Die Entrechtung von Frauen durch den IS im Irak

Erwachsene Frauen sind billiger

Im Irak gehörten Entführungen von Frauen auch schon vor dem Vormarsch der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) zu den Strafaktionen zwischen rivalisierenden Clans. Nun manifestiert sich die Entrechtung von Frauen in den vom IS kontrollierten Gebieten durch Versklavung und Vergewaltigung.

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Gleißende Hitze liegt über der Zeltstadt. Am Horizont flirrt eine Windhose aus heißem Sand. Bei fast 50 Grad Celsius braucht der Körper drei bis vier Liter Wasser am Tag. Die Flüchtlinge im größten Camp von Dohuk sitzen apathisch in ihren von den Vereinten Nationen gestellten Zelten. Die Kinder holen immer wieder Wasser aus den in aller Eile überall aufgestellten metallenen Wassercontainern. Dieses Wasser sollte eigentlich zum Kochen und Waschen dienen. Doch niemanden kümmert es, die Yeziden in diesem Lager sind von Entbehrung, den Traumata des Terrors des Islamischen Staats (IS) und von einer tiefen Hoffnungslosigkeit gezeichnet.

Über 65 000 Menschen leben zurzeit in diesem Camp. Ein Teil der Zeltstadt wurde als Notunterkunft während der ersten Flüchtlingswelle vom Bergzug Sinjar überstürzt errichtet. Es existiert dort keine Infrastruktur, die Zelte stehen auf der staubigen, knüppelharten Erde mitten in einer Wüstenlandschaft. Kein Baum bietet Schatten, ein Albtraum aus Staub, Hitze und Mangel. Hassan Hussen steht verloren neben dem niedrigen Zelt, in dem seine Frau und die beiden kleinen Kinder in der Mittagshitze zu schlafen versuchen. Der Mann ist erst 30 Jahre alt, doch sein Gesicht und die ganze Körperhaltung sind die eines gebrochenen, alten Mannes. »Zehn meiner nahen Verwandten wurden ermordet«, sagt er tonlos, »weil sie sich geweigert haben, zum Islam zu konvertieren. Wir wissen nicht einmal, wo sie begraben worden sind«.
Im Dorf Telzeer am Berg Sinjar wurden 100 Männer getötet und die jungen Frauen verschleppt. Die Kleinfamilie floh zunächst weiter in die Berge. Dort gibt es noch einige bewaffnete Yeziden. Nach einer Woche gelangten sie auf einem Gewaltmarsch über Syrien nach Zakho. Einheiten der PKK und der PYD sichern einen Korridor, über den die yezidischen Flüchtlinge von der Gebirgskette über Syrien zurück in den Irak fliehen können. Hassan Hussen weiß nicht, was aus den entführten Frauen aus Telzeer geworden ist. »Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie die Terroristen einen kleinen Jungen überfahren haben. Die verzweifelt weinenden Frauen wurden gezwungen, einzusteigen und mitzukommen.« Ein paar Meter weiter sitzt der Yezide Kazem Hamed in einer Menge von etwa 30 Familienmitgliedern unter einem Zeltdach. Alle sind zwischen 20 und 40 Jahre alt. Ein paar Kinder springen um das Zelt herum. Die Alten haben sich den Fußmarsch nicht mehr zugetraut, sie mussten auf dem Berg zurückbleiben. Hamed, ein Mann Ende 30, versucht, eine seiner Nichten anzurufen. Sie ist eine der Gefangenen des Islamischen Staats. Doch das Telefon ist ausgeschaltet. »Vermutlich kann sie nicht sprechen«, meint er. Am Morgen habe er die 15jährige noch erreicht. Sie wurde mit anderen Verwandten aus dem Gebirge nach Mossul verschleppt. Dort werden die Frauen in Schulen und anderen öffentlichen Gebäuden untergebracht. Wächter des IS kontrollieren sie. Doch offensichtlich gelingt es einigen, die Kommunikation so weit aufrechtzuerhalten, dass sie ihre Mobiltelefone aufladen und Kontakt mit der Außenwelt aufnehmen können.

Die Mädchen und Teenager werden wohl zunächst nur in Gefangenschaft gehalten. Sporadisch werden sie gruppenweise in Mossul verkauft. 500 bis 800 Dollar kostet ein Mädchen, erwachsene Frauen sind billiger. Kazem Hamed weiß von einem Mädchen, das der Gefangenschaft des Islamischen Staats entronnen ist. Samiya heißt sie. Eine lange Suche beginnt. Alle haben von Samiya gehört, aber niemand weiß so recht über die Umstände ihrer Befreiung Bescheid. In der Zeltstadt leben einige aus dem gleichen Ort wie Samiya. Ihre Familie sei in eine der Baustellen oberhalb des Camps gezogen.
Tatsächlich, auf dem Hügel im Rohbau einer Villa mit Zeltstadtblick lebt die Familie von Samiya. Niemand ist erfreut, nach ihrem Befinden gefragt zu werden. Das Mädchen, zwölf Jahre alt soll sie sein, verlässt schon seit Tagen ihr Bett nicht mehr. Sie könne nicht schlafen, nicht essen und weigere sich zu sprechen, berichtet der Vater. Alle blicken verlegen zu Boden. Geld haben sie bezahlt, um die Tochter von den Terroristen zurückzukaufen. Wie viel, wo und unter welchen Umständen, darüber mag niemand reden. Aber ganz offensichtlich muss diesem Kind mehr zugestoßen sein als ein bloßer unwürdiger Tauschhandel um ein Menschenleben. Für die Betroffenen bedeutet das momentan zu viel Schmerz und Scham, um darüber sprechen zu können. Viele der überlebenden Männer in der Zeltstadt leiden am meisten unter der eigenen Machtlosigkeit. Sie hatten nicht genügend Waffen, um sich zu wehren, und mussten sowohl Mord und Totschlag als auch den Raub ihrer Frauen und Töchter hinnehmen. Leyla Daud, eine Frau mit einem neun Monate alten Baby und einer gut eineinhalb Jahre alten Tochter, sagt, für viele sei es vielleicht besser gewesen, auf dem Berg zu sterben. »Sie haben es geschafft«, sagt sie müde und fächelt dem Baby mit einem Stück Pappe Luft zu. Von Kühlung kann in dieser Hitze nicht die Rede sein. Die Camps am Rande von Dohuk sind nicht der richtige Ort für diese Masse an völlig traumatisierten Menschen.

Die Situation von Frauen im Irak hat sich in den vergangenen zehn Jahren nach der US-Intervention gegen das Regime von Saddam Hussein sukzessive verschlechtert. Entführungen von Frauen als Strafe zwischen rivalisierenden Clans oder auch von politisch Andersdenkenden oder Anhängern anderer Konfessionen waren auch schon vor dem Islamischen Staat Realität. Die Verheiratung Minderjähriger, die Mehrehe und Strafminderung bei innerfamiliärer Gewalt bis hin zu Mord sind leider Alltag im Irak. Die Organisation zur Befreiung der Frauen im Irak kritisiert die Abwesenheit von Frauenrechten seit vielen Jahren. Der Islamische Staat hat aus der Entrechtung von Frauen nun ein religiöses Recht der Jihadisten gemacht. »Jihad al-nikah« bedeutet soviel wie »Sex and Crime« in den Zeiten des heiligen Krieges und wird von den IS-Terroristen als Persilschein für die Versklavung und Vergewaltigung weiblicher Gefangener benutzt. Im syrischen Raqqa hat sich der Handel mit den sogenannten »Bräuten« internationalisiert.
Die Yeziden im Zeltlager berichten, dass dem IS gleichgesinnte Islamisten aus Katar, Saudi-Arabien und den Emiraten anreisen, um Kinder und Frauen zu kaufen. Wie das vonstattengeht, wie diese Leute ein- und ausreisen, um ihre Beute heimzuführen, weiß allerdings niemand. Tatsache bleibt, dass Hunderte vor allem yezidische Frauen ihrer Freiheit beraubt wurden. Das irakische Ministerium für Menschenrechte bestätigt die Zahl von 300 Entführungen, es dürften jedoch sehr viel mehr sein. Vian Dakhil, die einzige yezidische Stimme im irakischen Parlament, protestierte Mitte August angesichts des großen Unrechts in den vom IS besetzten Gebieten gegen die Tatenlosigkeit der Regierung. Es blieb bei diesem Appell. Angesichts der heillosen Zerstrittenheit aller ethnischen, religiösen und politischen Gruppierungen im Land sind keine wirksamen Maßnahmen zur Bekämpfung der Jihadisten zu erhoffen. Emanuel Youkhana, Erzdiakon vom Christian Aid Program for Northern Iraq (Capni), wünscht sich internationale Unterstützung bei der Einrichtung einer autonomen Zone in der Ninive-Ebene im Nord-Irak. »Wir brauchen militärische Unterstützung und wollen dann eigene Strukturen aufbauen: Bagdad hat weder den Willen noch die Kapazitäten dazu.« Die Leidtragenden des Siegeszuges der Jihadisten sind derzeit vor allem die Vertriebenen und die Verschleppten. Letztere müssen neben dem Freiheitsentzug die ständige Nähe zu den Tätern ertragen. Das ist kein Kollateralschaden des Konfliktes, sondern ein entsetzlicher Schrecken ohne Ende für die Betroffenen.