Ein Buch über das Sozialverhalten von Primaten

Ein Kissen aus Lieblingsstroh

Der niederländische Zoologe Frans de Waal erforscht das Sozialverhalten von Primaten.
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Man kennt das aus dem Flugzeug. Ein Baby beginnt zu weinen und alle anderen Babys im Flugzeug tun es ihm spontan aufheulend nach. Soziale Ansteckung heißt das Phänomen, das auch aus Fußballstadien bekannt ist, wenn sich die Emotionen der Fans zu einer mächtigen testosteronhaltigen Welle emporschaukeln.
Frans de Waal, 1948 in den Niederlanden geboren und einer der berühmtesten Primatenforscher der Welt, bezeichnet soziale Ansteckung als eine Grundform der Empathie. Eine besondere Intelligenzleistung scheint für sie nicht nötig zu sein. Komplizierter wird es, wenn man sich in die Lage anderer versetzen soll. Für Menschen ist das aber – meistens jedenfalls – kein Problem.
Für höhere Säugetiere mit großem Gehirn wie Elefanten oder Delfine allerdings auch nicht. Erst recht nicht für die nächsten Verwandten der Menschen – die Menschenaffen. Das mag die menschliche Eitelkeit ein wenig kränken und manch skeptischer Geist vermisst möglicherweise – weil Tiere weder sprechen noch Zeichen verwenden, also nicht auf symbolisch-abstraktem Niveau kommunizieren – echte Beweise für die tierische Fähigkeit zur Selbsterkenntnis und dem daraus hervorgehenden Vermögen empathischer Perspektivenübernahme. Indes könnte der Blick in eines der stets von ziemlich überzeugenden Beispielen aus der (Feld-)Forschung nur so wimmelnden Bücher des Verhaltensforscher Frans de Waal ebensolche Überzeugungsarbeit leisten.
De Waal, Professor für Psychobiologie an der Emory University und Direktor des Yerkes National Primate Research Center in Atlanta, hielt noch nie etwas von den populären Ansichten des amerikanischen Konservatismus, nach dessen Überzeugung das Leben ein immerwährender Kampf ist, beruhend auf dem Prinzip der Konkurrenz. »Eine sehr einseitige Auslegung von Darwin«, nannte de Waal diese Position einmal gegenüber der FAZ.
De Waals jüngstes, mitunter etwas zu weitschweifig-verplappertes Buch »Der Mensch, der Bonobo und die Zehn Gebote« versteht sich als Aufklärung in Sachen Empathie, Koopera­tion und Altruismus. Auch seine bisherigen Bücher »Der Affe und der Sushimeister«, »Primaten und Philosophen« oder »Das Prinzip Empathie« beschäftigen sich mit dem Sozialverhalten der Primaten. Da die Schwerpunkte von de Waals Arbeit – die minutiöse Erforschung der tierischen und menschlichen Entwicklung von Kultur beziehungsweise Moral und damit die Entstehung von Empathie, Kooperation und Altruismus – dieselben geblieben sind, bietet auch das jüngste populäre Sachbuch des Zoologen keine völlig neuen Erkenntnisse.
Abermals verfolgt de Waal seinen Bottom-up-Ansatz, der von »unten« nach »oben« vorgeht, von den tierischen Ursprüngen hinauf zur sozio-kulturellen Ausdifferenzierung menschlicher Gesellschaften. Seine These, die einem mit soziologischen oder entwicklungspsychologischen Kenntnissen oder auch mit Affen-Fernsehdokus vertrauten Leser nicht ganz so verwegen steil erscheinen dürfte, wie de Waal es gern hätte, lautet: Moralität sei nicht über die Verordnung einer Gottheit in die Welt gekommen. Auch hätten die Menschen ihre Moralität nicht »aus dem Nichts durch rationales Denken entwickelt; vielmehr hat unser Hintergrund als soziale Tiere den Anstoß dazu gegeben«. Moral komme von unten beziehungsweise von innen. Mehr noch: Sie stecke bereits in den prosozialen tierischen Verhaltensdispositionen und äußere sich in Verhaltensweisen, die die Menschen als moralisch zu bezeichnen pflegen.
De Waal schreibt konsequent an gegen etwas, von dem man meint, es sei im 21. Jahrhundert eigentlich kein großes Thema mehr, zumindest nicht in der Wissenschaft: die Vorstellung von der reinen Bestialität des Tieres. Er macht das gern beispielhaft, tierische (Melo-)Dramen und Liebesgeschichten schätzt er besonders. Eine seiner liebsten, meist zitierten Protagonistinnen ist die Schimpansin Daisy, die sich rührend um ihren todkranken Artgenossen Amos kümmert, indem sie ihm, einer freundlich-aufmerksamen Krankenschwester gleich, ein Kissen aus ihrem Lieblingsstroh zurechtlegt, an das er sich anlehnen kann. Das sei nicht einfach nur nett, meint de Waal, sondern ein Akt von Empathie im Sinne der Perspektivenübernahme. Ein anderes Beispiel ist Peony, eine ältere Schimpansendame, über die de Waal schreibt: »Am Ende ihres Lebens war Peony voll und ganz auf die Unterstützung der anderen Schimpansen angewiesen, die ihr Wasser brachten und ihr beim Klettern halfen.«
Als »Wiege der Empathie« vermutet de Waal die mütterliche Fürsorge, die praktisch von ­allen Säugetieren praktiziert werde. Frauen bräuchten ein besonderes Gespür für den Nachwuchs, für seine Grundbedürfnisse, für die Gefahren, in die er geraten könne. Dieses Muster mütterlicher Fürsorge sei später, auch bei den Menschen, auf andere Beziehungen wie Freundschaften übertragen worden. Zusammen mit der Fairness, einem Grundgefühl ­dafür, was richtig ist und falsch, das de Waal ebenfalls bei den Menschenaffen ausmacht, habe man so die zwei tragenden Säulen des komplexen Regelsystems Moral beisammen.
Im Gegensatz zu den relativ friedfertigen Bonobos halten es die ziemlich aggressiven Schimpansen mit dem archaisch wirkenden Prinzip »Auge um Auge, Zahn um Zahn«. Bonobos (auch Zwergschimpansen genannt) bilden zusammen mit dem Gemeinen Schimpansen die Gattung der Schimpansen. Sämtlichen Primaten, so de Waal, sei reine Triebhaftigkeit fremd. Mindestens so wichtig wie ausgelebte Emotionen sei die Kontrolle von Aggressionen und Trieben, ohne sie wäre ein normales Zusammenleben in der Gruppe unmöglich. Sogar Verhaltensweisen, die auf ein sehr komplexes sozial-moralisches Gefühl wie Scham schließen lassen, macht de Waal bei den Primaten aus. Womit der biblische Sündenfall seinen Rang als Präzedenzfall der Scham los wäre.
So sehr de Waal die matriarchal organisierten, zum Zwecke der Konfliktbeilegung promiskuitiven Sex treibenden Bonobos liebt, so ­wenig kann er menschliche Dogmatiker leiden. Religiöse Fanatiker sind ihm regelrecht zuwider. Und obgleich de Waal meint, Moral sei sehr viel älter als Religion, womit er recht haben könnte, sofern man den Moralbegriff niedrig genug hängt, ist er doch keineswegs ein Feind von Religiosität. Radikale Neoatheisten vom Schlage eines Richard Dawkins oder Daniel C. Dennett sind ihm ein Dorn im Auge. Immerhin böte Religion einen sinnvollen Überbau für moralisches Verhalten; ihre Rolle bei der Herausbildung komplexer Moralsysteme sei überdies evident. Darüber hinaus sei das Bedürfnis nach Spiritualität universell und schon deshalb nicht zu ignorieren. Man sollte vielleicht erwidern: Das Bedürfnis, Kriege zu führen, lustvoll im Blut anderer zu baden und Frauen zu vergewaltigen, ist nicht weniger universell verbreitet. Nicht selten im Namen von Religionen.

Frans de Waal: Der Mensch, der Bonobo und die Zehn Gebote: Moral ist älter als Religion. Klett-Cotta, Köln 2015, 365 Seiten, 24,95 Euro