Das westliche und das islamische Frauenbild in der linken Debatte

Und es hat doch mit dem Islam zu tun

Darüber, dass es massive Unterschiede zwischen dem westlichen und dem islamischen Frauenbild gibt, herrscht in der Debatte über die Kölner Attacken einigermaßen Konsens. Bei der eigentlichen Frage, warum das so ist, kommt nahezu programmatisches Unwissen ins Spiel.

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Aufgefallen ist in den vergangenen Wochen, dass diejenigen, die kritisieren, dass Nazis und andere Deutsche sowie natürlich »vor allem« auch »männliche Antideutsche« nun zu Situationsfeministen mutiert wären, sich selbst plötzlich als Verfechter einer allgemeinen Unschuldsvermutung aufspielen. Dabei haben viele dieser Kritiker diese durch das Konzept der Definitionsmacht unzählige Male im ganz konkreten Fall demontiert oder zumindest das theoretische Rüstzeug dafür geliefert. Die Unschuldsvermutung, die schon jahrelang vielen Personen vor allem in der linken Szene ganz explizit nicht gewährt wurde, soll nun plötzlich für den Islam und auch für die Sexualität gelten.
Der Aufruf #ausnahmslos kann als repräsentativ für diese Haltung betrachtet werden. Den Text nun nur wegen des Antisemitismus’ gewisser Unterzeichnerinnen zu kritisieren, wie es Dora Streibl in ihrem Artikel tut (Jungle World, 4/2016), suggeriert, dass keine Kritik am Text selbst zu üben wäre, und lenkt so schlichtweg ab. Im Aufruf heißt es: »Das Problem des Sexismus und der sexualisierten (!) Gewalt darf nicht ›islamisiert‹ (!) und damit pauschal einer Religion und ihren – häufig vermeintlichen – Angehörigen zugeschrieben werden. (…) Redaktionen sollen reißerische und stigmatisierende Deutungen vermeiden, denn diese ziehen konkrete negative Folgen für Mitglieder unserer Gesellschaft nach sich.« Nahegelegt wird somit, dass jeder, der den Islam kritisiere, für den nächsten Anschlag auf ein Flüchtlingsheim verantwortlich sei. Damit wird der drastische Unterschied zwischen politischem oder kritischem und juristischem Urteil verwischt. Wobei sich strenggenommen nur Letzteres auf die einzelne Person richtet und praktisch durchgeführt werden muss, um Gültigkeit zu erlangen.
Die Vorstellung eines praktisch-politischen Urteils entspringt hingegen gerade jener feministischen Denkform, die jeden mutmaßlichen Vergewaltiger in einem Schauprozess aburteilen möchte, um ein Exempel zu statuieren. Aber keinem Kritiker, der die Differenz von Wort und Tat zu Recht für sich in Anspruch nimmt und sein Urteil präzise formuliert hat, kann mutwilliges oder fahrlässiges Missverständnis des Geschriebenen durch Dritte beziehungsweise gar der praktische Vollzug des Missverstandenen vorgeworfen werden. Als würde Streibl dies ahnen, sei die antideutsche Islamkritik dann auch nur eine »häufig rassistisch anmutende«, was immer dies bedeuten mag.

Der »radikal-queer-wasweißich-feministische« und somit selbstverständlich auch antirassistische Flügel behauptet nun, die Silvesterübergriffe hätten nichts mit dem Islam zu tun und sexualisierte Gewalt nichts mit Sex. Hinsichtlich des zweiten Punktes beinhaltet selbst noch die Projektion auf die Psychoanalyse, dass dort alles nur »sexuell« sei, einen erheblichen Wahrheitsvorsprung. In der Vorstellung der »sexualisierten Gewalt« ist Sexualität etwas Reines und Unschuldiges – alles, was diese Unschuld verletzt, ist demnach keine Sexualität mehr, sondern Ausübung von Macht. Ähnlich verhält es sich mit dem kulturrelativistischen Schleier, der über den Islam gebreitet wird. Alles, was an diesem nicht in das eigene Weltbild passt, sei eine Instrumentalisierung der Religion, die an sich nicht (besonders) kritikwürdig sei.
Sofern man sich vom Anspruch des Universalismus, der sowohl dem bürgerlichen Feminismus als auch dem Bürgerrechts-Antirassismus eines Martin Luther Kings in gewissen Zügen eigen war, noch nicht ganz verabschiedet hat, müsste man zu deren Gunsten bestimmen, was seine Verwirklichung zu verhindern sucht. Das Entscheidende wäre deshalb tatsächlich nicht, zu erkennen, dass es massive Unterschiede zwischen dem westlichen und islamischen Frauenbild gibt, sondern eher warum. Der scheinbare Universalismus, den #ausnahmslos ja schon im Namen propagiert, kommt jedoch nur dadurch zu Stande, dass man sich von jedem Spezifikum abwendet. Man kann dem Großteil der Linken deshalb ein nahezu programmatisches Unwissen hinsichtlich des Islam attestieren. Herauskommt dabei meist, dass es den Islam nicht gebe.
Selbst Ivo Bozic (Jungle World, 2/2016) nähert sich mit einer These solcher Interpretation zumindest an: »Das hat nichts damit zu tun, was im Koran steht!« Richtig ist dieser Satz gegen die zahlreichen Koranleser, die in der unmittelbaren Lektüre das Wesen der Religion erkennen wollen. Gleichzeitig ist der im Koran »offenbarte« Islam kein reines »Suren-Bingo«, aus dem man sich frei heraussuchen könnte, was gerade passt – zumindest nicht, ohne dafür unter Umständen geköpft, gehängt oder gesteinigt zu werden.
Der Islam ist wegen des eklatanten Mangels an theologischem Überschuss stärker noch als die meisten anderen Religionen als konkreter Rezeptions- und vor allem Institutionalisierungsprozess zu betrachten. Der Islam ist ein spezifisches Problem, das den Rahmen einer generalisierten Religionskritik sprengt, vor allem da die meisten nordafrikanischen und arabischen Staaten nicht nur islamisch »geprägt«, sondern vielmehr islamisch konstituiert sind, weshalb sie konsequenterweise die »Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam« verabschiedeten, die sich ganz explizit gegen die universellen Menschenrechte – diese »säkulare Interpretation der judäo-christlichen Tradition«, wie es der iranische Vertreter bei der UNO formulierte – richtet. Nicht zuletzt wegen dieser staatsreligiösen Dominanz sind auch Nichtmuslime – also vor allem Christen und Säkulare – der islamischen Geschlechter- und Sexualitätsvorstellung unterworfen. Dieser sind ferner nicht nur die Frauen, sondern auch eine Vielzahl, wenn nicht sogar die Mehrheit der Männer zumindest indirekt ausgesetzt.
Ein Beispiel: In fast allen benannten Ländern wird die Polygamie legal praktiziert. Das ist ein massiver Unterschied zur historischen und/oder ganz partikularen heutigen Praxis innerhalb des Juden- und Christentums. Für Freud war in gewisser Weise die Ermordung des allmächtig über alle Frauen verfügenden Urvaters und die Formierung der Bruderhorde der erste zivilisatorische Akt. Die damit einhergehende Einführung der Monogamie verhinderte einen Rückfall hinter diesen. Der Islam riss diese Errungenschaft wieder ein und institutionalisierte durch die Begrenzung auf vier Frauen sozusagen »Urväter light«, die zwar untereinander eine brüderliche Horde bilden können, sich jedoch dezidiert von den anderen Männern abgrenzen. In Verbindung mit der Tatsache, dass alle sexuellen Partnerschaften strengstens verboten sind, schafft schon dieses, als eines der zahlreichen regressiven Momente des Islam, einen permanenten sexuellen sexuellen Notstand, durch den Triebambivalenzen externalisiert und polarisiert werden. Triebausbrüche in gewalttätiger Form werden somit fast schon automatisch vorbereitet und nur durch die Macht des polygynen Ehemannes verhindert oder gerächt. Wo solch ein patriarchaler Souverän nicht präsent ist, werden Frauen wie in Köln oder in den Kairoer Straßen und Gassen – und zwar schon jahrelang vor den Übergriffen auf dem Tahrir-Platz – zum Freiwild.

Unter dem Hashtag #ausnahmslos wird sich nun darüber mokiert, Europa sei ebenso sexistisch und frauenfeindlich, da hier mit halbnackten Frauen geworben werde. Unterschlagen wird dabei, dass diese Werbung, die hier den Feminismus brüskiert, dort den personifizierten Islam auf die Palme bringen würde und deshalb überhaupt nicht existiert. Zu behaupten oder zu suggerieren, dass es keinen Unterschied zwischen der »repressiven Entsublimierung« (Marcuse) in der westlichen Welt und der autoritären Triebunterdrückung in islamischen Ländern und Milieus gäbe, dass es also keinen Unterschied macht, ob – etwas vereinfacht ausgedrückt – die Sexualität oder die Frau als Ware erscheint, ist Relativierung in einem Ausmaß, die Komplizenschaft gleichkommt. Im Sinne einer Entislamisierung und Reeducation zugunsten des Universalismus der Aufklärung wäre auch ein ganz spezifischer Antifeminismus zu pflegen, der sich um derjenigen Frauen willen, die den islamischen Sittenterror nicht mehr aushalten (wollen), gegen jegliche akzeptierende Religions- und Kulturbetrachtungen des Feminismus richtet. Dabei ist beispielsweise die verfemte Aussage Zana Ramadanis, dass die islamische Sexualmoral stark von den »muslimischen Müttern« getragen und konserviert wird, zu verteidigen, auch wenn man ihnen dies nicht individuell anlasten kann. Vielmehr wären auch jene Mütter unter anderem durch Sprachkenntnisse darin zu unterstützen, sich von den frauen-, juden- und (homo)sexualitätsfeindlichen Medien der islamischen Welt zu lösen.