Viele Ananas- und Bananenplantagen im westafrikanischen Ghana legen Wert auf Fair-Trade-Anbau

Ernten im Ananasgürtel

Im westafrikanischen Ghana werden Ananas und Bananen weniger intensiv produziert als in Mittelamerika. Viele Plantagen legen Wert auf Fair-Trade-Anbau und den Einsatz von weniger Pestiziden. Zudem respektieren sie die Rechte der Arbeiterinnen und Arbeiter. Eine Reise in die Anbauregion rund um Ghanas Hauptstadt Accra.

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Adwao Sakyi wiegt sich in den Hüften, klatscht in die Hände und stimmt die Gewerkschaftshymne an. Die ersten Arbeiterinnen und Arbeiter stimmen ein, weitere folgen und im Versammlungsraum der Gold Coast Fruits Plantage herrscht beste Laune. Es ist halb acht Uhr am Morgen, die Beschäftigten sind erst vor wenigen Minuten auf der Ananasplantage in der Nähe von Accra eingetroffen. Heute steht vor Arbeitsbeginn ein Gewerkschaftsworkshop auf dem Programm, anschließend geht es auf die Felder, um zu ernten. »169 Frauen und Männer arbeiten auf unserer rund 500 Hektar großen Farm«, erklärt George Dzibolosu. Er ist einer der Vorarbeiter der Plantage und zugleich Sprecher der Gewerkschaft der Landarbeiter Ghanas (Gawu). 2006 wurde Gold Coast Fruits mit deutschem, britischem und ghanaischem Kapital aufgebaut und gehört mittlerweile zu den großen Fruchtfarmen des westafrikanischen Landes.
Dzibolosu ist überzeugter Arbeitervertreter, das ist kaum zu übersehen, denn er trägt ein farbenfrohes Hemd mit dem Emblem des Gewerkschaftsdachverbands TUC. Einmal in der Woche findet das Weiterbildungsprogramm der Gewerkschaft statt, heute steht das Thema »sexuelle Belästigung« auf dem Plan. Als Workshopleiterin ist die Frauenbeauftragte der Gawu aus dem etwa 60 Kilometer entfernten Accra gekommen. »Jeden Vorfall müsst ihr melden«, bläut Adwao Sakyi den ungefähr 50 Frauen ein, die zur Belegschaft gehören. »Und wenn auf lokaler Ebene nicht reagiert wird, meldet es bei mir in Accra«, schiebt sie lachend hinterher und wirft George Dzibolosu einen strengen Blick zu.
Kooperation statt Konfrontation
Überaus aktiv sind die Gewerkschaften im Plantagensektor des Landes. Tee, Zucker und Kakao werden seit der Kolonialzeit angebaut, Palmöl, Bananen und Ananas erst seit Beginn der neunziger Jahre. Etwas mehr als 50 000 Beschäftigte des Agrarsektors sind in der Gawu organisiert, wie bei Gold Coast Fruits haben die Gewerkschaftsvertreter in aller Regel Zugang zu sämtlichen Plantagen. Workshops werden regelmäßig veranstaltet und oft genügt ein Anruf beim Management, um grünes Licht zu erhalten. »Wir befinden uns im stetigen Dialog mit der Gewerkschaft, verbessern die Bedingungen, wo wir können, und befolgen die Vor­gaben der Regierung«, sagt der Farmmanager Patrick Osei Serebour. Kooperation statt Konfrontation heißt die Devise. Nicht nur weil die Gewerkschaften seit der Unabhängigkeit in Ghanas Gesellschaft fest verankert sind – sie hatten sich früh für die Abnabelung von der britischen Kolonialmacht ausgesprochen –, sondern auch, weil die Kooperation in der Praxis funktioniert. Das ist an den Erträgen ablesbar und auch am Einsatz von Produktionsmitteln.
»Wir haben einige klimatische Vorteile«, sagt Serebour und weist den Weg zum Ananasfeld, das sich gleich gegenüber vom Versammlungshaus und dem Gebäudekomplex befindet, wo die Früchte verpackt werden. »In Ghana ist es heißer und wir haben nicht so viele Niederschläge wie in den tropischen Anbauregionen Mittelamerikas«, erklärt er. Das hat positive Folgen, denn weniger Luftfeuchtigkeit bedeutet auch weniger Pilzbefall und das ist ein handfester Vorteil der vergleichsweise etwas kleineren Früchte, die auf den Feldern von Gold Coast Fruit wachsen. 5 500 Tonnen wurden 2013 und 2014 geerntet. »2015 waren es etwas weniger, weil die Saat neu ausgebracht wurde«, sagt Serebour, der die Plantage gemeinsam mit seinem Kollegen Sampson Ameyan leitet. Der eine ist für die Abläufe auf den Feldern und in der Verpackung zuständig, der andere für die Verwaltung, die Kommunikation mit den Abnehmern und die Logistik. 45 Tonnen Ananas werden derzeit pro Hektar und Jahr produziert. »Das sind weniger als die 70 bis 80 Tonnen, die der Marktführer Costa Rica produziert, aber wir haben geringere Kosten«, erläutert der Manager. Neben niedrigeren Ausgaben für Pestizide sind die Löhne in Ghana niedriger und auch die Frachtpreise nach Europa sind günstiger. »Unser größter Vorteil ist aber, dass wir ein Fair-Trade-Label haben, das uns den Markt öffnet«, sagt Serebour und deutet auf einen entsprechenden Aufkleber auf einem der kleinen Traktoren, mit denen die Ernte vom Feld zur Verpackungshalle transportiert wird.
Bei Gold Coast Fruits erhalten die Beschäftigten etwas mehr als den Mindestlohn von 216 Neuen Ghanaischen Cedi (GHS) im Monat. Die meisten der einfachen Arbeiterinnen und Arbeiter bekommen 250 Cedi (56 Euro), die Vorarbeiter und das Management deutlich mehr. Auffällig ist die gute Stimmung bei der Feldarbeit, obwohl die Sonne und damit die Hitze steigt. »Die Arbeitsbedingungen sind gut, nur das Geld ist zu knapp«, lacht Ruce Glawy und gibt zwei Ananas an eine Kollegin weiter. In einer Reihe stehen die Frauen auf dem Feld, ernten die Früchte und reichen sie durch die Reihe bis zur letzten Kollegin weiter, die die Früchte in roten Plastikkörben stapelt, die wenig später vom Traktor eingesammelt werden. Wie am Schnürchen läuft das, alle Frauen tragen Jacken, um sich vor den scharfen Blättern der Stauden zu schützen, und Kopftücher und Mützen gegen die Sonne. Während die einen ernten, sind andere Arbeitstrupps damit beschäftigt, Ableger der großblättrigen Früchte in die vorbereiteten Felder zu pflanzen. Schwarze Plastikfolien auf den Pflanzrinnen sorgen dafür, dass kein Unkraut wachsen kann, und bilden Kanäle für die Wasserversorgung der Ananaspflanzen. Tausende der grünen, großblättrigen Pflanzen bedecken die Felder, die sich einen Hügel hinaufziehen, wo auf einer Lichtung ein Blechhäuschen und ein Unterstand zu sehen sind. Die Bereitstellung von Toiletten und Sonnenschutzdächern ist obligatorisch, damit sich die Feldarbeiterinnen und -arbeiter in den Pausen etwas abkühlen und ausruhen können. »Die Arbeit in der prallen Sonne nach der Mittagspause ist am härtesten«, sagt Susuvi Yaovi. Der sehnige 60jährige ist der Älteste in seiner Arbeitsgruppe und seit fünf Jahren bei Gold Coast Fruit angestellt. »Ich kann noch mit den Jüngeren mithalten«, sagt er lächelnd, »und die Gewerkschaft vertritt meine Interessen«.
Kleiner, aber fairer
Yaovi spart für das eigene Haus und das Alter und ist froh, dass er einen festen Job ergattert hat. Nur 20 Prozent der Bevölkerung Ghanas arbeiten im formellen Sektor, der Rest im informellen. Das ist eine Herausforderung für die Politik und die Gewerkschaften. »Informelle Arbeiter im Agrarsektor zu organisieren, ist ungleich schwerer«, sagt die Gewerkschafterin Sakyi. »Einmal sind sie da, dann wieder nicht – weil sie schlicht woanders arbeiten«, schildert sie das Hauptproblem für kontinuierliche Gewerkschaftsarbeit.
Im östlich der Hauptstadt gelegenen Ananasgürtel gibt es nur wenige Plan­tagen. Auch Bananenplantagen gibt es in Ghana nicht viel mehr als eine Handvoll, das Land ist alles andere als ein big player auf dem internationalen Fruchtmarkt. Aber anders als bei der Konkurrenz aus Lateinamerika oder Kamerun trägt das Gros der Produktion das Fair-Trade-Label. Bei Gold Coast Fruits betrifft das die gesamte Ernte, bei der Konkurrenz von Golden Exotics Limited sind es etwa 60 Prozent der Früchte, die als Fair-Trade-Produkte nach Europa exportiert werden. Europa ist neben dem regionalen Markt in Benin oder Nigeria der wichtigste Abnehmer von Ananas und Bananen aus Ghana. Die Früchte beider Sorten sind etwas kleiner als die der Konkurrenz aus Süd- und Mittelamerika, doch die Arbeitsbedingungen meist besser. So gab es nicht nur in Kolumbien Morde an Gewerkschaftern, auch in Costa Rica sollen schwarze Listen von organisierten Beschäftigten kursieren, berichten Gewerkschaften.
»Aufgrund der höheren Temperaturen haben wir einen kürzeren Wachstumszyklus«, erklärt Peter Ajoeh. Er stammt aus Kamerun und arbeitet auf der größten Plantage Ghanas, der Plantage Kasunya von Golden Exotics Limited. Sie ist 2 200 Hektar groß und der wichtigste Arbeitgeber im Distrikt Shai Osudoku, östlich von Ghanas Hauptstadt Accra. Ungefähr 2 500 Menschen arbeiten hier und Ajoeh koordiniert die Arbeitsabläufe auf der Plantage – vom Aufziehen der Setzlinge über die Produktion des eigenen Biodüngers bis zur Ernte. Auf der Plantage Kasunya werden vor allem Bananen angebaut. »Ananas bauen wir zwar auch an, aber mit 6 000 Tonnen steht sie deutlich im Schatten der Banane mit 60 000 Tonnen«, sagt Olivier Chassang. Der Franzose managt den Betrieb und setzt auf Geschmack und Transparenz. »Wir erweitern gerade unsere Anbaufläche für Biobananen von 32 auf 112 Hektar. Wir haben den deutschen Markt im Visier und sind in Gesprächen mit Edeka«, erzählt der Endfünfziger und wirft einen Blick hinüber zu den halbhohen Bananenstauden, die gerade erst eingepflanzt wurden. In Reihen stehen die etwa einen Meter hohen, großblättrigen Pflanzen, daneben verlaufen schwarze Schläuche, die die Stauden mit Wasser und Dünger versorgen. Einen Steinwurf entfernt hantieren mehrere junge Männer mit Macheten, um einen weiteren Anbaustreifen von Unterholz und Gräsern zu befreien.
»30 Prozent mehr Handarbeit fallen im Biosektor im Vergleich zum kon­ventionellen Anbau an«, so Ajoeh. 14 Wochen dauert der Reifeprozess von der Blüte bis zur erntereifen Staude, die von den Arbeitern in den Seilzug gehängt und zur nächsten Packstation transportiert wird, von wo aus sie auf den Weg zu den Endverbrauchern gebracht werden. Diese erhielten zwar eine etwas kleinere Frucht, aber mehr Aroma und die Gewissheit, dass die Früchte unter fairen Bedingungen gepflanzt, geerntet und verpackt wurden, wirbt Chassang für sein Produkt. Das ist in Lateiname­rika oft nicht der Fall und hinzu kommt, dass dort deutlich mehr Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden. »Wir benötigen in Ghana nur zehn bis 15 Prozent dessen, was in Costa Rica ausgebracht wird«, behauptet Chassang und zeigt eine Statistik, die das belegen soll.
Mitbestimmung und Perspektiven
Das alles spreche für den Anbau in Ghana, doch bisher sei die ghanaische Regierung auf die Vorteile der fairen Plantagenwirtschaft nicht so recht aufmerksam geworden, sagt Isaac Ato Arthur, der Regionalverantwortliche für Fair Trade für Westafrika. »In Accra hat man die Landwirtschaft, mit Ausnahme des traditionellen Kakaoanbaus, nicht so recht auf dem Schirm. Dort wird stärker auf den Bergbau geschielt, dabei sorgen Ananas und Bananen für deutlich mehr Arbeitsplätze«, so Ato Arthur, der mit der Gewerkschafterin Sakyi gerade die Plantagen besucht. Seit zwei Monaten ist er im Amt und will sich nun ein Bild der Zustände auf den Plantagen machen. Mit 2 500 festen Arbeitsplätzen ist Golden Exotics Limited (GEL) ein big player in Ghana, das Unternehmen will in den nächsten Jahren vor allem die Bioproduktion ausweiten. Reagiere der Markt positiv auf die Biobanane aus Ghana, so Geschäftsführer Chassong, werde die Bioanbaufläche in zwei Jahren auf knapp 500 Hektar erweitert. Potentielles Personal dafür ist vorhanden, denn der Distrikt Shai Osudoku gilt als strukturschwach.
»Hier einen festen Job zu ergattern, ist wie ein Sechser im Lotto«, sagt Klinfred Makotse und grinst zufrieden. Er hält seinen Arbeitgeber für einen der besten im Land, stöhnt aber über steigende Lebenshaltungskosten. »Mit meinem Lohn von 400 bis 500 Cedi im Monat verdiene ich das Doppelte des Mindestlohns, aber am Ende des Monats habe ich meist keinen Cedi mehr in der Tasche«, so der Vater zweier Kinder. Er trägt wie das Gros der Plantagenarbeiter ein graues Poloshirt mit dem Fair-Trade-Logo. Es wird wie Handschuhe, Gummistiefel und sonstige Arbeitskleidung vom Unternehmen gestellt. Nur für Sonderleistungen müssen die Arbeiterinnen und Arbei­ter zahlen. So zum Beispiel für das Mittagessen, das in der Kantine täglich gekocht wird und wofür sich die Beschäftigten gerade anstellen. Dafür wird ein Teil der Fair-Trade-Prämie in Höhe eines US-Dollars pro verkaufter Kiste Bananen aufgewandt, manchmal gibt es auch einen Lohnzuschlag aus der Prämie. Doch das kostspieligste Projekt war der Bau der Gesundheitsstation gegenüber von einem der Verpackungsgebäude. »Das war wichtig, denn in der gesamten Region ist das medizinische Angebot nicht ausreichend«, so Makotse. Er hat wie viele andere für den Bau gestimmt, denn das nächste Krankenhaus ist weit entfernt und auch seine beiden Kinder werden in der Gesundheitsstation umsonst versorgt. »Wir haben Anspruch auf unentgeltliche Gesundheitsversorgung und das ist ein wichtiger Vorteil des Jobs«, sagt er. Eine Kollegin, die im Verpackungssektor arbeitet, nickt zustimmend, während sie auf ihr Mittagessen wartet.
Die Arbeiterinnen und Arbeiter entscheiden, wofür die Fair-Trade-Prämie ausgegeben wird, bei der Ausführung hilft das Management. Das funktioniert nicht nur bei Golden Exotics, sondern auch bei Gold Coast Fruits und dem Pionier des Fair-Trade-Anbaus in Ghana, Volta River Estate Limited. Die Plantage der Gesellschaft mit 650 Mitarbeitern befindet sich nur ein paar Kilometer entfernt von der Golden Exotics Plantage und ist das nächste Ziel für Sakyi und Ato Arthur. Auch dort steht morgen ein Gewerkschaftsworkshop auf dem Programm und Ato Arthur will mit den Fair-Trade-Verantwortlichen über die aktuelle Situ­ation und die Perspektiven sprechen. Diese sehen angesichts der Erfolge von Golden Exotics Limited und Gold Coast Fruits nicht schlecht aus – nicht zuletzt dank fairer Strukturen.