Künstlerisches Leben in Wien

Das Marshmallow

Wien ist die Stadt der Hochkultur. Im künstlerischen Leben ist
die Zeit hier stehen geblieben. Trotzdem, oder gerade deswegen,
lebt es sich hier herrlich.

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Man sagt, was in Wien ganz gut ankommt, ist in Deutschland eine Sensation, was in Deutschland ganz gut ankommt, fällt in Wien durch. Das handwerkliche Niveau auch bei »Off-Darbietungen« ist in Wien meist höher als in Deutschland, Kultur gehört mehr zum Leben und umgekehrt, und dieses kulturelle Selbstverständnis fehlt bitter, wenn man als gelernter Wiener nach Deutschland geht. In Wien sind die Menschen höflich; sie sagen: »Küss die Hand, gnä’ Frau«; das Leitungswasser kommt aus Bergquellen; man isst köstlich; hört vielerlei Sprachen und kann wunderbar shoppen.
Wien hat Geld, und das merkt man schnell, öffentlicher Nahverkehr funktioniert rund um die Uhr; die Parks sind opulent gestaltet und gepflegt und im Sommer finden vor dem Rathaus kostenlose Konzerte statt. Es gibt eine lebendige Off-off-Szene und man pflegt humorvollen Umgang mit der Politik. Es gibt das Talent, »es sich zu richten«, also es sich gemütlich zu machen. Auch ein sehr kritischer Österreicher kann angenehm überleben. Es gibt eine Zivilgesellschaft – nicht wie man das aus Deutschland kennt, in Wien ist sie eher eine verschworene Gemeinschaft –, aber man fühlt sich nicht allein.
Mit der Zeit allerdings greift eine Art Stockholm-Syndrom: In diesem rundherum süßen Leben gewöhnt man sich rasch daran, dass das rassistische, antisemitische, klerikalreaktionäre Wien Alltag ist. Nicht nur das, man denkt sich tatsächlich: »Man darf das nicht überschätzen, es ist schlimm, aber sooo schlimm ist es auch nicht.« Erst wenn man eine Weile im Ausland lebt, merkt man: Doch, es ist so schlimm, es ist sogar schlimmer!
In Wien steht die Zeit auf eine höchst sonderbare Weise still. Einerseits ist es nämlich rasant modern: Österreich ist stets bei den sogenannten neuen Medien weit vorne. Die Handy- und Computerdichte ist seit je deutlich über dem europäischen Durchschnitt. Heutzutage sind subventionierte Handys und die Telefonie insgesamt so günstig, dass ein herumliegendes iPhone kaum geklaut und das Festnetz bald ausgestorben sein wird. Hier sind technologische Neuheiten Standard, Jahre bevor man in Deutschland überhaupt beginnt, darüber nachzudenken. Fast überall in der Stadt ist freies W-Lan selbstverständlich. »Neuland« ist das Netz 2.0 in Österreich wirklich nicht!
Aber nicht nur Höflichkeitsfloskeln und Weltanschauung hinken mehr als ein halbes Jahrhundert hinterher. Will man in der Hierarchie nach oben, ist nicht Qualität die Voraussetzung, sondern die Frage, ob man berechenbar bleibt. Dafür aber muss man in Wien nur einmal in seinem Leben etwas leisten. Das hält für Jahrzehnte vor. Erinnert sei hier etwa an den hochbegabten Flamencogitarristen Tony Wegas, der mit seiner Kunst nicht weiterkam. Flamenco war gerade out. So begann er zu singen und erreichte 1992 beim Eurovision Song Contest den zehnten Platz. Jubel, Trubel, Starrummel um seine Person, denn bei diesem Wettbewerb hatte es seit Udo Jürgens 30 Jahre zuvor ausschließlich hintervorletzte Plätze für Österreich gegeben. Tony Wegas wurde von Party zu Party gereicht, er war im Fernsehen fast täglich in der beliebten Schlüssellochsendung »Seitenblicke« zu sehen, er trat auf, machte Musik, er war »unser Tony Wegas«!
Das stieg ihm wohl zu Kopfe, weswegen er heroinsüchtig und damit finanziell bedürftig wurde. Also entriss er einer alten Dame die Handtasche. Diese jedoch rief: »Den kenn i! Des is der Tony Wegas!« Und so endete der Star für Jahre im Gefängnis. So weit, so traurig, und es gäbe auch nichts weiter dazu zu sagen. Ein Tag nachdem er entlassen worden war, bekam er – Sie erinnern sich: Er war Gitarrist! – eine größere Rolle als Schauspieler an einem renommierten Theater, er war wieder »unser Tony Wegas«. So bleibt in Wien die Zeit stehen.
Ich hatte einmal den Kommentar für eine TV-Sendung über den berühmten Konzertpianisten Rudolf Buchbinder zu sprechen. Man zeigte Filmmaterial aus seinen Anfängen Mitte der siebziger Jahre. Der Text, den ich zu lesen hatte, lautete, unvergesslich: »Der junge Rudolf Buchbinder gibt ein Hauskonzert vor den damaligen Spitzen der kulturellen Gesellschaft Wiens.« Als ich auf das Bild blickte, sah ich ganz genau die nämlichen Gesichter, die auch in den neunziger Jahren allgemein als »Spitzen der kulturellen Gesellschaft Wiens« galten. Nicht: die gleichen, dieselben. 20 Jahre lang hatte sich nichts verändert.
Hat man hier einmal Erfolg, darf man auch alles andere machen. Kolumnisten spielen Theater oder sitzen in Musikjurys, Schauspieler werden Minister: In Wien ist das üblich. Die Kunst, in Wien auf Dauer oben zu bleiben, geht so: Man ist mit den richtigen Menschen per Du, man kann Wein beurteilen und natürlich trinken, man ist schlagfertig, hat »Schmäh« – und ist ein Mann. Auch bei den jetzt doch langsam nachrückenden »jungen Kulturschaffenden«, meist um die 50 Jahre alt, gibt es eine unglaublich unangenehme Männerlastigkeit. Unangenehm, weil es diese ganz eigene Art von hemdsärmelig herumalbernder Zusammen­gehörigkeit ist, bei der man als Frau entweder brav mitlächeln oder gehen muss – ernst genommen wird man selten. Wer das nicht kann, muss ins Ausland: Elfriede Jelinek, Billy Wilder, Freddy Quinn, Peter Alexander, Arnold Schwarzenegger, Patrick Pulsinger & Erdem Tunakan, George Tabori … Die Liste der Österreicher, die im Ausland groß wurden, bevor man sich zu Hause verblüfft mit ihnen schmückte, ist unendlich. Tout Vienne geiferte gegen Tom Neuwirth und seine Kunstfigur Conchita Wurst. Nach dem verdienten Sieg beim ESC wurde sie ernsthaft als »Abbild einer präraffaelitischen Jesus-Darstellung« gelobt und empfangen wie weiland die Kaiserin: Kardinal Schönborn – hier gibt es die Mesalliance zwischen Kirche und Adel noch – und der Bundeskanzler ehrten sie.
Der Komponist Friedrich Gulda lancierte eine Falschmeldung über seinen Tod, verzog sich auf den Zürcher Hauptbahnhof und las seine Nachrufe. Das nahm man ihm so übel, das man sich erst gute zehn Jahre nach seinem tatsächlichen Ableben dazu durchringen konnte, ein kleines Institut seiner Arbeit zu widmen.
Thomas Bernhard verbot testamentarisch voll Ekel, dass seine Stücke in Österreich gespielt werden. Nach seinem Tod konnte man diesen letzten Wunsch nicht schnell genug ­ignorieren und »Thomas Bernhard Superstar« zur Ikone stilisieren. Falco meinte: »Muss ich denn sterben, um zu leben?«
Man erwartet, dass sich ein Künstler in die Lebensart der »Spitzen der kulturellen Gesellschaft Wiens« einfügt. Oder man fügt sich selbst: wenn der Druck der Welt zu groß wird.
Etwas radikal Anderes, Ungewohntes zu schaffen, das ist bei der darstellenden Kunst nicht gern gesehen – damit schafft man sich eher Feinde. Denn wenn jemand mit Zeitgemäßem reüssieren würde, dann – wie furchtbar! – würden die Alteingesessenen ja alt wirken.
Deswegen spielt man im ORF im Schnitt nur knapp über drei Prozent heimische Musik und fällt aus allen Wolken, wenn eine in nachtschlafender Sendezeit versteckte Fernsehserie schräg und doch erfolgreich ist.
Denn trotz widrigster Umstände entstehen ständig hochwertige Musikprojekte, großartige Bücher kommen heraus, ja, sogar gute Fernseh- und Filmproduktionen erblicken das Licht der Welt. Und wenn sie breiter rezipiert werden, folgen bei den »Spitzen der kulturellen Gesellschaft« offene Münder und große Augen – und sogleich Vergessen, Verdrängen, Verachten, und bei jedem weiteren nicht stromlinienförmigen Projekt wieder bräsiges Aussitzen: »Des interessiert niemand, so a Schaaß.«
Da aber sehr gut lebt, wer einmal mit etwas durchkommt, macht man es sich gemütlich und die Zeit bleibt stehen. Beim Anruf im Restaurant wird man erkannt, hofiert, bekommt noch einen Tisch, wenn für den Plebs schon alles voll ist: »Aber selbstverständlich, Herr Doktor, Herr Kommerzialrat.« Ja, das gibt es noch. Man will nicht mehr allzu große Wellen machen, denn man hat’s ja gut! So flutscht man in die Gruppe jener, die zu diesem und jenem Stammtisch gehen, die herrlich witzeln können, die uncharmante Piefkes polternd nachmachen und grölend einander auf die Schultern klopfen.
Dann möchte man selbst auch nicht mehr, dass irgendein junger Mensch, eine Frau gar, ein Ausländer – oder, noch schlimmer: ein Jud! – mit einer neuen Idee an die Öffentlichkeit gerät. Es könnte ja auffallen, dass man selbst seit Jahren nichts Neues macht. Es ist, als würde man in einem Marshmallow gemütlich festsitzen. Man kann nicht mehr raussehen, das süße Zeug verklebt einem Augen, Mund und Hirn, aber es ist hübsch und warm und weich. Es ist das Alter und gleich darauf der Tod.

Sandra Kreisler ist Sängerin, Autorin und Schauspielerin. Gemeinsam mit Roger Stein hat sie das Musikduo Wortfront (www.wortfront.com) gegründet. Sie lebt in Wien, Berlin und Zürich.