Über politischen Protest und Popkultur am Beispiel eines Videos zu Guantánamo

Prominenter Protest

Mos Def macht mit einem eindrucksvollen Video auf den Hungerstreik und die Zwangsernährung von Häftlingen auf Guantánamo aufmerksam. Thomas Ewald kritisiert die Deligierung des politischen Protests an die Popkultur.

Protest, der mit Hysterie und Ekel arbeitet und mit Starpower veredelt wird, gerät schnell zum müden Marketinggag. Fast alle größeren Kampagnen der vergangenen zwei Jahrzehnte wurden nach obigem Rezept entworfen; etwa die bunten, großflächigen Werbekampagnen von Benetton Anfang der Neunziger, die suggerierten, dass Kriege, Krankheiten und Misshandlungen Mittel seien, um Authentizität herzustellen. Dann entdeckte die Tierrechtsorganisation Peta den Hochglanz von Modestrecken und die Anziehungskraft von riesigen Plakatflächen für sich. Das Ergebnis sind Klickstrecken auf sogenannten Newssites mit Überschriften wie: »So sexy räkeln sich unsere Stars.« Inzwischen weiß ich gar nicht mehr, ob ich Pamela Anderson öfter im knallroten Badeanzug in »Baywatch« oder im schlammigen Theaterblut in Peta-Spots gesehen habe. Die Meta-Message ist ohnehin die: Eine Körpervermarkterin geht ihrer Profession nach. Womit ich an jenem Punkt bin, an welchem es in Sachen moderner Protest-Taktik vollkommen lächerlich wird: bei Femen.
Große NGOs agieren heute wie Werbeagenturen. Immerzu schreien sie einem ihr »Aufpassen, unsere Anliegen heute besonders billig und bekömmlich« entgegen, so dass, wie edel die Sache an sich auch sein mag, die einem von studentischen Drückerkolonnen an Infoständen in der Innenstadt nahebracht wird, bei mir kein Interesse aufkommt.
Entsprechend skeptisch war ich, als am Montagmorgen vergangener Woche die ersten »Must Watch«-Tweets in meiner Twitter-Timeline aufliefen. Yasiin Bey alias Mos Def schocke in einem Protestvideo, hieß es. Mein Gehirn schaltete den Adblocker ein. »O nein, jetzt macht der große MC auch so einen Blut-und-Hoden-Scheiß, um seine Bekanntheit auf dem Rücken der Schwächsten zu stärken«, dachte ich. Doch irgendwann musste ich mir das Video mit Yasiin Bey anschauen. Nach vier Minuten setzte dann etwas ein, was nicht einmal die Kampagne gegen Waterboarding von Amnesty International geschafft hatte: Betroffenheit.
Das liegt vor allem an Bey. Gut gekleidet, aber müde steht er in einem weißen Klinikraum mit Behandlungsstuhl. Er nennt seinen muslimischen Namen, den er seit 2012 offiziell angeommen hat, und sagt dann: »Ich werde mich dem Standardprozedere der Zwangsernährung für hungerstreikende Häftlinge in Guantánamo unterziehen. Guten Morgen.« Cut. Bey im »Gitmo-Style-Pyjama« wird an Ketten in den Raum geführt und am Behandlungstuhl festgezurrt, Kopf, Arme und Beine werden mit dicken Ledergurten fixiert. Eine Ärztin präpariert einen Schlauch, misst die Entfernung vom Nasenloch bis zum Zwerchfell bei ihrem Patienten. Cut. Bey zittert erbärmlich, Tränen tropfen aus den Augen, der Mund schmerzverzerrt, dicke Schleimfäden hängen an seinen Lippen. Trotz der Fixierung müssen ihn vier Männer mit Unterarmen wie Kugelstoßer in den Folterstuhl pressen. Die Ärztin lässt nicht locker, doch mit dem Ende des Silikonschlauchs kommt sie nur bis zum Kehlkopf, noch weit entfernt vom Mageneingang. Dann erklingt die Stimme aus dem Off: »Stop it!« Sichtlich mitgenommen spricht Bey am Ende über die stechenden Schmerzen, die die Behandlung bei ihm ver­ursacht haben.
Die US-amerikanische NGO Reprieve hat den Clip in Auftrag gegeben, der zuerst auf der Website des britischen Guardian veröffentlicht wurde. Die NGO kämpft für die Rechte von 166 Guantánamo-Häftlingen, von denen nach Angaben der Organisation derzeit bis zu 44 Personen diese Form der Zwangsernährung über sich ergehen lassen müssen. Bereits im April veröffentlichte die britische Times ein Protokoll, das Reprieve vom Anwalt eines bis heute nicht verurteilten, aber seit elf Jahren auf Guantanamo einsitzenden Häftlings erhalten hat. Der Jemenit Samir Naji al Hasan Moqbel erzählt darin von den Qualen, die er über sich ergehen lassen muss: Zweimal am Tag werde ihm der Schlauch zu wahllos ausgesuchten Zeiten durch die Nase gedrückt, wegen des Mangels an medizinischem Fachpersonal übernehme das auch mal ein Wärter. Eine »Mahlzeit« dauere manchmal über zwei Stunden, Widerstand sei sinnlos. Moqbel berichtet von Schluckbeschwerden, blutigen Auswurf und andauernder Übelkeit.
Das Protokoll ist nicht weniger erschütternd als das Video. Als der Augenzeugenbericht des Häftlings erschien, blieb meine Timeline allerdings leer. Die Aufmerksamkeit ist begrenzt und das alle demokratische Werte verspottende Lager gibt es schon zu lange. Der mediale Durchlauferhitzer hat es wieder ausgespuckt und jetzt ist »Gitmo« nur ein staubiger Ort an Kubas Küste, an dem bärtige Männer hausen, die einst als Jugendliche mit Flaum im Gesicht eingekerkert wurden.
Ohne einen Star als Katalysator der Message kann die Empörung über derartige Missstände anscheinend nicht mehr geweckt werden. Ohne George Clooney wäre Darfur nur ein Phantom. Dank Clooney ist es als eine Region bekannt, in der es irgendwie nicht so gut läuft. Und ohne Angelina Jolie wüssten viele nicht, dass es in Kambodscha Schwierigkeiten gibt, wie es ein Reisekatalog darstellt. Doch die so erzeugte Aufmerksamkeit ist gefährlich. Nicht etwa, weil den Opfern mit dieser kurzzeitigen PR nicht geholfen werden kann, sondern weil solche Kampagnen davon ablenken, dass der Westen und die Bürger tief in das Elend verstrickt sind. Wenn aber Clooney etwas Gutes tut, glauben viele, dass dies schon ausreichte. Es ist ein Die-da-oben-Ding. Der Protest wird an die Prominenz delegiert. Nur sie hat die Macht und Ausstrahlung, den Mächtigen die Leviten zu lesen. Natürlich gehen auch Bürger auf die Straße und demonstrieren. Aber hat man nicht in letzter Zeit das Gefühl, dass der Protest in einem schwarzen Loch verschluckt wird? Liegt das in Deutschland an der Wurstigkeit von Angela Merkel und in den USA am Charme von Barack Obama?
»Euro Mayday«, »Blockupy«, »Stasi 2.0«-Demonstrationen und Mieterproteste sind zwar gut besuchte Veranstaltungen. Im Internet werden Petititionen unterschrieben und auf Facebook der Protest geliked. Doch ist es nicht so, dass Pop nicht mehr Teil unsere Protestkultur ist, sondern Protest Teil unsere Popkultur? Mit bunten, sexy Anziehsachen von Benetton wie in den Neunzigern?
Als Hunter S. Thompson vor dem Kongress der Demokratischen Partei 1968 in Chicago die ausufernde Gewalt der Polizei gegen friedlich Demonstranten miterlebte, zerbrach etwas in ihm. Danach wurde aus ihm der erste Troll, und zwar noch vor der Erfindung von Twitter: eine Art Fenster-Rentner mit zynischem Hass gegen alles, was nach »gutgemeint« aussah. Als John Lennon und Yoko Ono im Hotel für »Make Love not War« protestierten, wird ihnen das Motiv der Kampagne so selbstverständlich vorgekommen sein wie der Spruch »nach dem Toilettengang bitte die Hände waschen«. Doch selbst diese Binsenweisheit ist schnell vergessen, wenn man es eilig hat, und zum nächsten Protest-PR-Gig hecheln muss.

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