»Eine höhere Gewaltstufe«

Ob im Harz, im hessischen Werra-Meißner-Kreis oder in Hann. Münden, ob in Baden-Württemberg oder Brandenburg – die Nachfrage nach dem Kleinen Waffenschein wächst. Das belegen nicht nur Meldungen von Lokalzeitungen. Einer Forsa-Studie zufolge, die im Auftrag der Zeit erstellt wurde, gingen in Köln in den ersten Januarwochen dreimal so viele Anträge auf einen Kleinen Waffenschein ein wie im gesamten Vorjahr. Auch in Bayern und Sachsen hat sich die Zahl solcher Anträge demnach vervielfacht. Nach Angaben der Autoren der Studie haben die Ereignisse der Silvesternacht in Köln die Nachfrage nach dem Kleinen Waffenschein nochmals erhöht. Dem Besitzer eines solchen Scheins ist es gestattet, in der Öffentlichkeit Signal-, Reizstoff- und Schreckschusswaffen mitzuführen. In Berlin vergibt die Waffenbehörde beim Landeskriminalamt 553 die Waffenscheine. Stefan Redlich, Sprecher der Polizei Berlin, hat der Jungle World Auskunft über die Antragszahlen bei der Behörde gegeben.

Anzeige

In Köln ist der Kleine Waffenschein zurzeit ebenso begehrt wie in Bayern und Sachsen. Hat die Berliner Waffenbehörde auch einen Anstieg der Antragszahlen registriert?
Gemäß den Zahlen der letzten zwei Jahre zu Erteilungen von Kleinen Waffenscheinen ist ein Anstieg zu verzeichnen. Im Jahr 2014 wurden 527 Kleine Waffenscheine durch die Berliner Waffenbehörde erteilt. Ein Jahr später waren es 816 entsprechende Erteilungen.
Wie schwer ist es überhaupt für einen unbescholtenen Normalbürger wie mich, einen solchen Waffenschein zu erhalten?
Die Voraussetzungen für die Beantragung des Kleinen Waffenscheins können Sie auf der Internetseite www.berlin.de/polizei/service/waffenbehoerde einsehen.
Wie beurteilt die Polizei das offenbar wachsende Bedürfnis von Bürgern, sich selbst mit Waffengewalt verteidigen zu können?
Die Polizei rät grundsätzlich von einer Schutzbewaffnung ab. Eine Bewaffnung vermittelt ein trügerisches Sicherheitsgefühl und verändert die persönliche Wahrnehmung.
Was ist trügerisch an der Vorstellung, beispielsweise mit einer Gaspistole einen Angreifer abzuschrecken?
Dort, wo deeskalierende Maßnahmen ergriffen werden könnten – wie etwa die Straßenseite wechseln, Distanz aufbauen, um Hilfe rufen, Passanten hinzuziehen –, kann durch eine Bewaffnung das Gegenteil bewirkt und im schlimmsten Fall eine höhere Gewaltstufe provoziert werden.

Das Interview wurde per E-Mail geführt.