Bürgerwehren gegen die Drogenkartelle in Mexiko

Den Drogenkrieg selbst organisieren

Im mexikanischen Bundesstaat Michoacán kämpfen seit einem Jahr Bürgerwehren gegen das dort herrschende Kartell. In den vergangenen Wochen ist die Auseinandersetzung eskaliert, das Militär greift ein.

Seit Monaten kämpfen in Michoacán selbstorganisierte Bürgerwehren gegen die »Tempelritter«, das in diesem mexikanischen Bundesstaat herrschende Drogenkartell. Und das mit Erfolg. Dorf für Dorf, Kleinstadt um Kleinstadt fiel in den vergangenen Wochen und Monaten in die Hände der stärker werdenden Bewegung, die das Kartell in die Flucht schlagen will. Zuletzt kontrollierten die autodefensas, die Selbstverteidigungsgruppen, 72 der 113 Gemeinden Michoacáns. Vor zwei Wochen schließlich umzingelten sie die Stadt Apatzingán, eine Hochburg des Kartells. Sie drohten, die Stadt anzugreifen. »Wir wollen keine Waffen, aber wenn die Regierung uns nicht hilft, müssen wir uns selbst helfen«, sagt José Manuel Mireles, ein Sprecher der autodefensas.
Die Regierung kam den Bürgerwehren zuvor, besetzte die Stadt und räumte ausgebrannte Fahrzeuge von den Landstraßen und Straßensperren. Seit zwei Wochen patrouilliert die Armee nun mit schwerem Gerät in Apatzingán und 27 anderen Gemeinden. 38 Mitglieder des Kartells seien verhaftet worden, darunter Jesús Vázquez Macías alias »El Toro«, einer der mutmaßlichen Anführer, verkündete ein Sprecher der Sicherheitsbehörden vergangene Woche. Mehr als 1 200 lokale Polizeibeamte seien nach Mexiko-Stadt gebracht worden und würden wegen Verbindungen zum organisierten Verbrechen verhört.

Der im Januar begonnene Militäreinsatz bedeutet einen Strategiewechsel der mexikanischen Regierung gegenüber der Bewegung der autodefensas. Die Regierung des Bundesstaats und auch Bundesbehörden hatten zunächst abwartend reagiert und dann vorsichtig versucht, eine Balance zu finden zwischen der Aufrechterhaltung des staatlichen Gewaltmonopols und dem Eingeständnis, die Sicherheit nicht überall garantieren zu können. Im Zuge dessen wurde auch versucht, die Bürgerwehren in den Polizeiapparat zu integrieren, etwa mit dem Angebot von Schulungen. Doch die Bürgerwehren bestanden auf ihrer Eigenständigkeit. Die Folge war eine gespannte, aber weitgehend friedliche Koexistenz zwischen ihnen und den Armeeeinheiten, die bereits im Mai vorigen Jahres von Präsident Enrique Peña Nieto nach Michoacán verlegt worden waren. Er hatte im Wahlkampf versprochen, die Drogenkartelle anders zu bekämpfen und die Gewalt zu reduzieren.
Als die Bürgerwehren Anfang des Jahres jedoch die Stadt Nueva Italia stürmten und Bilder von einfachen Kämpfern der autodefensas um die Welt gingen, die in T-Shirts, Bandanas und mit Kalaschnikows auf dem weißen Sofa in der Luxuswohnung eines gerade vertriebenen Drogenbosses saßen, war die Regierung zum Handeln gezwungen. Doch so eindeutig wie cineastische Heldengeschichten von edlen Rächern, die für das Volk gegen böse Schurken kämpfen, ist die Situation nicht. Denn der Drogenhandel bestimmt den Alltag in der gebirgigen Region an der Pazifikküste, wo sich, wie in anderen Teilen des Landes, eine regelrechte »Narcocultura«, ein neuer Lebensstil, entwickelt hat. Das landwirtschaftlich geprägte Michoacán produziert traditionell vor allem Limetten, Avocados und Mangos. Vier Millionen Menschen wohnen in dem Bundesstaat, der etwas kleiner als Österreich ist. Die Bevölkerung tolerierte die Kartelle jahrelang und kooperierte auch mit ihnen. Neben der Landwirtschaft wurde seit Ende der achtziger Jahre der Anbau von Marihuana und die Produktion von Methamphetamin in den Drogenlaboren Teil des Alltags.

Während der Konservative Felipe Calderón, ebenfalls aus Michoacán, während seiner Präsidentschaft von 2006 bis 2012 Sozialausgaben zugunsten des militarisierten Kampfes gegen die Kartelle senkte, organisierte »La Familia Michoacana«, das Vorgängerkartell der »Tempelritter«, unbürokratische Hilfe für die Armen und unterstützte lokale Projekte. Auch das jetzige Kartell inszenierte sich als Beschützer der Bevölkerung, sein Anführer, Servando Gómez Martínez alias »La Tuta«, geriert sich als gerechter Volkstribun.
Immer stärker dominierten die Templer in den vergangenen Jahren die Wirtschaft Michoacáns und kontrollierten den größten und strategisch wichtigen Industriehafen des Landes in Lázaro Cárdenas. Chinesische Produkte und Chemikalien zur Drogenherstellung kommen dort ins Land. Agrarbetriebe und Stadtverwaltungen in der Region zahlten zum Teil mehr als zehn Prozent ihres Einkommens als Schutzgeld an das Kartell, bei Weigerung wurden Arbeiter von Kartellkommandos erschossen und Betriebe angezündet.
»Als sie anfingen, unsere Frauen und Töchter zu vergewaltigen, wurde es eine Frage der Würde«, zitieren mehrere Zeitungen autodefensa-Kämpfer. Die ersten Gruppen entstanden im Januar 2013 in Michoacán und im Nachbarstaat Guerrero. Nicht zum ersten Mal in der Geschichte Mexikos nahm die Bevölkerung in den ländlichen Gemeinden, wo der Staat oft kaum präsent ist, das Recht in die eigenen Hände. Mit Macheten, Gewehren und Sandsäcken errichteten die Bürgerwehren Straßensperren an den Eingängen ihrer Dörfer und kontrollierten die einsamen Landstraßen des weiten Berglands. Zunächst schränkten sie die Bewegungsfähigkeit der mobilen Kartellkommandos ein, dann verhafteten sie mutmaßliche Kartellmitglieder, vertrieben die Kartelle aus weiteren Städten und verjagten auch mit den Kartellen kooperierende Bürgermeister und Polizisten, bis Mitte Januar dieses Jahres die Armee in die Region einrückte.
Der jetzige Militäreinsatz habe die Situation lediglich auf dem derzeitigen Stand eingefroren, meinen Beobachter. Offenbar wurden einige Checkpoints der autodefensas geräumt und entwaffnet, es gab Kämpfe, bei denen etwa ein Dutzend Menschen starben. Während Politiker im weit entfernten Mexiko-Stadt noch vor kurzem die Auflösung der autodefensas forderten, soll nun jedoch das Nebeneinander von Militär und Bürgerwehren in einigen Teilen von Michoacán weitergehen. Am Montag unterzeichneten die Regierung und die autodefensas ein Abkommen zur Legalisierung der Bürgerwehren. Sie müssen ihre Mitglieder und Waffen registrieren und sollen dafür von den Sicherheitskräften mit Infrastruktur unterstützt werden.

Die Armee könne die Sicherheit nicht garantieren, bemängelten die autodefensas. Der jüngst verhaftete »El Toro« sei kein führendes Mitglied, sondern lediglich ein wichtiger Killer des Kartells. Doch am Montag fasste die Armee mit Dionicio Loya Plancarte alias »El Tio« auch einen seiner Anführer. »Wir werden die Waffen abgeben, wenn wir Sicherheit haben«, sagte Mireles, Sprecher der autodefensas. Die Bürgerwehren fürchten sich auch vor Racheaktionen. Dies ist nicht unbegründet, wie die Ereignisse der vergangenen Wochen zeigen. Anfang Januar stürzte das Flugzeug von Mireles ab, er überlebte schwerverletzt. Kartellmitglieder griffen das Rathaus von Apatzingán mit Brandsätzen an, es gab Säureattacken. Und wenn die im Zuge der Offensive von Anfang Januar eingesetzten Armeeeinheiten abziehen, sind die Bewohner der Region wieder auf sich allein gestellt. Der derzeitige Armeeeinsatz ist nicht der erste, auch nicht in Michoacán. 2006 begann Calderón mit einer Expedition nach Michoacán seinen Krieg gegen die Drogenkartelle.
Doch auch die Bürgerwehren stehen in der Kritik. Neben einfachen Gewehren tragen ihre Mitglieder mittlerweile auch automatische Waffen. Kritiker vermuten, dass lokale Geschäftsleute den autodefensas Geld zukommen lassen. Politiker und das »Tempelritter«-Kartell behaupten, dass die Bürgerwehren von der »Neuen Generation«, einem konkurrierenden Kartell aus dem Nachbarstaat Jalisco, aufgerüstet würden. Die autodefensas bestreiten das. Sicher ist, dass der Drogenkrieg in Mexiko wieder ein Stück komplizierter geworden ist.

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