Notizen aus Neuschwabenland, Teil 8: Selbstzerstörung

Irrungen und Wirrungen

Diese Kolumne berichtet über das Milieu der »Neuen Rechten«. Notizen aus Neuschwabenland, Teil 8: Selbstzerstörerische Tendenzen.

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Nach einem Winter mit Auftriebshoffnungen steht das neurechte Milieu derzeit unter dem Zeichen der Fragmentierung und Disharmonie. Die üblichen Trommler machen zwar weiter Lärm, aber die beschworene große Sammlung ist ins Stocken geraten. Händeringend beobachtet die Junge Freiheit den Selbstzerfleischungsprozess der Alternative für Deutschland (AfD). Mit ihr glaubte sie, endlich einen Ausweg aus dem Elend der fragmentierten Parteienlandschaft rechts der CDU gefunden zu haben. Doch nun treiben die »Erfurter Resolution« und Bernd Luckes »Weckruf 2015« Deutschnationale und »Germanomics« auseinander, deren Zusammen­gehen man sich erhofft hatte, um das Trauma der ewigen Niederlage zu überwinden. Angesichts des tiefen Zerwürfnisses zwischen Frauke Petry und Lucke scheint die Spaltung end­gültig.

Ebenfalls viel Energie zur Selbstzerstörung bringen Pro NRW und Pro Köln gegeneinander auf. Nach dem Kölner »Sitzungsgeldskandal«, einer Serie von Betrügereien zur Erschleichung von Steuergeldern, kam es zu einer Reihe von Austritten und Ausschlüssen. Markus Beisicht, Vorsitzender von Pro NRW, warf den Kölner Abgeordneten vor, »die Partei von innen zersetzen« zu wollen, da sie die Verantwortlichen für den Betrug erneut in den Vereinsvorstand von Pro Köln gewählt hatten. Diese antworteten umgehend mit dem Vorwurf, Beisicht wolle eine »NPD 2.0« schaffen. Inhaltlich sind Pro Köln und Pro NRW zwar kaum zu unterscheiden; sie haben aber verkündet, von nun an getrennte Wege zu gehen.
All das wird sich auch auf den außerparlamentarischen Flügel auswirken. Der »Friedenswinter« ist bereits gescheitert und Pegida dürfte nicht wieder zum Leben erwachen. Am ersten Märzwochenende weilten die Pegida-Werbetrommler der Sezession, Götz Kubitschek und Ellen Kositza, in Rom auf einer Großdemonstration italienischer Neofaschisten. Beeindruckt kehrten sie heim zum kleineren Format Pegida. Ellen Kositza träumte in der Sezession schließlich beides zusammen: »Die gigantische Kundgebung der Lega Nord am Wochenende in Rom war faszinierend. Pegida Dresden gestern war es auch – auf völlig andere Weise.« In der Betrachtung des römischen Aufmarsches wird auch deutlich, wie man sich in ihren Kreisen die Zukunft von Pegida wünscht: »Pathetische Bombast-Musik, dann der wuchtige Einzug der Casa-Pound-Hundertschaften von der höhergelegenen Viale Gabriele d’ Annunzio auf den bereits dicht gefüllten Platz. Tosender Beifall, undenkbar dies alles in Deutschland!«
Der Jungen Freiheit wird das alles zu viel und zu offensichtlich. Von ihr ereilte die alten Kampfgefährten ein scharfer Ordnungsruf. »Italienischer Holzweg« ist die Rüge betitelt, die der Sezession wegen »kritikloser Sympathie« erteilt wird. An Kositza adressiert schreibt man: »Die alte Sympathie für die faschistische Periode, für Mussolini und sogar Hitler lebt in Teilen der italienischen Rechten erschreckenderweise fort. Bemerkbar war das am Wochenende durch Duce-Sprechchöre, erhobene rechte Arme, Mussolini-Plakate und andere Symbole.« Aber dieser Rummel um die klassische Form, das ästhetizistische Gehabe um Haltung und Opfergang sind es ja gerade, was die Sezession so reizt.

Die Zeitschrift hat auch einen neuen Autoren vorgestellt, den österreichischen »Identitären« Matthias Sellner. Der Student der Rechtswissenschaften und Philosophie inszeniert sich in der szeneüblichen Spannung zwischen geistiger Tradition und technischer Moderne, oder, wie es bei Sezession bedeutungsschwanger heißt: zwischen »Hashtag und Heidegger«. Ein Herz für Symbole hat auch Kubitscheks alter Kamerad und Interviewpartner Björn Höcke von der thüringischen AfD. Er lud die Unterzeichner seiner »Erfurter Resolution« für den 6. Juni zu einem Treffen an einem bedeutsamen Ort: Auf dem Kyffhäuser will Höcke seine Getreuen mit einem »Programm aus Musik, richtungsweisenden Reden und gemütlichem Beisammensein mit Gleichgesinnten« beglücken. Soll es Barbarossa richten?