller Wut schlägt er Kerben in die Türen. Erst Zimmer Nummer 3, dann Zimmer Nummer 7. Die Türen geben nicht nach. Dann drückt er die Klinke von Zimmer Nummer 6 und steht plötzlich vor dem Bett eines der Asylbewerber. Da fliegt draußen im Gang eine andere Tür auf. Zwei Männer stürmen heraus. Der Lärm hat sie geweckt. Sie kennen den Angreifer, reden ihm gut zu und locken ihn zurück in den Gang. Am Ende liegt die Axt auf dem Boden, und der Angreifer, der Mieter aus dem Dachgeschoss, trollt sich zurück in seine Wohnung. Kurz darauf holt ihn die Polizei ab.
Vier Wochen später muss sich Marion Hiller rechtfertigen. Die Wirtin sitzt mit Gamdaa und Tsegaye am Frühstückstisch der Pension »Brandner Hof« im Fränkischen Seenland. Die Äthiopier werfen ihr vor, dass sie nichts gegen den unberechenbaren Mieter unternehme. Sie regen sich darüber auf, dass der Mann nur ein paar Stunden in der Ausnüchterungszelle gesessen habe und nun wieder in seiner Wohnung über Hillers Gasthof lebt. Die 46jährige schüttelt entschuldigend den Kopf und sagt: »When I can make what I want, this man don’t live here, he live in the police.« Auf Deutsch fügt sie dann hinzu: »Wäre einer meiner Jungs nachts mit der Axt durchs Haus gerannt, hätten sie ihn eingesperrt. Eingesperrt und zurückgeschickt. Nach Äthiopien, Somalia oder sonst wohin«, da ist sich Marion Hiller sicher.
Der Brandner Hof hat acht Zimmer, und alle Gäste stammen aus Äthiopien und Somalia. Insgesamt wohnen dort derzeit 21 Männer, die in Deutschland Asyl beantragt haben. Sie wohnen hier, weil die Asylbewerberheime der Region überfüllt sind – manche schon seit September 2010. Marion Hiller und ihr Mann Wolfgang zögerten, als ihnen das Landratsamt die neuen Gäste anbot. »Wir wussten ja nicht, was das für Menschen sind«, sagt Marion. Früher war im Nachbardorf Obererlbach ein Asylbewerberheim. »Da kam oft die Polizei. Schlägereien, Alkohol, das war verrucht«, sagt Wolfgang Hiller. Aber da im Brandner Hof seit Jahren kaum noch Gäste absteigen und es im August 2010 ständig regnete, nahmen die Hillers das Angebot an.
Marion hat Barsch mit Bandnudeln und Spinat gekocht, für Gamdaa und Tsegaye und für die anderen ihrer »Jungs«. Dazu stellt sie auf jeden Tisch ein Glasschälchen mit Chilischoten. Die Männer essen gerne scharf. Sie stecken sich die Schoten stückweise in den Mund. Nur Teweldi rührt seine Portion nicht an. Er hasst Spinat. »Ich wusste gar nicht, dass du so knäschich bist«, sagt die Wirtin. »Knäschich« ist fränkisch. Wie alles hier, außer den Chilischoten und den Gästen. Über der Theke leuchtet Reklame für Felsenbräu, eine Tafel bewirbt das Spezialangebot: »Schweinebraten mit Klößen und Salat 8,20 Euro«.

An jedem Sonntagabend treffen sich die Männer des Dorfs im Brandner Hof zum Stammtisch. Eine Woche bevor die neuen Gäste einzogen, setzten sich die Hillers zu ihnen. Sie teilten ihnen mit, wen sie da in Zukunft beherbergen würden. Und weil alle wussten, wie es um den Brandner Hof stand, wagte keiner zu protestieren. Der Besitzer der Pension kommt nicht zum Stammtisch. Er wohnt zwei Häuser weiter und war einer der Letzten, der von den neuen Gästen erfuhr. Er denkt pragmatisch: »Was bringt es mir, wenn die Hillers zusperren müssen?« Und Probleme hätten die neuen Gäste ohnehin nur am Anfang gemacht. Manchmal hätten sie bis drei Uhr in der Früh gelärmt.
Der Mieter der Dachgeschosswohnung habe deshalb eine Anwältin beauftragt: »Mir ist egal, ob das Afrikaner sind. Ich habe nichts gegen die Leute, aber so ein Asylantenheim im Haus, das musste ja schief gehen. Meine Freundin ist wegen des Theaters abgehauen«, erzählt er. Ein paar Stunden, bevor er sich die Axt schnappte, war er noch zum Essen im Gasthof. Die Hillers sagen, er habe sich an dem Abend nicht über die Asylbewerber beschwert. Als er ausrastete, hatte er 2,36 Promille Alkohol im Blut.
Idris, ein Somali, sitzt im Fernsehzimmer. Er zappt durch seine Lieblingssender: Kabel 1, ZDF Info, Arte. Beim Frauensender Sixx bleibt er hängen. Es läuft eine Beziehungskomödie mit dem Titel »Mogelpackung Mann«. Idris will Deutsch lernen, deswegen schaut er nicht auf den zweiten Fernseher, den die Hillers daneben aufgestellt haben. Dort laufen die Nachrichten von Somali Channel. Zu sehen sind Politiker in langen Gewändern und Soldaten in Uniform. Sie halten Ansprachen – mal vor Wandteppichen, mal in der Wüste. Somali Channel sendet über Hotbird. Deshalb prangen auf dem Dach des Brandner Hofs zwei Satellitenschüsseln. Über der Terrasse wehen die Flaggen Äthiopiens und Somalias. Die Gäste sollen sich zu Hause fühlen.

Außer Fernsehen gibt es in Brand wenig zu tun. Gerade mal 127 Menschen wohnen hier – inklusive der Asylbewerber. Weil es keine Kirche gibt, hängt die Glocke im Türmchen des Feuerwehrhauses. Eine Tür, ein Garagentor. Ein Mannschaftswagen passt so eben rein. An der Scheune gegenüber dem Brandner Hof verblassen angetackerte Plakate. Der Bauer liegt im Pflegeheim. Das Dorf ist zu klein für Straßennamen, die Häuser tragen Nummern. Der Gasthof liegt an der einzigen Kreuzung. Anschrift: Brand 1.
»Zimmer frei« steht auf der Tafel vor dem Gasthof. »Das müssten wir mal wegwischen«, denkt sich Wolfgang Hiller jedes Mal, wenn er an der Tafel vorbeikommt. Feriengäste werden die Hillers nie mehr beherbergen. Auch, wenn das Landratsamt die Asylbewerber umquartieren sollte, die Kündigungsfrist beträgt nur einen Monat. »Wenn ich die Jungs nicht mehr habe, muss ich zusperren«, sagt Marion. Sie bedeuten ihr auch menschlich viel. Fast so viel wie ihre beiden Töchter. »Für die Jungs bin ich die Psychologin, die Mama«, erzählt sie stolz. Abends, nachdem die Wirtin den Herd geputzt hat, kommen die Männer manchmal zu ihr in die Küche. Dann erzählen sie von der Gewalt. Von der Flucht. Von ihren Frauen und Kindern.

»Mama! Mama!« ruft Mishrak in den Gastraum. Mit zwei anderen Äthiopiern will er nach Nürnberg fahren, Marion Hiller soll sie zum Bahnhof bringen. Sie steht auf und schimpft: »Könnt ihr das nicht früher anmelden?« Zwei Minuten später lenkt sie ihren Peugeot-Kombi aus der Hof­aus­fahrt. Über die Bundesstraße fährt sie die fünfeinhalb Kilometer zum Bahnhof Gunzenhausen. Schon zum zweiten Mal heute. Vor dem Frühstück hatte sie vier andere Äthiopier zum Zug gebracht. Regionalbahn nach Würzburg, Abfahrt 7.37 Uhr. Von dort wollten sie weiter nach Frankfurt, zu einer Demonstration von Exil-Äthiopiern.
Busse gibt es in Brand nur zwei pro Tag, der letzte fährt um 14.25 Uhr. Ab Gunzenhausen fahren jede halbe Stunde Züge in Richtung Nürnberg. Wollen die Asylbewerber den Regierungsbezirk verlassen und nach Augsburg oder München fahren, müssen sie Tage zuvor beim Landratsamt eine Erlaubnis beantragen. »Green Cards« nennen sie die Scheine. Meistens schreiben die Hillers die Anträge und schicken sie per E-Mail an den Sachbearbeiter. »Dann geht es zu wie beim türkischen Bazar«, erzählt Wolfgang Hiller. Beantrage er eine Woche Reisefreiheit, genehmige das Amt drei Tage. »Am Ende einigen wir uns auf vier.«
Marion Hiller schaut durch die Lagertür in den Hof. Draußen werkeln Gamdaa und Tsegaye an einem Fahrrad herum. »You can wash my car!« ruft sie den Äthiopiern zu und lacht. Am Rand der Heckscheibe, dort, wo der Scheibenwischer nicht hinreicht, klebt eine Schmutzschicht. Mit den Fingern hat jemand »Hallo Marion und Wolfgang« darauf geschrieben. Als die Wirtin nach 20 Minuten wieder hinausschaut, tropft Putzwasser vom Auto und rinnt zum Kanaldeckel. Auf der Straße rumpelt ein Traktor vorbei, im Lack des Peugeot spiegelt sich die Sonne. Gaamda und Tsegaye saugen die Fußmatten und sehen plötzlich sehr deutsch aus.
Viermal hat die Polizei Asylbewerber aus dem Brandner Hof abgeführt. »Erst wachsen sie mir wie Kinder ans Herz, und dann werden sie abgeschoben«, sagt Marion. Beim ersten Mal rückte die Polizei mit drei Wagen an. »Der Einsatzleiter hatte alle seine Leute mobil gemacht. Die haben das ganze Haus umstellt«, erzählt Wolfgang Hiller. Sogar im Garten seien Polizisten mit Schlagstöcken gestanden. Es half nichts. Die zwei gesuchten Somalis waren am Vortag geflohen. Vorigen Sommer holten die Beamten Abdilahi. Der Muslim aß kein Schweinefleisch. »Ich durfte ihm noch den Rest vom Mittagessen einpacken. Wir wussten ja nicht, was es im Flugzeug gibt«, erinnert sich Marion. Mit einer Tupperdose im Gepäck stieg der Mann ins Polizeiauto. »Mama, schon gut«, habe er zum Abschied zu Marion gesagt.

Sonntagmorgen. Die Männer tragen ihre besten Kleider. Einer von ihnen hat seine äthiopische Tracht angezogen: Hose, Hemd und eine Art Pullunder, alles in Weiß. Auf einem Tisch im Gastraum steht das Kreuz, das Mugdar aus Zweigen und Blumen geflochten hat. Rebecca Hiller, Marions und Wolfgangs Tochter, feiert Konfirmation. Nacheinander stellen sie sich alle neben der 13jährigen auf. Fototermin. Dann steigen sie in die Autos der Verwandtschaft. Um 9.30 Uhr beginnt in Haun­dorf der Gottesdienst.
Zwölf Stunden später, nach dem Abendessen, tönt aus Laptop-Boxen äthiopische Popmusik. Es wird getanzt. Die Verwandten der Hillers sitzen hinter den Tischen und schauen skeptisch zu, wie die Männer in die Knie gehen, in die Hände klatschen und mit den Schultern wackeln. Auf einer Konfirmationsfeier haben sie noch nie getanzt. Die Blicke verstören die Gäste der Hillers. »Mama, was ist das? Leute nicht gut?« fragt einer von ihnen. »Doch, die trauen sich nur nicht«, erklärt ihm die Wirtin. Dann trauen sich die Männer und fordern die Frauen zum Tanzen auf. Mit Erfolg: Die Großmutter, die Bedienung und Marion Hiller tanzen mit den Äthiopiern und Somaliern um die Tische.
Zu jeder vollen Stunde schlägt im Gastraum eine Wanduhr. »Der Kadiye ist jedes Mal zusammengezuckt, als ob er in Deckung geht«, erzählt Marion. Den Somali hatte sie besonders gern. Er war klein und zierlich, 23 Jahre alt. Drei oder vier Mal pro Woche kam er in die Küche. Dann stand er neben dem Herd und spielte mit den Gasflammen. Erst war er verschlossen, nach einigen Monaten öffnete er sich und erzählte seine Geschichte: Milizionäre hatten ihn entführt, als er ein Kind war. Sie zwangen ihn, für sie zu kämpfen. Bis Kadiye Jahre später nach Europa floh und in Italien strandete. Dort kümmerte sich niemand um ihn. Er schlief in Bahnhöfen oder alten Fabriken. Kadiye floh wieder, diesmal nach Deutschland.
Die EU schreibt vor: Wer in einem Mitgliedsstaat Asyl beantragt, muss dort bleiben. Die Behörden überprüfen das streng. Sie vergleichen Fingerabdrücke. Wer schon in Italien war und auffliegt, wird zurücktransportiert. Aber Kadiye wollte auf keinen Fall zurück. Er zitterte vor dem Gedanken, seine Fingerabdrücke abgeben zu müssen. Lieber wollte er abtauchen und weiterflüchten. In Frankreich sei alles einfacher, erzählen sich die Somalis.
Eines Abends schlich Kadiye in die Küche. »Mama«, sagte er, und dann, nach einer langen Pause: »I need to go.« An diesem Abend gestand er Marion Hiller, warum er so oft zu ihr in die Küche gekommen war. Er wartete jedes Mal, bis sie kurz den Raum verließ. War sie weg, hielt er seine Finger in die Herdflammen. Dann ging er zum Wasserhahn und ließ kaltes Wasser über die Kuppen fließen. Und zog sich die verbrannte Haut von den Fingerspitzen.