Ein Leben mit Heinz Schenk

Stunden voller Glück

Heinz Schenk ist vergangene Woche im Alter von 89 Jahren verstorben. So populär der lustige Hesse auch gewesen sein mag, als Vorbild wählten ihn die wenigsten. Im Leben unseres Autors Knud Kohr hat er dennoch Spuren hinterlassen.
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I. Sommer 1991, ein Treppenhaus in der Lettestraße im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg. Natürlich ist der Autor nach dem Schulabschluss 1986 als jugendlicher Wehrflüchtling von der Nordsee nach Berlin gezogen. Hat sich für ein Studium der Politikwissenschaft an der FU eingeschrieben. Ist Mitglied der Grünen geworden. Und trat am 1. Oktober 1990 seinen alternativen Dienst für das Vaterland an: Er bezog – zwei Tage vor der offiziellen Wiedervereinigung – eine halblegale Wohnung im Prenzlauer Berg. Ohne Mietvertrag, aber dafür mit schlecht funktionierendem Ofen. Dadurch kann er bis heute mit Recht behaupten, einen Teil seines Lebens in der DDR verbracht zu haben.
Was aber hat das mit Heinz Schenk tun? Im Sommer hatte sich die Clubszene in der wiedervereinigten Stadt darauf geeinigt, Rumpeltechno gut zu finden. Die inoffizielle Hymne des Sommers kam von L. A. Style und hieß »James Brown is dead«. Drei- bis vier Mal fand auch der Autor das nett. Aber 300 Mal? Immer wenn der Weg durchs Treppenhaus aufs Außenklo führte? Durch jeden Türspalt, weil es in der Lettestraße bei den eingeborenen Mietern verpönt war, die Wohnungstüren zu schließen? Eines Tages brach es aus ihm hervor: »Heinz Schenk ist tot!« improvisierte er auf die Beats von L. A. Style. Drei Mal fanden die Nachbarn das witzig. Aber 300 Mal? Türen schlossen sich. Dem gegrölten Gegenangriff »Knud Kohr ist tot!« begegnete der Autor, indem er mitbrüllte. Anderthalb Jahre später wurde das Haus legalisiert. Kohr fand sich in Berlin-Charlottenburg wieder, wo er bis heute lebt.

II. Sommer 1970, wieder ein Treppenhaus, diesmal in der Grenzstraße 20 in Cuxhaven. Der Autor ist von seinen Eltern für ein Jahr bei seiner Großmutter Klara und deren Bruder Heinrich zwischengelagert worden. Damit sie in Ruhe ihr neues Haus bauen können. Jetzt rennt er als kleines Kind mit einer blutenden Wunde in den ersten Stock des Hauses in der Grenzstraße und weint. Das Haus gibt es mittlerweile nicht mehr. Es war in den dreißiger Jahren als Teil eines nationalsozialistischen Wohnprojekts errichtet worden. Gegen Ende des Krieges und kurz danach fanden ausgebombte Fami­lien hier eine neue Unterkunft. Ende der sechziger Jahre zogen viele weg, andere Mieter starben. Ersetzt wurden sie durch portugiesische Gastarbeiter, die bis dahin meist in den Dachgeschossen der Fischhallen gelebt hatten, in denen sie tagsüber arbeiteten. Aber warum weint der Autor dieser Zeilen? Und was hat das alles mit Heinz Schenk zu tun?
Nun, der Autor hatte sich gerade mit einem Nachbarsjungen gestritten und dabei einen Stein gegen das Nasenbein bekommen. Und im Fernsehen lief gerade »Zum blauen Bock«. Ein Pflichttermin für Klara und Heinrich. Trost war also nicht zu erwarten. »Setz dich da mal hin«, sagte Klara, zeigte unwirsch auf das Sofa und verbat sich jeden weiteren Wortbeitrag des Enkels. »Ein Indianer kennt keinen Schmerz«, ergänzte Heinrich und steckte sich eine weitere Lux-Filter an, von deren jahrelangem Einsatz die Vorhänge schon einen Grauschleier hatten. So blieb die Wunde unversorgt. Der Autor bekam ein Taschentuch hingeworfen, um die Blutung zu stillen. Bis heute kann man auf der rechten oberen Seite des Nasenbeins dort eine Narbe erkennen.

III. Winter 1993, eine Einzimmerwohnung in der Wilmersdorfer Straße im Berliner Stadtteil Charlottenburg. Nach seiner Zeit im Prenzlauer Berg übernahm der Autor die Wohnung einer Französin namens Sandrine. Die war übernatürlich schön. So kam es dem Autor jedenfalls vor, während er ein geschlagenes Jahr lang versuchte, Sandrine zu der Seinen zu machen. Das Ende der Träume kam abrupt. Sandrine hatte den Autor zum Essen bei sich eingeladen. Als der versuchte, zum Angriff überzugehen, sagte die pragmatische Französin, dass er sich die Sache mit ihr abschminken könne. Aber die Wohnung werde übernächsten Monat frei. Er müsse nur noch kurz streichen. So endete der Abend ohne amouröse Abenteuer auf dem Hochbett, aber mit einem neuen, diesmal völlig legalen Mietvertrag per Handschlag.
Aber was hat denn das schon wieder mit Heinz Schenk zu tun? Der hatte 1987 nach 21 Jahren seinen Dauerbrenner »Zum blauen Bock« abgegeben. Und begann 1993 das Format »Fröhlich eingeschenkt«. Wenige Tage vor dem Essen mit der Französin hatte man dem Autor dieser Zeilen eine Aushilfsstelle als Medienredakteur bei der Zeitung Junge Welt angeboten. Die er angenommen und versprochen hatte, gleich eine aktuelle Fernsehkritik in die Redaktion am Treptower Park mitzubringen. Der Abend vor dem ersten Arbeitstag endete damit, dass Sandrine zu einer späten Verabredung mit einem jungen Mann aufbrach: »Ich muss weg. Kannst ruhig noch ein bisschen bleiben.« Der Autor schaltete völlig perplex durch die Programme. Bis er bei »Fröhlich eingeschenkt« hängen blieb. Einen Witz hat er bis heute in Erinnerung: »Was, Sie haben Haydn gespielt?« fragte Schenk einen Violinisten. »Das muss ja ein Heidenspaß gewesen sein!«

IV. Frühling 2002, Festsaal »Umspannwerk« in der Reichenberger Straße in Berlin-Kreuzberg. Sören hatte bei Natascha deutlich mehr Glück gehabt als der Autor bei Sandrine. Aber seine Ausgangsbedingungen waren auch wesentlich günstiger gewesen. Immerhin lebten die beiden schon seit Jahren zusammen, als er sie fragte, ob sie seine Frau werden wolle. Sie wollte, und so heirateten die beiden Drehbuchautoren wenige Monate später standesamtlich, und am selben Abend fand die Hochzeitsfeier statt. Im »Umspannwerk«, das damals für einige Zeit unglaublich beliebt war. Um zu gratulieren, waren mehr als hundert Medienmenschen anwesend. Aber natürlich kamen auch die stolzen Eltern der Braut. Aus Schleswig-Holstein reiste Sörens Mutter an. Gemeinsam mit ihrem Gatten, dem handfesten Besitzer eines Sanitär- und Heizungs-Meisterbetriebs.
Die Feier nahm ihren Lauf, das Essen wurde gegessen, und spätestens danach fragte sich wohl der eine oder die andere: Was zum Teufel hat das alles mit Heinz Schenk zu tun? Das wurde klar, als der Vater des Bräutigams aufstand, um die obligatorische Rede zu halten. Inmitten einer dreistelligen Anzahl von Autoren, Redakteuren und Produzenten streckte sich der Handwerker und gab dem Brautpaar mit auf den Lebensweg:
»Es ist alles nur geliehen hier/auf dieser schönen Welt. Es ist alles nur geliehen, aller/Reichtum, alles Geld. Es ist alles nur geliehen, jede/Stunde voller Glück. Musst Du eines Tages gehen,/lässt Du alles hier zurück. Man sieht tausend schöne Dinge/und man wünscht sich dies und das. Nur was gut ist und was teuer,/macht den Menschen heute Spaß. Jeder will noch mehr besitzen,/zahlt er auch sehr viel dafür. Keinem kann es etwas nützen,/es bleibt alles einmal hier. Jeder hat nur das Bestreben,/etwas Besseres zu sein. Schafft und rafft das ganze Leben,/doch was bringt es ihm schon ein? Alle Güter dieser Erde,/die das Schicksal dir verehrt,/sind dir nur auf Zeit gegeben und/auf Dauer gar nichts wert. Darum lebt doch euer Leben,/freut euch auf den nächsten Tag. Wer weiß schon auf diesem Globus,/was das Morgen bringen mag? Freut Euch an den kleinen Dingen,/nicht nur an Besitz und Geld. Es ist alles nur geliehen hier/auf dieser schönen Welt.«
Es ist das bekannteste, von ihm selbst geschriebene Couplet von Heinz Schenk. Während mancher noch verstört auf den Boden schaute, war ich einer der ersten, die dem wackeren Brautvater gratulierten. Rückblickend kann ich sagen, dass es der größte Moment war, den Heinz Schenk mir in meinem Leben ge-, naja: geschenkt hat. Obwohl er wie immer gar nicht dabei war.
Falls Sie mehr über diesen großen Mann des deutschen Unterhaltungsfernsehens wissen wollen: Fragen Sie Ihre Eltern. Oder Ihre Großeltern.