Die sozialen Auswirkungen von Mikrokrediten

Kleiner Kredit, große Probleme

Mit Mikrokrediten soll vorgeblich Armut bekämpft werden. Jüngste Studien belegen, dass oft das Gegenteil der Fall ist.

Anzeige

Der Ökonom Friedrich August von Hayek hat das Verhältnis von Kapital und Gerechtigkeit einmal auf folgenden Punkt gebracht: Der Begriff der sozialen Gerechtigkeit sei in einer marktwirtschaftlichen Ordnung mit freier Berufswahl völlig sinnlos. Soziale Gerechtigkeit könne es nur in Befehlswirtschaften geben, wo der Staat über die relativen Einkommen der einzelnen Bürger bestimme. Als Hayek dies im März 1981 dem Magazin Wirtschaftswoche in einem Interview zu Protokoll gab, hatten Margaret Thatcher und Ronald Reagan gerade erst begonnen, den alten Sozialstaat in lauter eigenverantwortliche Individuen zu zerlegen. Hayek, als deren ökonomischer und sozialphilosophischer Vordenker, sprach nur etwas deutlicher als die Politiker aus, dass die Versprechen des Kapitalismus nicht für alle gelten, sondern lediglich für diejenigen, die es schaffen, so viel Vermögen wie möglich auf ihre Seite zu schaffen. Und Hayek stand in diesem Kampf auf der Seite der Vermögenden. Heutzutage sind es die 85 reichsten Menschen, die es geschafft haben, so viel Vermögen auf sich zu vereinen wie die ärmere Hälfte der Menschheit, etwa 3,5 Milliarden Menschen, zusammengenommen.

Der Kapitalismus hat sich aber bereits in den frühen achtziger Jahren nicht nur auf Ideologen wie Hayek verlassen. Im Rahmen seiner immer wieder bestaunten Beweglichkeit wurde gleichzeitig ein heute als »Social Business« bekannter Geschäftszweig erfunden. Dabei geht es darum, Unternehmen zu gründen, die zur Lösung bestimmter sozialer Probleme beitragen sollen. Unternehmen, die ihre Gewinne nicht an Aktionäre ausschütten, sondern wieder in die Unternehmen investieren, damit diese wachsen und den sozialen Effekt vergrößern können. Die Unternehmen müssen dabei den allgemeinen Regeln des Kapitalismus folgen, also wirtschaftlich rentabel sein und sich selbst tragen, um nicht auf staatliche Zuschüsse oder Spenden angewiesen zu sein.
Allgemein bekannt wurde dieses Geschäftsmodell im Jahr 2006, als einem ihrer Erfinder, dem aus Bangladesh stammenden Wirtschaftswissenschaftler Muhammad Yunus, der Friedensnobelpreis verliehen wurde. Er bekam ihn für seine Idee, Mikrokredite an Arme zu vergeben. Das Datum der Umsetzung dieser Idee in die Tat ist der 2. Oktober 1983. An diesem Tag gründete Yunus die mittlerweile ebenfalls weltberühmte Gra­meen Bank. Ziel der Bank war und ist es, durch die Vergabe von Mikrokrediten die Ärmsten der Armen in Kapitalfluss und Markt zu integrieren und die Armut mit den Mitteln des Kapitalismus zu verringern. Damit sollte es aber nicht getan sein, es sollten über die Kredite auch Ungleichheiten innerhalb der armen Bevölkerung wenn nicht behoben, so doch zumindest gemildert werden. Dies gedachte man unter anderem dadurch zu erreichen, dass man die Kredite hauptsächlich an Frauen vergab.

Und zumindest auf Seiten der Kreditgeber und Investoren entwickelte sich das System der Kleinkredite zu einem riesigen Erfolg. »Waren es im Jahr 2001 nur knapp 3 Milliarden Dollar, wurden 2011 fast 90 Milliarden Dollar Kredite an mehr als 200 Millionen Männer und Frauen weltweit vergeben«, schreibt Philip Mader in seiner 2013 veröffentlichten Studie »Zwischen Entwicklungshilfe und Finanzialisierung: Die Mikrofinanz als transnationaler Kapitalmarkt«. Der Text, der auf der Website des in Köln ansässigen Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung leicht zu finden ist, ist eine Zusammenfassung einer Metastudie Maders zu den Auswirkungen der Mikrokredite. Zusammen mit dem am 8. März im Campus-Verlag erscheinenden Sammelband »Rendite machen und Gutes tun? Mikrokredite und die Folgen neoliberaler Entwicklungspolitik«, den Mader mit dem Journalisten Gerhard Klas herausgibt, handelt es sich um ein Resümee der 30jährigen Geschichte der Mikrokredite. Methodisch geht es aber um viel mehr. Das Buch und Maders Studie sind ein Beispiel für eine wirklich kritische Gesellschaftswissenschaft, für ihre Bedingungen wie ihre Möglichkeiten. Und zu den Bedingungen gehört die relative Unabhängigkeit, die Mader dem Umstand verdankt, in einem der letzten nicht naturwissenschaftlich oder technologisch orientierten Max-Planck-Institute arbeiten zu können. Ein Institut, das die Zusammenarbeit mit investigativen Journalisten wie Gerhard Klas nicht nur sucht, sondern auch materiell fördert. Dies erweist sich als absolut notwendig, weil nur der investigative Journalismus die Beschreibungen liefern kann, die den tatsächlichen Vorgang der Enteignung durch Mikrokredite nachvollziehen.

In ökonomischen Statistiken taucht die fortgesetzte Enteignung der Armen durch Verschuldung überhaupt nicht auf, weil die Ökonomen von heute keinen Gebrauchswert mehr kennen. Wenn zum Beispiel eine Familie in Bangladesh einen kleinen Acker und eine Kuh, aber kein Geld besitzt, gilt sie in ökonomischen Untersuchungen als absolut arm. Sie hat kein Geld und die Gebrauchsgüter, die sie mit dem Acker und der Kuh produziert, gelten als nichts. Bekommt die Familie aber 50 US-Dollar Kredit, wird sie als der schlimmsten Armut entkommen verbucht. Ein Vorgang, der das, was Karl Marx die »sogenannte ursprüngliche Akkumulation« nannte, mit Schweigen bedeckt beziehungsweise als Armutsbekämpfung verkauft. Wenn die Kleinkreditnehmer ihre Schulden nicht mehr bedienen können und in der Folge von den Schuldeneintreibern gezwungen werden, ihren kleinen Acker und die Kuh zu verkaufen, hat sie das in der Rechnung der Ökonomen nicht ärmer gemacht, weil sie nach deren Rechnung gar nicht mehr ärmer werden konnten. In Wirklichkeit haben sie natürlich ihre Lebensgrundlage verloren. Vom kleinen Acker konnten sie auch nicht gut leben, aber immerhin verfügten sie selbst über das zum Leben Notwendige.
Klas und die Journalistin Kathrin Hartmann, die für ihr Buch »Wir müssen leider draußen bleiben. Die neue Armut in der Konsumgesellschaft« nach Bangladesh reiste, um sich mit Mikrokreditnehmern zu treffen, dokumentieren eine Reihe individueller Fälle von Menschen, die durch die Schuldenfalle um ihre letzte Habe gebracht wurden. In vielen Fällen führt die Verzweiflung vor dem materiellen Nichts in den Selbstmord. Im südindischen Bundesstaat Andhra Pradesh kam es im Herbst 2010 in der Folge individueller Kreditkrisen zu einer Reihe von Selbstmorden, die die Regierung dazu brachte, die Kleinkreditvergabe kurzfristig zu untersagen. In einigen Fällen waren es die Kreditsachbearbeiter gewesen, die die Schuldner in den Tod trieben, um die mit dem Kredit zwingend abgeschlossene Lebensversicherung mit zu kassieren. In Andhra Pradesh stagniert das Geschäft mit den Mikrokrediten seitdem. Für andere Regionen gilt dies aber nicht und für die auf den oberen Ebenen dieses Finanzmarktsegments zu erzielenden Gewinne auch nicht. Für Mader ist der indische Bundesstaat nur ein Beispiel für das in allen unabhängigen Studien sichtbar werdende Ergebnis: Die Mikrokreditpraxis trägt nichts zur Armutsbekämpfung bei. Im Gegenteil, sie verschlimmert die Armut.
Ebenso wenig trägt sie zur Gleichstellung der Geschlechter bei, vielmehr wird die Drohung der Existenzvernichtung im Falle einer Nichtbedienung der Rückzahlungsraten zu einer Disziplinierungsstrategie, die sich Michel Foucault in »Überwachen und Strafen« noch nicht einmal auszudenken wagte. Von der öffentlichen Ächtung bis zur direkten Züchtigung reichen die Strafmaßnahmen, die säumige Kreditnehmerinnen über sich ergehen lassen müssen, um die Moral der Schulden gelehrt zu bekommen. Mit Solidarität oder Emanzipation hat das nichts zu tun.
Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, woher die vielen Erfolgsmeldungen über die emanzipatorische Kraft der Mikrokredite kommen. Nicht selten stammen sie aus Studien, ­die in den Think-Tanks der großen Investoren angefertigt werden, wie sie zum Beispiel George Soros unterhält. Diese Studien halten sich sehr gern an Einzelbeispielen fest. An der Geschichte einer Frau zum Beispiel, die es mit einem Mikrokredit zu einer Garküche bringt, mit der sie dann die ganze Familie ernährt. Und die im nächsten Schritt vielleicht sogar ein kleines Garküchenimperium aufbaut. Geschichten eben, die sich gut erzählen und bebildern lassen, aber nichts mit einer allgemeinen Verringerung der Armut zu tun haben. Die hat, folgt man Hayek, der Kapitalismus auch nie versprochen. Dem Finanzsektor hat die Mikrokreditindustrie jedenfalls noch in den letzten Armutswinkeln der Erde einen neuen Markt erschlossen, dessen Folgen jetzt mit Maders Studie und Buch auch wissenschaftlich abgesichert studiert werden können. Schön ist das alles allerdings nicht.