Berlin Beatet Bestes

Turkophile vor, Apokalyptiker raus

Berlin Beatet Bestes. Folge 356. Celal İnce: Dostluk Şarkısı (The Song of Friendship) (1947).

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Dauernd schlechte Nachrichten aus der Türkei. Das nervt. Immer nur: Erdoğan, Gülen, Erdoğan, Gülen. Langweilig! Dabei bin ich doch so turkophil. Wo bleiben die positiven Nachrichten? Ich will mehr hören von türkischen Punkbands und türkischen Comics. Es geht ja alles weiter, genauso wie die Leute in der Türkei weiterhin in Kneipen Bier trinken. Es muss weitergehen und es wird weitergehen. Solange alle ein Smartphone in der Hand halten, ist der Fortschritt nicht zu stoppen.
Ein Blick in die Vergangenheit hilft, den gegenwärtigen Alarmismus mit etwas Abstand zu betrachten. Bei meinem vergangenen Besuch in Istanbul fand ich auf dem Flohmarkt eine seltsame 10-inch-Flexi-Disc. Sie war nicht gerade billig – vielleicht zehn Euro –, aber im Urlaub gucke ich nicht so aufs Geld. Abspielen konnte ich sie erst zu Hause, sie läuft auf 78 Umdrehungen.
Die Flexi wurde von Voice Of America als offizielle Propagandaplatte zehntausendfach in der Türkei verteilt. Zu hören ist hymnische Marschmusik, über die Celal İnce mit viel Pathos ein Loblied auf die türkisch-amerikanische Freundschaft singt: »Wir waren Blutsbrüder in Korea. Für die Freiheit, Unabhängigkeit und den Frieden in der Welt.« Als die Platte herauskam – ich vermute, Mitte der fünfziger Jahre –, war die Türkei politisch ein strategisch wichtiger Frontstaat im Kalten Krieg. Die Platte trägt mich zurück in eine Türkei, wie sie in den Filmen »Liebesgrüße aus Moskau« (1963) und »Topkapi« (1964) zu sehen ist, ein Land zwischen zwischen Moderne und Tradition.
Celal İnce war in den vierziger und fünziger Jahren der König des türkischen Tango. Auch wenn hier leider kein Tango zu hören ist, so ist es doch Populärmusik. İnce immigrierte übrigens Ende der Fünfziger in die USA und lebt seitdem in Chicago. 40 Jahre lang arbeitete er im Weinhandel. Heute, mit 95 Jahren, ist er immer noch als Berater tätig. 2012 wurde sein Tango »Sana Nerden Gönül Verdim« auf »Istanbul Tango 1927 – 1953«, dem vierten Teil der deutschen CD-Reihe »Old World Tangos« wiederveröffentlicht. Zufällig ­illustriert niemand anderes als der Berliner Underground- und Kunstmaler Guido Sieber die Serie. Also, Turkophile vor, Apokalyptiker raus.