Der Krieg gegen Frauen im Norden Nigerias

Frauen als Kriegsbeute

Seit Anfang 2013 sind Entführungen von Frauen ein wesentlicher Bestandteil der Strategie Boko Harams im Kampf um die Vorherrschaft im Norden Nigerias. Seit der Entführung von über 200 Schülerinnen aus Chibok im vergangenen Jahr haben die Verschleppungen noch zugenommen. Die Terrormiliz ist jedoch nicht der einzige Akteur, der Frauen instrumentalisiert.

Vor genau einem Jahr, in der Nacht zum 14. April, verschleppten Kämpfer der Terrormiliz Boko Haram in der nordnigerianischen Provinz Borno 276 Schülerinnen. Eines der Mädchen, das entkommen konnte, schilderte Human Rights Watch später die Nacht ihrer Entführung. Ihr Name wird zu ihrem Schutz nicht genannt: »Zwei Männer sagten uns, wir sollten uns nicht fürchten, nicht wegrennen. Sie sagten, sie seien gekommen, uns vor dem zu retten, was im Dorf passierte, dass sie Polizisten seien (…). Es kamen andere Männer hinzu und sie riefen ›Gott ist groß‹, da wussten wir, dass sie von Boko Haram waren. Sie sagten uns, wir sollten still sein. Einer sagte, dass die schrecklichen Dinge, von denen wir gehört hatten (…) niedergebrannte Häuser, getötete Menschen, getötete Schüler, Entführungen, nun auch uns passieren würden. Wir fingen alle an zu weinen und er sagte, wir sollten still sein.« Diese Aussage entstand im Juni 2014 in Yola.

Der Vorfall führte weltweit zu Protesten, der Hashtag #BringBackOurGirls trug für einige Wochen die internationale Solidarität mit den nige­rianischen Frauen durch das Netz. 56 weitere Geiseln schafften es seitdem, sich selbst zu befreien. Doch von den meisten Mädchen fehlt bis heute jede Spur. Laut Videobotschaften des Anführers von Boko Haram, Abubakr Shekau, wurden die Christinnen unter ihnen dazu gezwungen, zum Islam zu konvertieren, viele Mädchen wurden zwangsverheiratet. Während #BringBackOurGirls längst abgeebbt ist, macht Boko Haram weiter Jagd auf Frauen.
Ende März, kurz vor der Präsidentschaftswahl, entführte die islamistische Terrorgruppe 350 Frauen und Kinder in Damasak, nahe der Grenze zum Niger. Nachdem die Angreifer 70 Menschen in dem Ort getötet hatten, nahmen sie alle mit, die nicht schnell genug flüchten konnten. Erst eine Woche zuvor hatten Armeen des Niger und des Tschad das Dorf von den ­Terroristen zurückerobert. Auch dieser Übergriff machte weltweit Schlagzeilen, er ist die bisher größte Entführung von Frauen durch Boko Haram.

Doch der Krieg gegen die Frauen im Norden Nigerias lässt sich nicht mit einzelnen großen Zahlen verstehen. Denn er ist stetig. Immer wieder verschwinden Mädchen und Frauen aus ihren Dörfern. Im April 2014 entführte Boko Haram sechs Frauen und zwei Kinder in Wala, einem Dorf im Süden Bornos, zwei Wochen später elf Mädchen im Teenageralter. Im Juni 2014 verschwanden 60 Frauen aus dem Dorf Kummabza, ebenfalls in Borno. Am selben Tag entführten die Terroristen 20 muslimische Frauen aus der ethnischen Gruppe der Fulani, aus den Dörfern Bakin, Kogi, Garkin Fulani und Rugar Hardo, alle in der Nähe von Chibok. Diesmal forderten sie ein Lösegeld. 800 Rinder sollten ihnen dafür ausgehändigt werden, dass sie die Frauen wieder freilassen.
Entführungen von Frauen und Mädchen gehörten lange Zeit nicht zur Strategie der Terrormiliz. Erst 2013 stieg deren Zahl sprunghaft an. Das war eine Reaktion auf die Entführung von mehr als 100 Frauen der Kämpfer durch das ­nigerianische Militär – unter ihnen auch die Ehefrau von Abubakr Shekau. Bereits im Januar 2012 hatte Shekau eine Videobotschaft veröffentlicht, in der er damit drohte, die Ehefrauen von Regierungsbeamten zu entführen, sollten die inhaftierten Ehefrauen von Boko-Haram-Mitgliedern nicht freigelassen werden. Ein Jahr später dann schlug die Gruppe zu und kidnappte mehr als ein Dutzend Politiker und ihre Angehörigen in Borno. Die Motivation der Terrormiliz, Frauen zu entführen, war zunächst politisch. Es galt, den Gegner moralisch zu schwächen und Vergeltung zu üben. Mit dieser Taktik hatten die nigerianischen Sicherheitskräfte seit einiger Zeit Boko Haram zuzusetzen versucht, nun schlug die Gruppe mit gleichen Mitteln zurück.
Von Anfang 2012 bis Ende 2013 kam es so zu einer Vielzahl von Entführungen und Gegenentführungen. Die Regierung inhaftierte weiter Frauen, die der Terrormiliz nahe standen, Boko Haram entführte Frauen von Politikern und immer mehr Christinnen. All diese Frauen waren nicht direkt in den Konflikt involviert, sondern wurden von beiden Seiten als politisches Druckmittel verwendet. Interviews mit entführten Frauen bestätigen das. Gegenüber dem Fernsehsender al-Jazeera sagte eine Gruppe befreiter Frauen im Mai 2013 aus, dass ihre Geiselnehmer ihnen ausdrücklich erklärt hätten, ihre Entführung sei eine Antwort auf die Inhaftierung eigener Frauen durch die Regierung. Die Instrumentalisierung von Frauen und die Gewalt gegen sie ist in diesem Konflikt nicht allein Boko Haram anzulasten.
Im Zuge der sich zuspitzenden Auseinandersetzung spielte noch eine andere Entscheidung der nigerianischen Armee eine wichtige Rolle. Am 14. Mai 2013 wurde in den Provinzen Borno, Yobe und Adamawa der Ausnahmezustand verhängt. Es folgten Massenfestnahmen junger Männer und strikte Kontrollen an Checkpoints. Männliche Anhänger von Boko Haram wurden durch diese neue Situation besonders angreifbar. Daraufhin griffen die Terroristen zu einer neuen, geschlechtsspezisischen Taktik:. Künftig wurden immer mehr Frauen zum Waffenschmuggel und in Operationen eingesetzt, da sie im Gegensatz zu jungen Männern keinen Verdacht erregten. So wurden der nigerianischen Tageszeitung Guardian zufolge allein im August 2013 mehrere Frauen in der Provinzhaupstadt Maiduguri festgenommen, die unter ihrer Kleidung Waffen mit sich trugen. In einigen Fällen wurden Frauen und Mädchen gezwungen, terroristische Operationen für Boko Haram auszuführen. Das Nachrichtenportal Allafrica berichtet von einem zehn Jahre alten Mädchen, das im Juli 2014 im Nordwesten des Landes festgenommen worden sei, weil es einen Sprengstoffgürtel trug. Seitdem geht in Nigeria die Angst um, dass Boko Haram verstärkt weibliche Geiseln dazu zwingt, Anschläge zu verüben.

Wenn Frauen nicht in militärischen Operationen eingesetzt werden, müssen sie für ihre Geiselnehmer den Haushalt führen, werden verheiratet und sexuell missbraucht. Sie werden zu Gütern degradiert, die gehandelt und verkauft werden können. Wie in früheren Konflikten in der Subsahara, etwa in Uganda, Ruanda und Sierra Leone, werden Frauen auch im Konflikt um Nordnigeria von Boko Haram strategisch ausgebeutet. Gelingt es den Frauen zu entkommen, werden sie in ihren Dörfern ein zweites Mal zu Opfern. Denn dort werden Opfer von sexuellem Missbrauch stigmatisiert.
Nicht alle Gewalt der Terroristen gegen Frauen ist Taktik. Insbesondere die Entführung von Christinnen durch Boko Haram ist auch eine systematische Verfolgung Andersgläubiger. Sie stützt sich nicht nur auf die Ideologie der Gruppe selbst, sondern auch auf dauerhafte und institutionelle Diskriminierung von Christen im Norden Nigerias. Die Einführung der Sharia in zwölf Provinzen fiel mit dem Aufkommen Boko Harams zusammen und verlieh der Geschlechterideologie der Gruppe weitere Legitimität. So finden sich unter den entführten Opfern überproportional viele Christinnen. In diesen Fällen scheint es Boko Haram vor allem darum zu gehen, Angst unter Christen und anderen Bevölkerungsgruppen zu verbreiten, die sich ihnen nicht fügen.
Eine dieser Frauen erzählte Human Rights Watch nach ihrer Freilassung: »Ich wurde zum Anführer des Camps geschleift, wo mir gesagt wurde, ich sei dort, weil wir Christen drei Götter verehrten. Als ich widersprach, zog er mir ein Seil um den Hals und schlug mich mit einem Plastikkabel, bis ich fast ohnmächtig wurde. Ein Aufständischer, den ich aus meinem Dorf wiedererkannte, überzeugte mich, zum Islam zu konvertieren, sonst würde ich getötet. So stimmte ich zu.«

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