Roller-Derby

Mehr als nur Schubserei auf Rollen

Roller Derby ist eine relativ neue Sportart, die rasant wächst.

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Sie heißen Evil Redhead, Mia Missile oder Jane van Pain, sie fahren mit Rollschuhen auf einem Oval und sehen dabei ein bisschen aus wie Teilnehmerinnen einer organisierten Massenschubserei. Roller Derby, ein körperbetontes Rollschuh-Rennen aus den USA, das vor allem von Frauen betrieben wird, gewinnt in Deutschland in rasantem Tempo Anhängerinnen. Wie ist es, bei einem Sport dabei zu sein, der sich gerade erst erfindet? Ein Besuch beim derzeitigen Meister Bear City Roller Derby aus Berlin gibt Antworten.
Donner Doro, die im echten Leben Doreen Kuhn heißt, hockt an der Auswechselbank und ringt nach Luft. »Die letzte Runde war ziemlich intensiv«, keucht sie. Kurze Atempause, zwei Minuten sind vorbei, dann ist Doro wieder dran. Sie ist Jammerin, Punktemacherin. Auf dem Oval tritt sie gegen vier Blockerinnen des Gegners an, die fest auf ihren Rollschuhen stehen, bereit, sie aufzuhalten. Sie haben reichlich legale Mittel dazu: Schubsen mit der Hüfte, dem Vorderkörper, den Schultern. Wer Roller Derby zum ersten Mal sieht, hat das Gefühl, einer dauernden Rudelbildung zuzuschauen. Doro und ihre Teamkameradinnen tragen Helme, Mundschutz, Protektoren, und gewiss nicht zur Zierde. Doros Aufgabe: an den Blockerinnen vorbeizukommen und in zwei Minuten so viele Gegner wie möglich zu überholen. »Das ist super anstrengend«, sagt sie. Man glaubt es ihr.
Die Mädels sind stolz auf ihren Körpereinsatz; beim Training von Bear City Roller Derby sieht man überall Kampfnamen auf selbst bedruckten Trikots, dazu auf die Haut gemalte Zahlen wie die 666. Auf den Vereinsfotos posieren sie mit Maske, Waffe oder Kriegsbemalung. Das ist cool, außergewöhnlich und ein bisschen irreführend. Denn gleichzeitig mögen sie es gar nicht so sehr, dieses Image von den coolen Punk-Frauen. »Klar gibt es hier taffe Uschis«, sagt Donner Doro. »Aber es gibt bestimmt genauso viele Mädels, die auf rosa Tutu stehen.« Ein Text über die harten Weiber vom Roller Derby? Bitte nicht schon wieder.
Das hält sie aber nicht davon ab, im Spiel dem Image alle Ehre zu machen. Ein Pfiff, dann jagt die Jammerin auf ihre Gegner zu. Die Gruppe wird zu einem Knäuel, irgendjemand fällt hin, sie schubsen, drängeln, es wird unübersichtlich. Die Schiedsrichter halten nach Fouls Ausschau. Sieben sind beim Roller Derby aktiv, bei diesem Training allein sind es drei Leute. Und sie haben gut zu tun. Immer wieder werden Mädels auf die Strafbank verbannt. Donner Doro versucht, den Blockerinnen ein Schnippchen zu schlagen, täuscht an, dann links vorbei, sie ist durch. Die gegnerische Jammerin versucht gegen ihre Blockerinnen den­selben Trick. Jetzt ist der Moment gekommen, an dem Doro Punkte holen kann, sie jagt durchs Oval. Doch der Moment währt nicht lang: Der Schiedsrichter pfeift ab, die Runde ist vorbei. Nur zwei Minuten hat das Ganze gedauert. Zwei Minuten außergewöhnliche Action. Vor allem die deutsche Rock- und Avantgarde-Szene liebt die Frauen auf Rollschuhen.
Als Roller Derby in den neunziger Jahren in den USA groß wurde, waren es tatsächlich überwiegend Punks und Feministinnen, die den Sport für sich entdeckten. Das Image bleibt, auch wenn die Klientel sich gewandelt hat. Hierzulande sind es eher Frauen aus der Mittelschicht, die sich für Roller Derby begeistern. Im Jahr 2006 wurde in Stuttgart der erste deutsche Verein gegründet. 2008 zog Berlin nach; und plötzlich wurde die Sache groß. Mittlerweile gibt es Roller Derby in 46 deutschen Städten, schätzungsweise 900 Spielerinnen nehmen teil, es gibt mehrere deutsche Ligen, eine Weltmeisterschaft. Wie das passiert ist? Davon kann Tique erzählen. Sie war dabei, als in Deutschland alles begann.
Tique, die im richtigen Leben Myriell Kohrs heißt, kam, wie so viele, zufällig zum Roller Derby. Sie hat einen Kumpel, dessen Freundin irgendeinen Verein mitgegründet hat. Ob sie da nicht mal zum Training vorbeikommen wolle? Tique ist neugierig und sportbegeistert, sie sagt zu – und ist sofort fasziniert. »Wie dieser Sport Energien freigesetzt hat. Man musste sich auf den Punkt fokussieren, Kraft einsetzen. Ich war direkt angefixt.« Die Berlin Bomb­shells, die sie 2009 kennenlernt, sind eine andere Welt als der Club von heute. Eine Handvoll Idealistinnen, die davon träumen, mal Spiele zu bestreiten. Keine Rede von A-Kadern oder B-Kadern, kein Gedanke an eine Liga oder WM. Dafür ein Zusammengehörigkeitsgefühl, wie sie es bis dahin nicht erlebt hat. Ein Gefühl, wie man es nur hat, wenn man weiß, dass man Teil von etwas völlig Neuem ist. »Die Frauen-Power war unglaublich. Wir wollten etwas aufbauen, von Mädels für Mädels.«
Bis heute wird Roller Derby von den Teilnehmerinnen selbst ehrenamtlich organisiert. Damals war die Arbeit, die auf den Einzelnen lastet, noch viel höher: Es mussten Regeln aufgestellt, Spiele organisiert, Vereinsstrukturen aufgebaut werden. »Wir haben nächtelang an der Satzung gearbeitet«, erinnert sich Tique. Schnell zieht Roller Derby sie völlig in Bann. Anfangs trainieren sie einmal pro Woche, dann zweimal, dann viermal. Dazu die ehrenamtliche Arbeit für den Verein, bald trifft man sich auch in der Freizeit. »Das waren die geilsten Mädelspartys, die ich je erlebt habe. Auf dem Spielfeld herrscht teilweise ein sehr rauer Ton, da hat man sich echt nichts geschenkt. Aber außerhalb gibt es ein unglaublich harmonisches Miteinander. Wir haben zusammen mit dem Gegner gefeiert und gesoffen.« Statt kul­tivierter Feindschaften wie beim Fußball sehen sie sich als Botschafter auf gemeinsamer Mis­sion. Bald entsteht unter den Spielerinnen ein Spruch: Erinnerst du dich an dein Leben vor dem Derby? »Roller Derby wird schnell zum Lebensmittelpunkt«, sagt Tique.
Doch solche Pionierarbeit in einem neuen Sport, der alles vereinnahmt, kann auch Nachteile haben. Denn Roller Derby verbreitet sich so rasant, dass manche nicht Schritt halten können. Nur zwei Jahre nach der Gründung gibt es schon Auswärtsspiele in England, eine WM ist in Planung, die Leute trainieren fünfmal pro Woche. Tique aber hat Familie, zwei kleine Kinder. »Ich musste ständig absagen.« Irgendwann spürt sie, dass sie das nicht mehr kann. Auch die Atmosphäre, findet sie, ändert sich: Es geht jetzt sehr stark um Leistung – wenn ein Verein plötzlich über 100 Mitglieder hat, ist man nicht mehr mit jedem dicke. Mit höherem Zeitaufwand kommen auch mehr junge Leute. »Anfangs waren fast alle Spielerinnen um die 30. Das hat sich geändert.« Das Jonglieren mit Job und Familie haut für Tique irgendwann nicht mehr hin. 2011 steigt sie aus – aber dem Roller Derby, das so wichtig für sie geworden ist, den Rücken kehren? Nein, das würde sie nicht tun. Sie wird Schiedsrichterin.
Schiedsrichter beim Roller Derby sind ein spezielles Grüppchen. Sie sind viel stärker mit den Teams verbunden als bei anderen Sport­arten, pflegen einen lockeren Umgang mit Spielerinnen. Nach dem Spiel, so erklärt es die Schiedsrichterin Schadenfreude von Bear City Roller Derby, setzen sich Schiris und Teams zur Feedback-Runde zusammen. »Da werden ganz entspannt die Entscheidungen besprochen. Es gibt kein ›Schiri, wir wissen, wo dein Auto steht‹.« Kurioserweise sind viele Schiedsrichter beim Roller Derby Männer. Tique findet das schade, schließlich sehen sie sich als Botschafterinnen eines Sports von Frauen für Frauen. »Mit den männlichen Schiedsrichtern war ich nie besonders dicke.« Einige Schiedsrichterinnen, sagt sie, hätten sich gern vor den männlichen Kollegen in Szene gesetzt. Tique aber ist froh, dass ihr Schiedsrichterteam nur aus Frauen besteht. »Wir waren stolz auf uns.«
Sie sind quer durch Europa unterwegs, pfeifen in Frankreich, Dänemark, Schweden. Weil Roller Derby ein junger Sport ist, sind viele Regeln noch nicht in Stein gemeißelt; es gibt oft Diskussionen mit den Amerikanern, deren Verband WFTDA die Dachorganisation des Roller Derby bildet. »Der Sport ist immer noch sehr amerikanisch«, sagt Tique, und sie klingt dabei angriffslustig. Denn nicht nur haben die US-Amerikanerinnen weiterhin einen Leistungsvorsprung, sondern sie haben auch offenbar andere Vorstellungen vom Regelwerk als die Europäerinnen. »Zum Beispiel sollen Schiedsrichter in ihrer Freizeit nicht mit Vereinsspielerinnen befreundet sein. Da sagen wir: ›Hallo, spinnt ihr?‹«
Ein ganz grundsätzlicher Streitpunkt sind und bleiben die Schubsereien: Einerseits Publikumsmagnet, andererseits Quelle vieler Verletzungen. Heute würde ein viel stärkerer Augenmerk auf die Rempeleien gelegt, sagt Tique. »Das Spiel ist so viel langsamer und brutaler geworden. Ich finde das furchtbar. Ich habe Spiele gesehen, wo die Spielerinnen mit blauer Brust raus gekommen sind.« Sie fordert mehr Protektion, weigert sich seither, ins Stadion zu gehen. Andere wie Donner Doro finden die Langsamkeit normal. Eine andere Generation: Donner Doro ist 2011 dazu gekommen, da gab es bereits eine WM.
So gibt es immer Punkte, an denen man noch feilen kann. Man steht ja erst am Anfang: »Die Leistungsunterschiede in der Liga sind noch ziemlich groß«, sagt Donner Doro. Ihr Team sicherte sich voriges Jahr locker die Meisterschaft; bald soll das hoffentlich schwerer werden. Andere Dinge haben sich nicht geändert. Das Feiern, der Zusammenhalt, das ist ihnen immer noch wichtig beim Roller Derby. Konsequent sprechen sie einander privat mit Kampfnamen an. »Manchmal weiß man gar nicht, wie die Leute wirklich heißen«, sagt Donner Doro. Sie war mal mit einer Mitspielerin auf dem Hotelzimmer und wollte sie an der Rezeption melden. »Da ist mir aufgefallen, dass ich ihren Namen gar nicht kannte.« Ein Leben ohne Derby? Kann sie sich nicht mehr vorstellen. Auch Tique, die seit einem Fahrradunfall ihren Schiedsrichterjob aufgeben musste, hängt weiter am Roller Derby. Derzeit noch boykottiert sie wegen der Regeländerung die Spiele. Aber irgendwann, findet sie, müsste sie schon mal wieder gucken gehen.