Über Krise und Gesundheit in Griechenland

Tödliche Nebenwirkungen

Sparen schadet der Gesundheit, stellten zwei Epidemiologen kürzlich fest. Doch an der Griechenland-Politik der Troika soll sich nichts ändern.

Zu wenig und zu langsam, lautet das Fazit des jüngsten des Berichts der sogenannten Troika (Europäische Kommission, Europäische Zentralbank und Internationaler Währungsfonds) zu Griechenland. Der Staat habe sein Steuersystem nicht schnell genug reformiert und nicht genügend Stellen im öffentlichen Dienst gestrichen. Bevor es neue Zahlungen gibt, soll die Regierung einige tausend öffentliche Bedienstete entlassen.
Dabei kann die griechische Regierung erstaunliche Ergebnisse vorweisen. In den vergangenen fünf Jahren wurde das Haushaltsdefizit von 15,6 auf voraussichtlich 4,3 Prozent gesenkt. In einen solchen Ausmaß ist dies noch keinem anderen Land der EU gelungen. In diesem Jahr übertreffen die Griechen sogar die Planvorgabe. Doch je mehr das Land kürzt, desto tiefer versinkt es in der Rezession. Sogar der IWF hat eingeräumt, dass zwischen den eigenen Prognosen und der Realität ein »sehr großer Unterschied« bestehe. Der IWF rechnete fest damit, dass 2012 die Wirtschaft in Griechenland wieder wachsen würde. Stattdessen verschlechtert sich die Lage. Nun wird der Aufschwung für 2014 prognostiziert.
Seit fast fünf Jahren schrumpft die griechische Ökonomie ununterbrochen, über ein Viertel der früheren Wirtschaftsleistung ging verloren. Auch dies ist in Westeuropa beispiellos, kein anderes Land hat dort seit Kriegsende ähnliches durchgemacht. Allein in den vergangenen drei Jahren haben eine Million Menschen ihren Job verloren, zwei Drittel der Jugendlichen unter 25 Jahre sind arbeitslos. Ein Jahr lang wird Arbeitslosengeld in Höhe von 360 Euro gezahlt, danach ist Schluss.
Einige Folgen dieser Politik haben die Epidemiologen David Stuckler und Sanjay Basu kürzlich in ihrem Buch »The Bodys Economic« aufgezeigt. Die Wissenschaftler haben jahrelang Statistiken und Zahlenmaterial gesichtet, um zu ermitteln, wie sich Wirtschaftskrisen auf die Gesundheit der Bevölkerung auswirken. Rezessionen können schmerzhaft sein, aber Austeritätspolitik tötet, könnte man ihre Ergebnisse zusammenfassen.
So musste Griechenland, einer Auflage der Troika folgend, seit 2009 rund ein Drittel seines Gesundheitsetats kürzen, der von 24 auf 16 Milliarden Euro sank. In den folgenden Jahren wurde weiter gespart, denn nach einem Beschluss des IWF darf das Land nur noch maximal sechs Prozent seines Bruttosozialprodukts für die Gesundheitsversorgung verwenden. Seitdem ist die Kindersterblichkeit um 40 Prozent und die Rate der HIV-Infektionen um 52 Prozent gestiegen, wie die Zahlen der Autoren belegen. In den Krankenhäusern fehlen selbst einfachste Dinge wie Handschuhe oder Schmerzmittel. Nur zwei Drittel der Bevölkerung können noch ein Hospital aufsuchen – der Rest ist aus der Krankenversicherung geflogen. Während die Zahl der Erkrankten deutlich zunahm, fielen 35 000 Klinikstellen weg.
Angesichts der ökonomischen Langzeitfolgen, die durch Selbstmorde, Krankheit und Arbeitslosigkeit entstehen, entlarve sich die Austeritäts­politik als destruktive Ideologie. »Die Nebenwirkungen der Behandlung sind katastrophal und oftmals tödlich. Es konnte kein positiver Nutzen festgestellt werden«, schreiben die Autoren. Angesichts dieser fatalen Entwicklung ist unklar, was die Politik der Troika eigentlich bezwecken soll. Falls sie ein Exempel an Griechenland statuieren wollte, ist es ihr zweifellos gelungen.

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