Eine Verschwörungstheorie aus der fränkischen Provinz

Enthüllung oder Verschwörungstheorie?

Die jüdische Untergrundorganisation »Nakam« verübte 1946 in Nürnberg einen Anschlag auf internierte SS-Leute. Eine Lokalzeitung hat nun die These verbreitet, dass dabei Tausende gestorben sein könnten. Historiker halten die vorgebliche Sensation angesichts der Quellenlage für abwegige Spekulation.

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»Deutsche töten, so viele wie möglich.« So beschrieb der jüngst verstorbene Joseph Harmatz das Ziel der Organisation »Nakam« (hebräisch für Rache). Harmatz und seine Mitstreiter vergifteten 1946 in Nürnberg SS-Kriegsgefangene mit Brotlaiben, die mit einer Arsenlösung bestrichen waren. Der Anschlag erreichte sein Ziel nicht, alle Gefangenen überlebten. Diese Darstellung bezweifelt nun die Lokalzeitung Der Bote und wittert eine große Verschwörung. Nach »Recherchen im Internet« und in Zeitungsarchiven habe sich das Bild verdichtet, dass die »offizielle Lesart der Behörden nicht haltbar« sei, so das Blatt.
Der Artikel »Gibt es Massengräber im Moorenbrunnfeld?« stützt sich auf einen Leserbriefschreiber, dem wiederum ein Überlebender berichtet haben soll, dass damals 700 bis 800 Gefangene gestorben seien. Außerdem ist in dem Artikel die Rede von einer Dorfbewohnerin. Diese habe eine Patin, die die Tochter eines damaligen Lagerinsassen sei, der »aus seiner subjektiven Erinnerung heraus« von 2 000 Todes­opfern gesprochen habe. Dass damals Bulldozer Massengräber aushoben, sei kein Geheimnis gewesen, will die Frau wissen. Und eine 49jährige berichtet, sie habe als Kind beim Spielen an dem besagten Ort regelmäßig Skelettteile entdeckt.
»Roland Geisler zählt hier eins und eins zusammen«, heißt es in der Zeitung. Der früher im Ermittlungsreferat des Generalbundesanwalts tätige Autor von Regionalkrimis hat einen Roman über den Anschlagsversuch von »Nakam« geschrieben. Und er entwickelt eine große Vertuschungstheorie, die Der Bote unkritisch ausbreitet. Verdächtig sei nämlich, so formuliert die Autorin des Artikels, dass die Fläche, auf der Knochen und Schädel nur so herumzuliegen scheinen, zwar ein »Filetstück« im Südosten der Stadt, aber dennoch unbebaut sei. Warum schafft der Eigentümer Siemens nicht Ausgleichsflächen für den geschützten Landschaftsteil und fängt an zu graben? »Vielleicht soll eben gerade das verhindert werden«, raunt es in dem Blatt. Wer diese im Hintergrund agierende Macht ist, lässt die Autorin offen. Sie gibt die Theorie des Krimiautors wieder, wonach das Bekanntwerden des Racheakts die »Schuldfrage oder das Strafmaß« der seinerzeit vor Gericht stehenden Hauptkriegsvebrecher hätte beeinflussen können. Außerdem hätte die Vergiftungsaktion eine Massenpanik auslösen und sogar die Gründung des Staates Israel behindern können. »Dieser Prozess sollte auf keinen Fall gestört werden«, weiß Der Bote. Dass die Amerikaner Geheimakten über den Anschlag, in denen von einer normalerweise tödlichen Dosis Arsen die Rede ist, bis vor kurzem zurückhielten, bringt die Autorin ins Grübeln. »Allerdings bleibt es auch bis heute ein Rätsel, warum der Geheimbericht von den Amerikanern so lange zurückgehalten wurde … «, schreibt sie.
»Das geht in die Richtung ›Die Juden waren auch nicht besser‹. Was soll da sonst dahinterstecken?« sagt der Historiker Siegfried Imholz im Gespräch mit der Jungle World. Er hat zur NS-Geschichte in der Region geforscht und bezeichnet die vermeintliche Enthüllung als Verschwörungstheorie. »2 000 Tote hätten für viel mehr Aufsehen gesorgt«, sagt er. Viel wahrscheinlicher sei es, dass die menschlichen Überreste auf dem Areal von ­sowjetischen Kriegsgefangenen stammen, die bis 1945 zu Hunderten aufgrund der Haftbedingungen starben oder ermordet wurden. Überlebende des »Nakam«-Anschlags bestätigten schon im Jahr 2000 den Nürnberger Nachrichten, dass 1946 keiner der ­Vergifteten ums Leben kam. Der »Rächer« Joseph Harmatz sprach 1999 von 300 bis 400 Todesopfern, was jedoch von Historikern bezweifelt wurde. Harmatz räumte ein, dass er für seine Behauptung keine Belege habe. Auch im bislang ausführlichsten Buch zu dem Thema, »Nakam. Jüdische Rache an den NS-Tätern«, konnten die Autoren Jim G. Tobias und Peter Zinke keine Belege für eine Vertuschungs­aktion finden.
Die Plattform Nordbayern.de, auf der der Artikel veröffentlicht wurde, hat auf Kritik an der Berichterstattung ­reagiert. »Der Artikel ›Gibt es Massengräber im Moorenbrunnfeld?‹ hat zu berechtigter Kritik von Fachleuten und Historikern geführt. Wir haben uns deshalb entschlossen, diesen Artikel aus unserem Online-Angebot zu entfernen«, heißt es dort.