Heidegger irrt!

Irren ist menschlich

Akademiker wie Silvio Vietta und Peter Trawny sehen in Heideggers Philosophie eine respektable Fortschrittskritik. Dabei handelt es sich aber um die zentrale antisemitische Chiffre in Heideggers Werk.

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In Thomas Bernhards Roman »Alte Meister« (1985) formuliert es der Protagonist klipp und klar: »Die Heideggerepisode ist aber doch als Beispiel für den Philosophenkult der Deutschen aufschlussreich. Sie klammern sich immer nur an die falschen, sagte Reger, an die ihnen entsprechenden, an die stupiden und dubiosen.«
Die erregte Debatte um Heideggers posthum edierte »Schwarze Hefte« belegt, dass literarische Karikaturen mehr Wahrheit transportieren können als jede wissenschaftliche Studie. Denn die Zunft der Heideggerianer scheint sich derzeit zu bemühen, Bernhards Satire noch zu übertreffen.
Die Krone gebührt dem Literaturwissenschaftler Silvio Vietta, der in seiner Verteidigungsschrift »›Etwas rast um den Erdball … ‹. Ambivalente Existenz und Globalisierungskritik« ebenfalls mit Zitaten aus »Alte Meister« einsteigt. Allerdings vergisst Vietta nicht, textkundig darauf hinzuweisen, dass Bernhards Protagonist, der Alleskritisierer Reger, einräumt, mit Heidegger verwandt zu sein: »Alles ist Komödie, auch in Sachen Heidegger«, freut sich Vietta über diese li­terarische Ironie, »niemand ist draußen«.
Vietta selbst ist zwar nicht direkt mit Heidegger verwandt, aber seine Mutter Dorothea ging mit dem Philosophen fremd. Familienanbindung bestand also schon, und wer Viettas Buch liest, dem vergeht das Lachen darüber schnell. Denn geradezu obsessiv wiederholt Vietta ein angeblich entlastendes Briefzitat Heideggers an seine Frau Elfride, in dem der Marburger Extraordina­rius 1928 über seine Studenten notiert: »Freilich: die Besten sind – Juden«. Nicht nur, dass die Phrase an den typischen Satz vieler Antisemiten erinnert, sie hätten nichts gegen Juden, einige ihrer besten Freunde seien Juden. Vietta entgeht zudem, dass die Mehrdeutigkeit des Bindestrichs in dem Zitat einer überzeugten Antisemitin wie Heideggers Ehefrau nahelegen konnte, die Mitteilung im Sinne einer zynischen Verspottung des dekadenten Bildungsstandes der Marburger Studierenden zu lesen.
Die Identifikation Viettas mit Heidegger geht sogar so weit, dass er dessen Antisemitismus dort, wo er nicht mehr zu leugnen ist, als legitime »Juden-Kritik« verteidigt. Vietta scheint an­zunehmen, dass es tatsächlich ein internationales Judentum gebe, dessen »berechtigte« An­klage man Heidegger nicht vorwerfen könne. So wiederholt er ständig briefliche Klagen Heideggers aus dem Jahr 1920, in seiner oberschwäbischen Geburtsstadt Meßkirch werde mit Vieh und Agrargut spekuliert, wobei alles mit Juden und Schiebern »überschwemmt« sei. Vietta sekundiert gutgläubig: »Offenbar standen die Juden in Deutschland in diesem Geschäft an vorderster Front.«
Heideggers Beobachtungen sind für Vietta Zeugnisse einer Kulturkritik an den Funktionen der Juden in der sich modernisierenden deutschen Gesellschaft. Er moniert lediglich, Heideg­ger sei entgangen, dass die »Juden kulturgeschichtlich in solche Rechner-Berufe gedrängt wurden«, weil ihnen klassische Handwerkstä­tigkeiten verwehrt geblieben seien. Dass »die Juden« als gewiefte Rechner aber tatsächlich maßgeblichen Anteil an jener »Machenschaft« hatten, als die Heidegger eine Entwicklung geißelt, die Vietta wiederum als diejenige der heutigen Globalisierung begreift, wird von dem Verteidiger keineswegs in Zweifel gezogen.
So könne uns Heidegger »mit seiner Kritik an der überbordenden Herrschaft« des »rechnenden Denkens« ein »guter Weggefährte und auch ein Wegweiser« sein. Dieser Deutung muss man ebenso widersprechen wie Christian Schmidts Disko-Beitrag (Jungle World 19/2015), der behauptet, die Verbindung zwischen Heideggers technikkritischer Ontologie und seinem Antisemitismus sei bislang noch von keinem Kritiker belegt worden. Ganz im Gegenteil: Heideggers Hass auf den Fortschritt ist gerade die zentrale Chiffre seiner antisemitischen Weltanschauung.

Die Aufregung um den expliziten Judenhass in den »Schwarzen Heften« kann Vietta nicht nachvollziehen: »Genau besehen« seien die »Schwarzen Hefte« ebenso wie »die frühere Juden-Kritik« Heideggers »ein Stück Kulturkritik, kein biologischer Antisemitismus«. Es sei unerträglich, dass in Deutschland »ein und derselbe Begriff des Antisemitismus die furchtbarste Form des Völkermords« genauso bezeichnen solle wie Heideg­gers »legitime und lässliche Kritik an den Juden, die man ebenso muss äußern können wie eine Kritik an jeder anderen Volks- und Religionsgruppe«. Deshalb sei Heidegger auch »nie ein Nationalsozialist« gewesen.
Diese Behauptung ist angesichts von Heideggers Freiburger Rektorat im Jahr 1933 kühn. Er nannte es zwar nach 1945 wiederholt einen »Irrtum«, wobei der Philosoph aber stets betonte, er habe 1933 daran geglaubt, »jetzt sei die Zeit, nicht mit Hitler, aber mit einer Erweckung des Volkes in seinem abendländischen Geschick anfänglich – geschichtlich zu werden«. Sein Versehen sollte also nicht etwa darin bestanden haben, für eine antisemitische Ideologie zu optieren. »Das war und bleibt eine Entscheidung, die wesentlicher war als alles Danebenstehen und Naserümpfen«, so Heidegger. Sein »Irrtum von 1933« sei es nur gewesen, nicht zu realisieren, dass seine eigene Vision dieser Revolution noch nicht »unmittelbar« durchdringen konnte. Nach 1945 schränkte er sogar ein, »politisch im weltgeschichtlichen Sinne« sei die Entscheidung »kein Irrtum« gewesen.
Weit schlimmer als die Judenvernichtung erscheint Heidegger nach Kriegsende, dass dem deutschen Volk nicht erlaubt werde, sein »Eigenes«, sein »Wesen« und sein »Seyn« zu finden. Schuld daran sei der »Terror des endgültigen Nihilismus«, der »noch unheimlicher« wirke als »alle Massivität der Henkerknechte und der KZ«. Heidegger attackiert die »planetarische Plattheit des Meinens und Redens und Schreibens«, das internationale »Literatentum« und die »Weltpresse«. Das deutsche »ratlose Kriechen im Schatten« vor der »Weltöffentlichkeit« als »Organisa­tion der Seynsvergessenheit« kann für ihn schließlich nur eines heißen: »Ahnt ›man‹, daß jetzt schon das deutsche Volk und Land ein ein­ziges Kz ist – wie es ›die Welt‹ allerdings noch nie ›gesehen‹ hat«? Der Denker höhnt über die Si­tuation nach 1945: »Daß die jetzt in Deutschland, im besetzten wohlgemerkt, in Gang gebrachte Tötungsmaschinerie etwas anderes leisten soll als die vollständige Vernichtung, das können nur noch liberale Demokraten und sogenannte Christen glauben machen wollen.«
Der Herausgeber dieser »Anmerkungen« Heideggers, Peter Trawny, hat richtig darauf hingewiesen, dass die zitierten Vorstellungen, für die man in den »Schwarzen Heften« auf beinahe jeder Seite Anhaltspunkte findet, an den Mythos einer jüdischen Weltverschwörung in den »Protokollen der Weisen von Zion« erinnern. Damit ist Trawny aber derjenige Verteidiger Heideggers, der derzeit am unverfrorensten vorgeht: Ähnlich wie die Geschichtspolitiker der Berliner Republik räumt er pflichtschuldig ein, was ohnehin offen zutage liegt, um trotzdem weiter um Verständnis für Heideggers »Irrtümer« zu werben.

In seinem Bändchen »Irrnisfuge. Heideggers An-Archie« greift Trawny dazu tief in die dialektische Trickkiste: »Was, wenn die Philosophie auch in ihren Irrtümern, ja, in ihrem Wahn nicht aufhörte, Philosophie zu sein? Was, wenn wir die Philosophie auch im Zustand ihrer Irre bedenken müssten? Was, wenn wir auch in der Irre – philosophierten? Wäre nicht dann erst möglich zu fragen, welche Gefahr für das Denken im Antisemitismus wirklich steckt?«
Trawny raunt vom »Verhören« des Irrenden, der jede moralische Verantwortung »im Sinne einer Entsprechung zum Wort« zurückweisen müsse: »Es ist ein Moment der an-archischen Freiheit, in der das Irren in keiner Hinsicht als schuldhaft gedeutet werden kann. Die an-archische Freiheit ist eine Freiheit von Verantwortung und Schuld. So wie Ödipus nicht schuldig sein kann, mit seiner Mutter geschlafen zu haben, ist der Irrende nicht schuldig, im Wechselspiel von Verborgenheit und Offenheit gescheitert zu sein. Im Ereignis der Wahrheit ist moralische Verantwortung nur ein Phantasma.«
Eine solche Entgegnung auf die Frage nach seiner Verantwortung im Nationalsozialismus wäre wohl nicht einmal Heidegger eingefallen. Und schon gar nicht hätte sie sich Thomas Bernhard in seiner Heidegger-Polemik aus »Alte Meister« ausdenken können.