Religionskritik in der arabischen Welt

Schwarze Schimmel

Seit dem Massaker bei Charlie Hebdo wächst die Kritik an der Religion in der islamischen Welt.

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»Wir sind alle ISIS«. Bereits die Überschrift des Textes von Nadim Koteich, einem libanesischen Journalisten und Satiriker, dürfte ihm in den Augen vieler europäischer und amerikanischer Linker den Vorwurf der Islamophobie einbringen. Aber dann ist er eben ein islamophober Muslim. So etwas wie ein schwarzer Schimmel. Denn das darf es in der paternalistischen Haltung, die die professionellen Islamophobie-Vorwerfer gegenüber »den Muslimen« einnehmen, nicht geben: eine rationale Kritik der Religion, die die Bewohner der sogenannten islamischen Welt selbst vertreten. Jene Bewohner, die großzügig unter das Label »Muslime« subsumiert werden, auch wenn sie nie eine Moschee betreten oder sich als Atheisten bezeichnen.
Koteich erinnert daran, dass die Niederlage der Mu’taziliten vor 1 100 Jahren die Niederlage der Rationalität im Islam war. Er erinnert daran, dass nicht nur die Leute des sunnitischen Lagers, die das Charlie Hebdo-Massaker, das pakistanische Schulmassaker, die Massaker von ISIS in Syrien und im Irak, die Attacken von 9/11 verübt haben, zum wahren Islam in seiner zeitgenössischen Ausprägung gehören, sondern auch die Leute des schiitischen Lagers, die für die Ermordung ausländischer Journalisten in Beirut und die Todesfatwa gegen Salman Rushdie verantwortlich sind. Koteich schreibt: »Diese Killer sind wir. Sie sind unsere Religion in ihrer extremsten Ausprägung.«
Das Massaker bei Charlie Hebdo hat in vielen Ländern einen Schock ausgelöst. Was in Europa und den USA noch eher die Ausnahme darstellt, ist in vielen außereuropäischen Ländern Alltag: Morddrohungen gegen kritische Intellektuelle, die von den Behörden ignorieret werden, bis sie in die Tat umgesetzt werden. Das Revival aller Religionen, das weltweit Hand in Hand mit der Zuspitzung der Krise geht, ist die wichtigste Ursache davon. Am dramatischsten ist die Lage in der islamischen Welt. Dort haben autoritäre Regime vor Jahrzehnten eine Zensur errichtet, die jeglicher Vernunft spottet. Und seit der islamistischen Konterrevolution im Iran nach dem Sturz des Schah wächst der Druck der Islamisten mit dem Ziel, noch die Restvernunft zu beerdigen.
Der algerische Schriftsteller Kamel Daoud erhielt im Dezember die Todesfatwa eines salafistischen Imams. Daoud sagt, er habe Anzeige erstattet, aber die Behörden hätten keinerlei Reaktion gezeigt. Das ist symptomatisch für diesen Teil der Welt. Daoud sagt: »Der Kampf von Charlie Hebdo ist auch mein Kampf.« Mehr als 60 Schriftsteller, Journalisten, Psychoanalytiker und Poeten aus Tunesien, Marokko, Ägypten, dem Irak und anderswo haben ein Manifest mit dem Titel »Unsere Verantwortung im Hinblick auf Terrorismus im Namen des Islam« unterzeichnet. Darin heißt es: »Die Welt erlebt einen Krieg, der von Individuen und Gruppen ausgelöst wurde, die den Islam für sich reklamieren.« Reformen seien unerlässlich in der islamischen Welt, um diesem Krieg zu begegnen: Gleichheit, Gewissensfreiheit, Menschenrechte.
Das sind keine »westlichen«, sondern universelle Werte. Sie sind ein Ergebnis der Revolution von 1789. Mittlerweile tendiert das Bürgertum in den entwickelten Ländern dazu, sie zu verraten. Aber noch immer geht es darum, die Welt rationaler zu machen, um sie leidenschaftlicher zu machen. Das gilt für die Kritik an der Religion. Aber darüber hinaus gilt das für die Kritik am Warenfetisch.