Nur nutzlose Zier

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»Prof. Dr. med./Das klingt doch ziemlich blöd./Wenn einer schon ein Doktor ist, wozu die lange Red’?/Prof. Dr. phil./Ich weiß nicht, was der will./Vielleicht hat er zu viel studiert/und hält jetzt nicht mehr still.« Georg Kreisler hat nicht viel gehalten vom österreichischen Titelwahn und tatsächlich hat es den Beigeschmack des Lächerlichen, wenn an Wiener Klingelschildern arbeitsloser frisch Promovierter schon am Tag der Urkundenaushändigung der Doktortitel prangt. In Berlin, Frankfurt, Köln und Freiburg dagegen wissen alle, dass der Erwerb dieses Grades für nichts bürgt, außer für einen Platz in der Abteilung für schwer vermittelbare Akademiker in der Arbeitsagentur – sofern die überhaupt über solch eine Abteilung verfügt. Wer gar mit Auszeichnung promoviert hat und Inhaber einer der raren Stellen für Exzellenzwissenschaftler ist, der kann mit Menschen, die sich nicht dem campuseigenen Hirnwaschprogramm unterzogen haben, meistens nicht mal mehr über das Wetter diskutieren.
Trotzdem fällt bei Kreislers Zeilen heute jedem, der nicht einfach über alles witzig Gemeinte lacht, das Lachen schwer. Zu sicher ist ihnen das Einverständnis der Mehrheit, die Studieren für Zeitverschwendung, geistige Arbeit für eine Beschäftigung von Sonderlingen und akademische Titel für Schnickschnack hält. Wer sich etwas auf seinen Titel einbildet, ist nicht nur bei Plagiatsjägern unten durch, die ohnehin am liebsten jeden Prominenten mit höherem Bildungsabschluss der Hypokrisie überführen würden. Ihm schlägt auch das Ressentiment all jener entgegen, die die Liquidation des Privilegs, nicht dessen Verallgemeinerung, für egalitär und jeden, der nicht jederzeit verfügbar und daher jederzeit ersetzbar ist, für eingebildet halten. Außerdem wohnt dem akademischen Titel, obschon er von Leistung statt von Adel zeugen soll, der Beigeschmack des Feudalismus inne, der den Zeitgenossen Ekel verursacht wie jede Erinnerung ans Vergangene.
Mit dem österreichischen Titelwahn verhält es sich daher ähnlich wie mit dem Kult des Ornaments, der als Überbleibsel der Epoche des Vielvölkerstaats einer Kultur des Pseudonuancierten, der klischierten Besonderheit zugehörte und von Adolf Loos nicht zu Unrecht für abschaffenswürdig erklärt wurde: Zierat, der die Wirklichkeit von Verhältnissen vorgaukelt, die nicht mehr bestehen, der aber, wenn sein Schein verschwindet, ohne eingelöst zu werden, gegen die eigene Prätention verteidigt werden muss. Also: Bitte nicht zu laut über Titelträger lachen. Es könnte einer in stummer Scham am selben Tisch sitzen.