Die Unterschiede zwischen den Religionen dürfen nicht ignoriert werden

Weniger Islam

Religionskritik ist notwendig – und sie sollte die Unterschiede zwischen den Religionen nicht ignorieren.
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Die Säkularisierung gehört zum innersten Kern der Aufklärung. Religion zu kennzeichnen als das, was sie ist, nämlich als Ausdruck von Unmündigkeit, sprich: fatalistisch-autoritärer Herrschafts- und Naturverfallenheit, steht am Beginn jeglicher Individualisierung, die diesen Namen verdient. Darauf hätten sich Religionskritiker wie Diderot, Feuerbach und Marx mit einiger Wahrscheinlichkeit einigen können – und keinesfalls vertragen sich fadenscheinige Zugeständnisse an in säkularisierten Gesellschaften ins Private verwiesene religiöse Wahnvorstellungen irgend mit kritischem Geist. Darüber dürfte an dieser Stelle sicher Einigkeit herrschen.
Problematisch, ja nachgerade unredlich wird Religionskritik aber da, wo getan wird, als sei Religion gleich Religion, als unterschieden sich Religionen nicht entscheidend voneinander, sowohl in Hinsicht auf ihren theoretisch-theologischen Gehalt als auch in ihrem historisch-praktischen Kontext, kurz: in ihrer Zivilisationsfähigkeit. Unredlich ist diese falsche Pauschalisierung deshalb, weil sie in der Konsequenz so tut, als ob man damit rechnen müsste, dass katholische oder jüdische Fanatiker wegen einiger missliebiger Zeichnungen eine Zeitungsredaktion mal eben so auslöschen, wie es eben islamische Fanatiker tun. Ja, es ist wohl gerade das insgeheime Wissen um diesen Unterschied, das manche so angestrengt alles in einen Topf werfen lässt – nur um den Propheten nicht beim Namen nennen zu müssen. Ein Negativbeispiel unter vielen seiner Art ist der aktuelle Titel des Berliner Stadtmagazins Zitty: »Gott ist doof« prangt da gleichermaßen über Kreuz, Davidstern und Halbmond.

Dagegen muss man auf mindestens zwei absolut entscheidende Unterschiede zwischen Kreuz beziehungsweise Davidstern und Halbmond hinweisen: Die ersten beiden Religionen lassen Hermeneutik nicht nur zu, sie verlangen sie sogar; das ermöglicht eine kontextuelle Deutung und damit überhaupt ernsthafte Theologie; letzten Endes resultiert daraus die Säkularisierungsfähigkeit beider Religionen, die ihre Wunschreiche entweder in messianischer Zukunft oder in göttlicher Jenseitigkeit errichten, was der wesenhaft totalitäre Islam nicht kann: Gott und Staat fallen hier unbedingt zusammen, alles andere wäre Ketzerei. So will der Islam als unmittelbare, unverrückbare Offenbarung Gottes durch den unfehlbaren Mund Mohammeds verstanden sein; eine historisierende Bewertung der extremen Judenfeindschaft des Korans aus der machtpolitischen Konkurrenzsituation der Entstehungszeit des Buches verbietet sich entsprechend; jede Opposition ist so notwendig eine rückwärtsgewandte hin zum eingebildeten Idealzustand der medinesischen Gesellschaft des siebten Jahrhunderts, die von einer despotischen Händler- und Kriegerklasse beherrscht wurde, auf Sklavenhaltung beruhte und den kompletten Ausschluss der Frauen aus den öffentlichen Geschäften fraglos voraussetzte.

Die Umma wäre in dieser Hinsicht eine mehr als eineinhalb Milliarden Menschen umfassende evangelikale Sekte, nur schlimmer: Denn dieser Monstersekte fehlte dazu noch eine wenigstens auf utopische Versöhnung ausgerichtete Botschaft, womit wir beim zweiten Unterschied ums Ganze wären. Der Islam ist eine Religion ohne Transzendenz, ungemein praktisch und diesseitig; selbst der Tod ändert nichts an der Lebenshaltung der Gläubigen, beinhaltet keinen Übergang in einen qualitativ anderen Zustand; wieso sonst sollte so genau beschrieben sein, dass sich die Jungfräulichkeit der weiblichen Märtyrerbelohnungen im Paradies auf wundersame Weise nach jeder Penetration wieder aufs Neue herstellt. Ohne Innerlichkeit, ohne Demut, ohne Trost und ohne Hoffnung; darin liegt der binnenreligiöse Grund dafür, dass der Islam seine Anhänger so extrem aggressiv und sublimationsunfähig macht – und schließlich wären andere Tugenden der Macht- und Eroberungsreligion Mohammeds auch nicht nütze gewesen.
Jenem berühmten Zehn-Punkte-Programm, das Horst Tomayer vor bald 20 Jahren islamisch beherrschten Ländern vorschlug, ist deshalb gar nicht viel hinzufügen. Ein Punkt lautete trocken, dass man »religiös deutlich kürzer treten« solle, während im praktischen Zentrum die flächendeckende Einführung von Biergärten stand – letztlich als Sinnbild einer straffreien, individuellen Lebensführung jenseits von Umma und Sharia. Dass es jetzt ausgerechnet die CSU ist, die die Blutbäder derer, die Biergärten schweinisch und ungläubig finden, dazu nutzen möchte, ihr lächerliches Blasphemieparagraphen-Verschärfungsgetue in die Presse zu bringen, ist sicherlich ebenso absurd wie unappetitlich – aber vergleichbar mit Enthaupten und Versklaven ist es sicher nicht.

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