Verhaftungen von Journalisten in der Türkei

Zieht euch warm an

Während der Proteste in der Türkei wurden viele kritische Journalisten gezielt angegriffen.

Mehmet Kaçmaz hatte Glück. Das Plastikgeschoss verfehlte sein Auge nur um einen Zentimeter. Auf Facebook löst ein Foto dennoch Empörung und Entsetzen aus. Es zeigt Kaçmaz im Profil, er hält sein linkes Auge, eine Seite seines Gesichts ist blutüberströmt. Der Fotograf aus dem Kollektiv der Agentur Nar (Granatapfel) war am 6. Juli auf dem Weg zu dem Büro der Gruppe in einer Seitenstraße der Istiklal Caddesi gewesen. Es fand eine Demonstration zum Gedenken an die sechs Menschen statt, die durch Polizeigewalt, abgefeuerte Gaskartuschen und Plastikpatronen ihr Leben verloren haben.
»Ich wollte nur ein paar befreundete Journalisten begrüßen, die bereits auf der Istiklal Caddesi auf den Demonstrationszug warteten. Es war ganz ruhig. Ich hatte überhaupt nicht mit der Polizei gerechnet«, sagt Kaçmaz. Das Geschoss wurde gezielt abgefeuert, Anlass dazu hatte er nicht gegeben. Sein linkes Auge ist immer noch geschwollen, die zerfetzte Augenbraue musste mit vier Stichen wieder zusammengeflickt werden.
Kaçmaz sitzt an einem Tisch voller Bilder von Fotografen, die sich nicht als Dokumentatoren, sondern als Teil der Protestbewegung verstehen. Er war nur einer von vielen Journalisten und ­Fotografen, die Ziel der Aggressionen der Polizei wurden. Während Verletzungen und Todesfälle offiziell stets als Folge gewalttätiger Ausschreitungen bezeichnet werden, wurde Kaçmaz wie viele andere in einer völlig gefahrlosen Situation angegriffen. »Unser Büro liegt an der Istiklal Caddesi in der unmittelbaren Nähe einer Polizeistation. Die Polizisten kennen uns als Fotojournalisten und sind sauer über unsere Dokumentationen ihrer Gewaltexzesse«, sagt er.

Die türkischen Medien sind von vielerlei Instanzen abhängig. Regierungsnahe Konzerne haben sich in den Medienmarkt eingekauft. Unab­hängige werden mit Geldstrafen oder Publikationsverboten eingeschüchtert. Der Sender Ulus Kanal machte schon vor den Protesten um den Gezi-Park auf die Zensurpolitik aufmerksam. Nachdem bei einem Anschlag in der Provinz Hatay 45 Menschen getötet worden waren, hatte die Rundfunkbehörde ein Berichterstattungsverbot erlassen. Die Moderatoren erschienen mit verbundenem Mund auf dem Fernsehschirm.
Halk TV, Ulusal TV und Cem TV mussten während der Gezi-Proteste aufgrund des Vorwurfs der »Aufwiegelung der Bevölkerung« Geldstrafen zahlen. Kritische Journalisten gelten den Sicherheitskräften als unerwünschte Störer und werden immer wieder angegriffen. Der aufgrund seiner Publikationen zur Infiltration des Polizeiapparats durch Nationalisten und Sektenanhäger berühmte Journalist Ahmet Şık wurde gleich zweimal ihr Ziel. Schon am zweiten Tag der Proteste traf Şık eine Gaskartusche am Kopf, zwei Wochen später feuerte ein Polizist eine Gaskartusche aus drei Metern Entfernung auf Şıks Hinterkopf. Der Journalist trug zum Glück einen Stahlhelm, in dem das Geschoss eine tiefe Delle hinterließ. Şık kam mit einem Schrecken davon.
»Einem Kollegen, dessen Namen ich nicht nennen möchte, hat eine Gaskartusche den Fersenknochen zerschmettert«, erzählt Mehmet Kaçmaz. Nach der Festnahme und Anklage von Ärzten als Helfer der »Aufrührer« haben Verletzte oft Angst, als Demonstranten identifiziert zu werden. Sie ziehen es vor, zu Hause einen Arzt zu konsultieren und sich dort auszukurieren.
Die Einschüchterung ist überall erkennbar. Am Anfang des Fastenmonats Ramadan am 8. Juli wurden zwölf Organisatoren der Proteste im Gezi-Park als angebliche Provokateure festgenommen. Sie hatten auf Twitter zu einem gemeinsamen Fastenbrechen der oppositionellen Muslime auf dem Istiklal-Boulvard aufgerufen, unter ihnen waren die Präsidenten der türkischen Ärzte- und Architektenkammer. Während die Statdtverwaltung von Beyoğlu auf dem Taksim-Platz ein paar hundert Leute verdonnert hatte, an weiß gedeckten Tischen zu tafeln, hockten Tausende auf der langen Einkaufsstraße und teilten ihr mitgebrachtes Essen. Die Agentur Nar produzierte eine Reihe beeindruckender Aufnahmen von diesem historischen Ereignis. Die Gruppe der antikapitalistischen und der revolutionären Muslime aus dem Islamistenviertel Fatih saß neben Kemalisten, Linken, Anarchisten und bekennenden Mitgliedern der LBGTQ-Bewegung. Niemand schubste oder drängelte, wie es bei den amtlichen öffentlichen Fastenbrechen stets üblich ist. Tayfun Serttaş, ein Künstler aus der LBGTQ-Bewegung, schrieb, er sei erst skeptisch gewesen. »Es war mein erstes Fastenbrechen seit Jahren. Ich faste ohnehin nicht. Eine traditionelle Frau mit Kopftuch kam und bot mir selbstgemachte Teigtaschen an. Ich weiß auch nicht, das war einfach großartig und rührend.«

Über 1 000 Demonstranten wurden seit Anfang Juni festgenommen. Entlassene berichten von überfüllten Zellen, stundenlangem Warten ohne Essen und Trinken oder die Möglichkeit, eine ­Toilette aufzusuchen. Wie viele Gerichtsverfahren eröffnet werden, ist unklar. Der türkische Menschenrechtsverein warnt vor einer Kriminalisierung: »In der Vergangenheit haben wir bereits erlebt, dass Demonstranten als Mitglieder einer terroristischen Vereinigung angeklagt wurden. Das gilt es zu verhindern.«
Kaçmaz und seine Kollegen bereiten sich bereits auf die nächste Demonstration vor: Gasmaske, Brille und trotz der Julihitze feste Kleidung, die vor Abschürfungen und der ätzenden Flüssigkeit der Wasserwerfer schützt. Saner Şen klopft Mehmet Kaçmaz auf die Schulter und deutet auf dessen genähte Augenbraue: »Memo, das wird eine sexy Gezi-Narbe.«

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