Zwei Bücher über die deutsche Linke und Israel

Militärischer Antizionismus

Der US-amerikanische Historiker Jeffrey Herf schreibt über die deutsche Linke und untersucht, wie die DDR die arabischen Feinde Israels aufrüstete.
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Bis zum heutigen Tag machen linke Antizionisten im Namen der Menschenrechte, des Antifaschismus und des Antirassismus gegen Israel mobil. Allerdings hat seit Anfang der neunziger Jahre ein deutlicher Wandel in der antizionistischen Agitation stattgefunden: Während in den Jahrzehnten des Kalten Krieges ein antiimperialistischer, auf den Marx­ismus-Leninismus rekurrierender »Befreiungsnationalismus« der zentrale Bezugspunkt war, hat sich in den vergangenen zwei Dekaden ein abstrakter Antinationalismus und geschichtsloser Universalismus zur maßgeblichen Legitimation des ­Antizionismus gemausert.
Die Nazis unterstellten den Juden noch, sie seien zur Gründung eines »echten« Staates gar nicht in der Lage. Der maßgebliche Text des Nationalsozialismus zum Zionismus stammt von Hitlers Chefphilosophen Alfred Rosenberg, der das jüdische Staatsgründungprojekt als »staatsfeindlich« bezeichnete. Auch Hitler selbst attestierte den Juden, sie seien »mangels eigener produktiver Fähigkeiten« zu einem »Staatsbau räumlich empfundener Art« nicht in der Lage. Das fand in den siebziger und achtziger Jahren seinen Nachhall im linken, sowohl autonomen als auch marxistisch-leninistischen Gerede von Israel als »künstlichem Gebilde«, bei dem sich schon immer die Frage aufdrängte, ob andere Staaten am Baum gewachsen sind.
Heutzutage werfen Antizionisten den israelischen Juden vor, sie würden starrsinnig an ihrem Staat und ihrer Nation festhalten, obwohl das Konzept der Nationalstaatlichkeit historisch längst obsolet sei: Der Zionismus sei als Nationalismus nur mehr ein »Anachronismus«, wie Tony Judt es zu Zeiten der zweiten Intifada für die globale Linke ausbuchstabiert hat. Trotz dieses Wandels in der Argumentation wurden die Grundlagen für die gegenwärtige antizionistische Agitation in den Zeiten des Kalten Krieges gelegt.
Der US-amerikanische Historiker Jeffrey Herf zeigt in seiner bisher nur auf Englisch vorliegenden Studie zum Verhältnis der DDR und der westdeutschen radikalen Linken zum ­jüdischen Staat, dass die Indienstnahme »der Sprache der Menschenrechte und des Antifaschismus im Krieg ­gegen Israel« insbesondere im ostdeutschen, seinem Selbstverständnis nach »ersten antifaschistischen Staat auf deutschem Boden«, perfektioniert wurde. Der Geschichts­professor der University of Maryland zeigt, wie durch die Präsentation des jüdischen Staates als Nachfolger Nazideutschlands in den theoretischen und geschichtswissenschaftlichen Verrenkungen des Ostblockmarxismus und des westdeutschen linken Antizionismus die Angriffe auf Israel in die Tradition des Antifaschismus gehoben wurden. Mit ihrer jahrzehntelangen antiisraelischen Propaganda haben die linken Antizionisten der siebziger und achtziger Jahre Herf zufolge »ein giftiges ideologisches Gebräu« hinterlassen, das bis heute seine Schatten auf die politischen Debatten nicht nur im Nahen Osten und Deutschland, sondern weltweit werfe.
Ausgehend vom rasanten Umschlagen von der Befürwortung der israe­lischen Staatsgründung 1948 in die vorbehaltlose Unterstützung der arabischen Staaten seit Anfang der fünfziger Jahre analysiert Herf die Entwicklung der DDR-Nahostpolitik vom Sechs-Tage-Krieg bis zum Zusammenbruch des Warschauer Paktes. Als Grund für die anti­zionistische Orientierung der DDR-Führung sieht Herf eine Mischung aus ideologischer Überzeugung und nationalem Interesse: Die antiisraelische Politik stand nicht nur in Übereinstimmung mit der stalinistischen Legitimationsideologie des Marxismus-Leninismus, sondern spielte auch eine entscheidende ­Rolle in der DDR-Außenpolitik: Die wortreiche und insbesondere die handfeste Unterstützung der Feinde Israels ermöglichte es der DDR, sich aus der internationalen Isolation zu befreien. Mit Unterstützung der arabischen und zahlreicher afrikanischer Staaten wurde die DDR UN-Mitglied, als solches setzte sie sich sogleich vehement für die 1975 verabschiedete UN-Resolution zur Gleichsetzung von Zionismus und Rassismus ein.
Ein besonderes Verdienst von Herfs Studie ist die ausführliche Darstellung der Versuche von israelischen Gesandten bei den Vereinten Nationen und von jüdischen Gemeindefunktionären in Westdeutschland, vor den Gefahren des linken Antizionismus und der Kooperation der Ostblockstaaten mit arabischen Anti­semiten zu warnen. Heinz Galinski, der langjährige Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Berlin und eine der deutlichsten Stimmen in dieser Hinsicht, war jedoch nicht nur mit der antizionistischen Propaganda der radikalen Linken und der DDR konfrontiert, sondern auch mit der Regierung Willy Brandts. Deren skandalöse Postulierung einer »neutralen Haltung« im für Israel existenzbedrohenden Jom-Kippur-Krieg und die massive Behinderung dringend benötigter US-amerikanischer Waffenlieferungen an Israel über deutsche Häfen bezieht Herf ebenfalls in seine Darstellung ein.
Ausgehend von bereits vorliegenden Arbeiten zur RAF, den Revolutionären Zellen und der Bewegung 2. Juni zeichnet Herf die Kooperation der militanten Linken der BRD mit der PFLP und anderen bewaffneten palästinensischen Organisationen für das englischsprachige Publikum nach, sein Schwerpunkt liegt jedoch in der Aufarbeitung jener Dokumente, welche die umfassende, lange Zeit geheim gehaltene Kooperation der DDR mit den Todfeinden Israels belegen. So sehr er die Bedeutung eines militanten linken Israelhasses in der BRD vor dem Hintergrund der NS-Vergangenheit auch hervorhebt, betont Herf inbesondere, dass es die staatliche militärische Unterstützung der arabischen Staaten und der PLO durch die DDR und andere Ostblockstaaten war, welche die Ereignisse im Nahen Osten entscheidend beeinflusst hat.
Der Historiker Stefan Meining spricht davon, dass die DDR in den siebziger und achtziger Jahren als »Frontstaat gegen Israel« agierte.Meinings Analyse erschien in einem von Olaf Glöckner und Julius H.  Schoeps herausgegebenen Sammelband, dessen sonstige Beiträge einen weitgehend deskriptiven Überblick zu verschiedenen Aspekten des Verhältnisses Westdeutschlands zum jüdischen Staat geben. Meining zeigt anhand der Erinnerungen des DDR-­Gesandten in Syrien, dass man in Ost-Berlin die offene Judenfeindschaft der arabischen Verbündeten des Realsozialismus durchaus zur Kenntnis nahm, ihr aber kaum politische Bedeutung beimaß. Für Walter Ulbricht seien »solche Informationen Verrat an der antiimperialistischen Sache« gewesen, er forderte, man dürfe solche »Äußerlichkeiten« nicht mit den »grundsätzlichen Fragen durcheinanderbringen«.
Meining erinnert daran, dass die DDR »in ihrer antiisraelischen Agitation auch auf ehemalige NS-Propagandisten zurückgriff«, und zeigt, ­inwiefern »antisemitische Zerrbilder aus der Ära Stalins« noch in der Schlussphase der DDR eine Rolle gespielt haben. Ihm gelingt es, plausibel herauszuarbeiten, wie Erich Honecker als neuer SED-Generalsekretär ab 1971 den bereits unter Ulbricht eingeschlagenen »proarabischen und antiisraelischen Kurs weiter verschärft« hat. Auch zu Honeckers Zeiten haben sich syrische, irakische und libysche Politiker gegenüber ranghohen DDR-Funktionsträgern immer wieder ohne Umschweife über ihre Vernichtungsphantasien bezüglich Israels ausgelassen. Das wurde von der DDR-Regierung in internen Stellungnahmen zwar mit Missfallen registriert, hatte aber keinerlei Auswirkungen auf die enge Kooperation insbesondere mit Ägypten und Syrien, die sich Anfang der siebziger Jahre anschickten, mit ihren Vernichtungsdrohungen durch einen Angriffskrieg gegen Israel ernst zu machen. Möglich wurde der Jom-Kippur-Krieg 1973 nur aufgrund der erheblichen Aufrüstung der mit Israel verfeindeten arabischen Diktaturen durch die Staaten des Warschauer Paktes – auch durch die DDR, die zudem militärische Ausbildung auf ihrem Territorium anbot.
Welche Bedeutung und welches Ausmaß die militärische und geheimdienstliche Kooperation Ostdeutschlands mit den arabischen Staaten bis Ende der achtziger Jahre hatte, zeigt Herf, der sich auf frühere Arbeiten von Meining bezieht. Ausgehend von langjährigen Archivrecherchen schätzt Herf, dass von 1967 bis 1989 unter anderem Folgendes von der DDR an die arabischen Staaten und an bewaffnete palästinensische ­Organisationen geliefert wurde: 750 000 Kalaschnikows, 120 MiG-Kampfjets, 180 000 Antipersonen­minen, 235 000 Granaten, 25 000 Panzerfäuste und 25 Millionen Magazine. Diese Waffenlieferungen trugen unmittelbar zu den Verlusten auf israelischer Seite bei, insbesondere während des Jom-Kippur-Kriegs, in dessen Verlauf die DDR nicht nur Kampfjets, sondern auch NVA-Soldaten nach Syrien verlegte. Im von Herf untersuchten Zeitraum wurden über 6 000 israelische Soldaten in den arabisch-israelischen Kriegen getötet und mehr als 21 000 verletzt. Hunderte Zivilisten wurden bei palästinensischen Terrorangriffen in Israel ermordet. Herf betont, dass Israel »durch Waffengewalt zerstört worden wäre«, wenn die arabischen und palästinensischen Verbündeten der DDR erfolgreich gewesen wären. Angesichts dieser Tatsache qualifiziert er die Rhetorik der DDR-Führung, die stets die Notwendigkeit von »ausverhandelten Lösungen« im ­Nahen Osten betonte, als »Nebel«, der letztlich nur dazu gedient habe, die militärische und geheimdienstliche Kooperation mit dem Irak, Libyen und insbesondere mit Syrien unter Hafiz al-Assad und jenen palästinensischen Organisationen zu verschleiern, die entschieden jede Form der Annäherung an Israel ablehnten. Auch Meining kommt zu dem Schluss, dass das »Standardargument, die DDR wollte den jüdischen Staat nicht vernichten«, angesichts der gewaltigen Unterstützung für jene Staaten und Organisationen, die sich genau diese Vernichtung auf die Fahnen geschrieben hatten, »ins Leere« läuft.
Angesichts neu aufflammender Debatten in der deutschen Linken, ob es nicht geboten sei, zwischen einem klar antisemitischen Antizionismus einerseits und einem »geschichtsbewussten«, emanzipativ-universalistischen Antizionismus andererseits zu unterscheiden, sei auf Herfs Fazit verwiesen, dass es für jene Israelis, die in den Jahrzehnten des Kalten Krieges getötet oder verwundet wurden, keinen Unterschied mache, ob ihre Feinde durch klassische und offene Judenfeindschaft motiviert ­waren oder durch den »more fashionable anti-Zionism of the global Left«. Hinsichtlich ersterer beschäftigt sich Herf mit dem langjährigen syrischen Verteidigungsminister Mustafa Tlass, der von der DDR-Führung mit allen Ehren empfangen wurde und dessen Machwerk »The Matzo of Zion« zum Klassiker des arabisch-nationalistischen Antisemitismus avancierte. Die Idee, die Zerstörung des jüdischen Staates habe nichts mit dem Hass auf Juden zu tun, bezeichnet Herf als eine der »central leftist illusions of this era«. Eine Illusion, der offenbar bis heute jene linksradikale Universalisten nachhängen, die allen Ernstes meinen, den Nahost-Konflikt durch die Brille eines linkskommunistisch verstandenen Klassenantagonismus ­interpretieren zu können.
Dass sich in Herfs umfassende Studie auch einige wenige Ungenauigkeiten eingeschlichen haben und das Thema, wie er selbst betont, noch weiterer Untersuchungen bedarf, beispielsweise zur Rolle des Südjemen, und einige Aspekte wie das Verhältnis der DDR und der westdeutschen radikalen Linken zum Iran nach der Islamischen Revolution von 1979 ausgespart bleiben, ändert nichts daran, dass Herfs Studie mit ihrer detaillierten Arbeit beeindruckt. Man kann nur hoffen, dass sich möglichst bald ein Verlag für eine deutsche Übersetzung seines Werks finden wird. Es ist nicht nur bedauerlich, sondern auch bezeichnend für die deutschsprachige Nahost- und Anti­semitismus-Diskussion, dass Herfs zuletzt erschienene Bücher, die ausgesprochen instruktive Studie »Nazi Propaganda in the Arab World« und »The Jewish Enemy«, eine materialreiche Arbeit über den nationalso­zialistischen Judenhass, die viel zum Verständnis des Antisemitismus als Hass auf das Abstrakte und zum Stellenwert des Antisemitismus für die nationalsozialistische Kriegsführung beiträgt, bisher nicht auf Deutsch vorliegen.
Jeffrey Herf: Undeclared Wars with Israel. East Germany and the West German Far Left, 1967 – 1989. Cambridge University Press, New York 2016, 495 Seiten
Olaf Glöckner/Julius H. Schoeps (Hg.): Deutschland, die Juden und der Staat Israel. Eine politische Bestandsaufnahme. Olms-Verlag, Hildesheim 2016, 400 Seiten, 28 Euro