Marc Weitzmann im Gespräch über Antisemitismus in Frankreich

»Angst, verdeckt durch political correctness«

Marc Weitzmann hat für tabletmag.com eine mehrteilige Serie über Antisemitismus und Islamismus in Frankreich verfasst und sprach mit der Jungle World über diese Themen. Als Journalist schreibt er regelmäßig für Le Monde und Le Maga­zine littéraire. Von seinen zehn Büchern ist »Mischehe« auch auf Deutsch erschienen.

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Sie waren während der Geiselnahme im koscheren Supermarkt an Ort und Stelle. Was dachten und fühlten Sie da?
Ich war in der gleichen Situation wie jeder andere Journalist vor Ort, das heißt, wir sahen nicht viel und waren auf die Informationen der Polizei angewiesen. Aber alle hatten so etwas erwartet. Nicht genau das, aber wir wussten, dass etwas passieren würde und immer noch passiert, es ist noch nicht vorbei. Ich war schockiert, aber nicht überrascht.
Sie waren nicht überrascht, dass es sich um ein jüdisches Terrorziel handelte?
Juden sind mittlerweile seit über zehn Jahren das Ziel. Es begann Anfang 2000 mit der Verwüstung einiger Synagogen und Schlägen, und es ging weiter mit der Entführung, Folterung und Ermordung von Ilan Halimi 2008, dem Massaker von Toulouse 2012 und dem im Jüdischen Museum von Brüssel im vergangenen Frühjahr. Die Zahl der Todesopfer beträgt bislang 13 Menschen, darunter drei Kinder – ermordet, weil sie jüdisch waren. Eine Anzahl, die Frankreich zu einem einzigartigen Fall in Europa macht und sogar in der westlichen Welt. Und das jüdische Paar, das vor über einem Monat in Créteil überfallen und vergewaltigt wurde, zähle ich gar nicht mit. Diese Gewalt wurde von den Medien stets heruntergespielt. Aber was mit den Juden vor zehn Jahren begann, betrifft nun auch Journalisten und Polizisten und potentiell so ziemlich jeden. »Ihr werdet sowieso alle sterben«, formulierte es ein muslimischer Junge in einer Banlieue vorige Woche, als er die verordnete Schweigeminute zum Gedenken an die jüngsten Terroropfer verweigerte. Kinderkram, sicher, aber es zeugt von einer bestimmten Haltung. Es scheint, als seien die Juden nur die Vorhut dessen, was kommen wird, wie sie es immer sind. Wie der Philosoph Alain Finkielkraut jüngst meinte: »Frankreich mag sich nicht im Krieg befinden, aber es gibt einen Krieg in Frankreich.« Ich würde hinzufügen, dass es ein innerer Krieg ist.
In Ihrem Bericht über den Überfall auf den Supermarkt schrieben Sie: »Niemand erwähnt oder diskutiert, dass die Geiseln Juden sind. Niemand. Es ist seltsam.«
Ja. Das hat sich dank Manuel Valls’ Rede geändert. Es brauchte den Ministerpräsidenten, um den antijüdischen Charakter der Morde hervorzuheben. Den ganzen Morgen während des Angriffs auf den koscheren Laden lautete die Schlagzeile beispielsweise bei Le Monde, dass einige Schützen dort Zuflucht gesucht hätten, als sei dies Zufall. Ich musste CNN hören, um zu erfahren, dass das ursprüngliche Ziel Amedy Coulibalys in Mont­rouge, als er eine Polizistin in den Rücken schoss, höchstwahrscheinlich die jüdische Schule in der Nähe gewesen war. Das wurde anfangs in der französischen Presse nie erwähnt. Ebenso wenig, dass die einzige von den Kouachi-Brüdern ermordete Frau bei Charlie Hebdo – nachdem sie explizit gesagt hatten, sie würden keine Frauen töten – die einzige Jüdin war.
Wie erklären Sie sich das?
Wenn man jüdische Ziele erwähnt, muss man Muslime erwähnen. Ich denke, das ist einer der Hauptgründe: Angst, verdeckt durch political correctness. Vielen Schulrektoren und unserem Außenminister Laurent Fabius zufolge soll man, wenn man über die Attentate spricht, sich keinesfalls auf Muslime beziehen, sondern auf »Ex­tremisten« oder »Terroristen«. Wenn es um die psychopathischen Mörder im Irak geht, soll man auf ähnliche Weise »Daesh« verwenden und nicht »Islamischer Staat«, obwohl Daesh nur das arabische Kürzel dafür ist.
Was ist mit der Rechten? Wie hat Marine Le Pen reagiert, die Sie im vergangenen Jahr für das Online-Magazin tabletmag.com interviewten?
Seit Marine Le Pen sich entschlossen hat, getrennt von den großen Demonstrationen zu laufen, hat sie Probleme, ebenso der Front National (FN). Sie befürchtete wohl, nicht Seite an Seite mit den Staatstragenden der Welt gehen zu dürfen, und wollte bloß nicht als zweitklassige Po­litikerin erscheinen. Außerdem machte ihr Vater Jean-Marie Le Pen vorige Woche einen zweiten Fehler, als er der libanesischen Zeitung L’Orient-Le Jour erklärte, der Angriff auf Charlie Hebdo und den koscheren Laden sei wahrscheinlich eine Verschwörung der Franzosen und Israelis oder des US-Geheimdienstes gewesen. Das sieht angesichts des gegenwärtigen Klimas der nationalen Einheit nicht gut aus.
Einerseits will sich der FN wegen seiner Haltung zur Einwanderung als der beste Schutzschild gegen den Islamismus profilieren, als der beste Schutzschild für die Juden, insbesondere seit Marine Le Pen meint, dass jüdische Wählerstimmen wichtig seien, um den FN vollständig zu ­legitimieren und das Erbe Pétains auszulöschen. Andererseits wird die Partei von Russland unterstützt und unterstützt deshalb die syrische und die iranische Regierung. Marine Le Pen weiß nicht, wie sie mit diesem Widerspruch umgehen soll. Und dann gibt es noch den Antisemitismus im FN, der ihre Verteidigung der Juden wie eine pervertierte Version des Republikanismus erscheinen lässt: »Wir mögen die Juden, solange sie nicht zu jüdisch sind.« Juden sollen ihr zufolge etwas loswerden, das sie Kommunitarismus nennt. Das heißt, jüdische Institutionen – deren erste Gründung bis zu Napoleon und dem postrevolutionären Aufstieg des Säkularismus zurückreicht – sollen abgebaut werden.
Auf kurze Sicht hängt die politische Zukunft des FN nun davon ab, ob es weitere Terroranschläge in den kommenden Jahren geben wird. Je wirksamer Valls’ Maßnahmen sein werden, desto mehr Probleme für die Partei. Andererseits bedeuten neue Anschläge und eine Verschlechterung des gesellschaftlichen Klimas, dass Le Pen besser für ihren Standpunkt werben kann. Gerade hat sie eine gute Gelegenheit verpasst.
Denken Sie wirklich, dass Valls’ Rede einen Wendepunkt in der französischen Politik und Gesellschaft bedeutet?
Ich weiß nicht, ob sie ein Wendepunkt ist, aber sie sollte besser einer sein. Die Demonstration von voriger Woche war sehr beeindruckend, aber auch sehr widersprüchlich. Einige Menschen handelten aufrichtig aus einem positiven Patriotismus heraus. Es gab das Gefühl eines »Wir sind zusammen und stehen auf«, das ich nie in diesem Land gesehen hatte. Andererseits war nur eine Minderheit der Muslime unter den Demonstrierenden, und noch weniger kamen aus den Banlieues. Die Vororte sind nun völlig aus dem Spiel.
Ein Grund dafür ist die Bedeutung der Religion, wie sie von den Eltern vermittelt wird – die Kinder sind davon überzeugt, dass Karikaturen nie veröffentlicht werden sollten, wenn sie religiösen Glauben angreifen, und die meisten von ihnen gehen davon aus, dass das, was geschehen ist, wenn nicht richtig, so doch zumindest vollkommen verständlich gewesen sei.
Ein zweiter Grund ist, dass diese Vororte als geschlossene Räume funktionieren, wo jeder jeden beobachtet. Wenn jemand gesehen wird, wie er zur Demonstration geht, kann er vielleicht nicht gleich als Verräter, aber doch als anmaßend gelten. Der gesellschaftliche Ruf steht auf dem Spiel. Die Menschen dort fühlen sich nicht wohl bei der Idee, ins Zentrum von Paris zu fahren, um mit der Mittelschicht zu demonstrieren. Sie haben nicht das Gefühl, dort hinzugehören. Ebenso kann man fairerweise fragen, wie viele Menschen aus den reichen Stadtteilen zu den Demonstrationen gegangen sind. Sehr Reiche demonstrieren auch nicht, nicht aus Scham, sondern aus Stolz. Also demonstrierte vor allem die weiße Mittelschicht, die fühlt, dass sie am meisten zu verlieren hat durch das, was vor sich geht, und zu Recht.
Was kann und sollte in Frankreich nun passieren?
Das Beste, was jetzt passieren kann, ist ein innerer Krieg. Ein Krieg innerhalb der muslimischen Community, wo eine große Minderheit versucht, gegen das, was passiert ist, aufzubegehren. Diese Minderheit müssen wir unbedingt dabei unterstützen. Ein Krieg innerhalb der jüdischen Bevölkerung zwischen denen, die denken, mit Frankreich ist es aus und wir sollten alle nach Kanada, in die USA oder nach Israel auswandern, und denjenigen Juden, die hier bleiben und kämpfen wollen. Und ein Krieg innerhalb der gesamten französischen Bevölkerung. Die Französinnen und Franzosen müssen entscheiden, wo sie stehen, zwischen dem linken Trend, Toleranz für die Intoleranten zu predigen, wenn sie aus der sogenannten Dritten Welt kommen, jenen, die denken, der Front National sei die richtige Antwort, und jenen, die für eine demokratische, aber deutliche Antwort auf die Bedrohung kämpfen wollen.
Und natürlich gibt es noch den anderen Krieg, den der Sicherheitsdienste gegen die Terroristen. Keiner dieser Kriege kann umgangen werden, und alle werden hart sein. Der israelische Autor David Grossmann stellte treffend fest, dass es in einer solch angespannten Situation sehr, sehr schwer ist, Rassismus und Hass zu vermeiden. Und in der Tat, in Sicherheitsangelegenheiten ist Frankreich in schlechterer Form als Israel. Wir können keine Mauer zwischen den Stadtzentren und den Vororten bauen. Der nächste Mohammed Merah, die zukünftigen Kouachi-Brüder werden aus unserer Mitte kommen, und das wissen wir.
Welche Rolle spielt Dieudonné M’Bala M’Bala im Hinblick auf den Antisemitismus in Frankreich? Was denken Sie über seine Festnahme?
Alles, was Dieudonné eine Chance eröffnet, in der Presse aufzutauchen, ist an sich schlecht. Manuel Valls’ Umgang mit der ganzen Angelegenheit seit dem vergangenen Jahr war nicht großartig. Er hätte diskreter vorgehen sollen: Eine Steuerfahndung gegen Dieudonné anstrengen, da er offensichtlich Geld unterschlagen hat, das Geld zurückholen und erst dann, wenn er nicht mehr agieren kann, ihn öffentlich anprangern. Stattdessen hat die Regierung bei ihrer Strategie improvisiert. Es gab gewaltige Stellungnahmen gegen Dieudonné und das Ergebnis war eine tolle Werbung für ihn, der antisemitische Demons­trationen folgten, die Dritte-Welt-Linke und Rechtsextremisten vereinten.
Die Politik gegen ihn war hinsichtlich ihrer Wirksamkeit ein totaler Reinfall – und ist es noch. Nicht nur, dass Dieudonnés Show derzeit in jeder größeren französischen Stadt zu Gast ist, sondern auch, dass er einfach wieder gehen konnte, nachdem er für die Verherrlichung von Terrorismus festgenommen worden war, als er twitterte, er sei Charlie Coulibaly, also sich positiv auf den Mörder bezog.
Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Antisemitismus in Frankreich und der französischen Außenpolitik?
Falls Sie an die Interventionen Frankreichs in Syrien oder Mali denken, würde ich das eher verneinen. Aber hinsichtlich der Geschichte ist das anders. Mit dem Ende des Kalten Kriegs hat Frankreich zwei Säulen verloren, auf die sich das kollektive Narrativ stützte: den Gaullismus auf der Rechten und den Sozialismus auf der Linken. Ein Kennzeichen beider Narrative – was sie 60 Jahre lang als einen »dritten Weg« zwischen US-Kapitalismus der Sowjetunion möglich machte – war bekannt als »Frankreichs arabische Politik«. Verbünde dich mit den ehemaligen Kolonien, hole deren Gas und Öl, hole deren migrantische Bevölkerung und sei tolerant gegenüber deren Mischung aus Dritte-Welt-Sozialismus und Korruption.
Aber die geographische Nähe zwischen Frankreich und seinen ehemaligen Kolonien, die diese Politik vereinfachte, spielt eine gefährliche Rolle seit dem »arabischen Frühling«, der eigentlich ein Zusammenbruch jener arabischer Gesellschaften war, die zumeist (wie in Libyen, Ägypten, Algerien, Syrien und im Irak) Partner der Sowjetunion gewesen waren. Addiert man dazu die seltsame Nähe der französischen und arabischen Geisteshaltung – Abneigung gegen Amerika, internationales Geld und Judentum, bittere Nos­talgie nach blauem Blut und verlorenem Imperium –, vermischt sie mit diskriminierender Gesellschaftspolitik gegenüber migrantischen Arbeitskräften und legt ein paar technologische Werkzeuge wie Internet und Billigflüge darüber – klingt das nicht nach dem perfekten Rezept für ein Desaster?