Burgfrieden ohne Casting

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Von Ivo Bozic
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Manche regen sich darüber auf, dass die CSU, die ja die Regierung ist, gegen die Regierung klagen will, und dass ihr Vorsitzender Horst Seehofer Wutbriefe an seine eigene Kanzlerin schreibt. »In einer Koalition schreibt man keine Drohbriefe«, jammert die SPD. Die CSU und Seehofer müssten sich entscheiden, ob sie Regierung oder Opposition sein wollen. Klar, dass die Sozis sauer sind: Die SPD käme nie auf die Idee, der CDU etwas anderes als Liebesbriefchen zu schreiben. Koalitionen sind in Deutschland keine besonders konfliktträchtigen Gebilde. Seit 1982 ist keine Bundesregierung mehr zerbrochen. Man versteht sich – und mal ehrlich: So groß sind die Unterschiede im Allgemeinen doch nicht. So ist das nun mal, Dietmar Bartsch und Sahra Wagenknecht leben sogar in derselben Partei. Man nennt das dann Pluralismus oder Toleranz und einige Menschen sind ja schon ungemein stolz darauf, dass sie mit Menschen anderer Hautfarbe in einem einzigen Staat zusammenleben, ohne sie totzuschlagen. Einer Umfrage zufolge sind zwölf Millionen Haushalte in Deutschland akut in einen Nachbarschaftsstreit verwickelt, das sind 29 Prozent. Dagegen sind deutsche Regierungskoalitionen Oasen des inneren Friedens.
Auch in der Tierwelt gibt es oft Nachbarschaftsstreitereien, etwa wenn Störche sich gegenseitig Nistmaterial stehlen oder Einsiedlerkrebse um Schneckenhäuser kämpfen, sie manchmal sogar einander zu entwenden versuchen. Aber zuweilen findet sich unter Tieren eine Toleranz, die an den Berliner Koalitionsalltag erinnert. Der Dachs ist ein leidenschaftlicher Höhlenbauer, er schafft sich Wohnungen mit diversen Zimmern und Fluren, die er am Ende, wie er dann feststellt, gar nicht alle nutzen kann. Was also kümmert es den Dachs, wenn dort noch ein Fuchs einzieht? Auch der Fuchs toleriert in seinem Bau zuweilen andere Tiere, sogar Kaninchen und Brandgänse, die dort ihren Nachwuchs zur Welt bringen und die eigentlich auf seinem Speiseplan stehen. Plötzlich teilen sie sich die Bleibe, ganz ohne dafür ein umständliches WG-Casting abhalten zu müssen, und verzichten darauf, sich aufzufressen. »Burgfrieden« nennen das die Verhaltensbiologen.
Es gibt aber Tiere, die noch enger mit anderen verbunden sind, jene nämlich, die in einer Symbiose leben. Wie der afrikanische Honigdachs, der sich von einem Vogel namens Honiganzeiger Wildbienennester zeigen lässt, die er dann für den Vogel aushebt. Der Honigdachs frisst den Honig, der Vogel die freigebuddelten Bienenlarven. So werden beide satt. Wer denkt da nicht gleich an CDU und SPD und an Angela Merkel, die als Symboltier für deren Symbiose gilt? Auch die CSU lebt in dieser Symbiose und nimmt ihre Rolle als regierender Wutbürger ein. Drum besteht auch kein Grund zur Hoffnung: Die werden sich nicht gegenseitig fressen.