Der Wahlkampf der AfD in Berlin

Der Oberst und die Herzogin

Am Wochenende wird die AfD auch ins Berliner Abgeordnetenhaus einziehen. Im Gegensatz zu anderen Landesverbänden gibt sie sich tolerant.
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»Berlin braucht die Alternative« steht auf den Plakaten der Berliner »Alternative für Deutschland« (AfD). Und Berlin wählt sie auch. Noch vor einem Jahr wurde die AfD von allen Umfrageinstituten unter fünf Prozent der Stimmen gesehen. Nun muss man fest mit ihrem Einzug in das Berliner Abgeordnetenhaus und einem zweistelligen Ergebnis rechnen. Dort wolle man keine Fundamentalopposition sein, sondern konstruktiv mit allen zusammenarbeiten, die »sinnvolle Vorschläge« machen, sagte Spitzenkandidat Georg Pazderski dem RBB. Regieren wolle man jedoch vorerst nicht. Da der »Berliner Konsens gegen rechts« der etablierten Parteien eine Zusammenarbeit mit den Rechts­populisten ohnehin ausschließt, steht das auch nicht zur Debatte.
Die Doppelspitze des Landesvorstandes ist eine aus Adel und Militär. Beatrix von Storch, die populäre Schlüsselfigur des fundamental-christlichen Flügels, sitzt derzeit im Europaparlament und kandidiert nicht für das Landesparlament. Ihr Co-Vorsitzender Pazderski führt die Partei in die Berlin-Wahl, die er als »Test für die Bundestagswahl« sieht. Der 64jährige war 41 Jahre lang bei der Bundeswehr, zuletzt als Oberst im Generalstabsdienst. »Ich führe gerne«, ist einer der Sätze, die er nicht ohne Stolz in der Stimme sagt, wenn er von seiner Zeit beim Militär spricht. Grobe Schnitzer erlaubt sich Pazderski nicht, er gibt sich besonnen, ruhig, differenziert. Keine rhetorische Radikalität, keine Schießbefehl-Skandale – er ist der nette Opa von der AfD. »National-konservativ« sei er, doch er betont, er fühle sich auch als Kosmopolit, immerhin habe er für die Bundeswehr 14 Jahre im Ausland verbracht. Im Wahlkampf ist der Spitzenkandidat das einzige Gesicht, das immer wieder auftaucht, kaum einer seiner Parteifreunde gibt Interviews, geht in Talkshows oder wird porträtiert. Unter den Strategen der Rechtspopulisten weiß man wohl, dass in Berlin kein anderer so gut funktionieren würde. »Ich versuche, Staatsmann zu sein«, meint der Pensionär, der jahrelang als militärpolitischer Berater arbeitete.
Angesprochen darauf, dass in seinen Reihen Kay Nerstheimer kandidiert, nach Angaben des RBB ein ehemaliger Berliner Anführer der rechtsextremen German Defence League, der sagte, er wolle die Organisation als Miliz aufbauen, weicht Pazderski aus, verweist darauf, dass der Sachverhalt geprüft werde und dass man niemanden vorverurteilen dürfe. Obwohl Landesvorstand und Landesliste voll sind mit derzeitigen oder ehemaligen Autoren und Redakteuren der Zeitung Junge Freiheit, Burschenschaftern und Vertriebenenfunktionären, gibt sich die Partei in der Hauptstadt verhältnismäßig liberal, wenn es nicht gerade um Migration geht. Die Kampagne setzt sogar auf Homosexuelle und Kiffer. »Mein Partner und ich legen keinen Wert auf die Bekanntschaft mit muslimischen Einwanderern, für die unsere Liebe eine Todsünde ist«, heißt es auf einem Großflächenplakat, die zwei Männer zeigt. Auf einem anderen sieht man einen Mann mit langen Haaren und Vollbart, neben dem zu lesen ist: »Mein marokkanischer Dealer kriegt sein Leben komplett vom Staat finanziert. Irgendwas ist in Deutschland oberfaul.« Auf einem dritten wird einer dunkelhäutige Frau mit langem schwarzen Haar der holprige Satz »Ich möchte, dass mein Sohn richtig Deutsch sprechen lernt, weil das die Voraussetzung ist, zu einem guten Beruf« in den Mund gelegt. Die Kampagne ist offenbar auf die Stadt zugeschnitten. Die vermeintliche Liberalität ändert jedoch nichts am autoritären Programm, das auf mehr Polizei, Überwachung und Abschiebung setzt.