Da steht ein Zebra auf dem Flur

Mit dem Film »Willkommen bei den Hartmanns« versucht Regisseur Simon Verhoeven eine deutsche Screwball-Komödie.

Von Knud Kohr
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1993: Der junge Quentin Tarantino steht am Set von »Pulp Fiction« und überlegt. Wie soll er dem Abend, an dem sich Uma Thurman und John Travolta um die Wette langweilen, eine unerwartete Wendung geben? Er lässt Travolta tanzen. Auf Socken. Es wird der Höhepunkt des Films.
20 Jahre später. Simon Verhoeven steht in München am Set von »Willkommen bei den Hartmanns«. Bis zu diesem Punkt kann sich der Film nicht recht entscheiden zwischen einer »Refugees welcome«-Saga und einer Verfilmung der »Wir schaffen das«-Rede von Angela Merkel.
In der Haut des Regisseurs möchte man nicht stecken. Jede Menge deutsche Filmstars der vergangenen Jahre hat er für seinen Film gewinnen können. Verhoevens Mutter Senta Berger spielt die weibliche Hauptrolle. Und dann kommt ihm eine Idee: Zum Cast gehören auch Heiner Lauterbach (er spielt Dr. Richard Hartmann) und Uwe Ochsenknecht (Dr. Sascha Heinrich). 1985 machten die beiden Schauspieler Doris Dörries »Männer« zu einem unerwarteten Erfolg. Der Film zog sechs Millionen Zuschauer ins Kino und gilt als Auftakt des Neuen Deutschen Kinos.
Verhoeven lässt Hartmann und Heinrich bei viel zu lauter Musik ein genretypisches Männergespräch über Frauen führen. Hartmann, der als Schönheitschirurg mit Botox-Spritzen und künstlichen Haaren gegen sein Alter kämpft, versteht kein Wort. Als es seinem angenehm skrupellosen Kollegen gelingt, Hartmann mit einer jungen Blondine ins Gespräch zu bringen, taucht plötzlich dessen Tochter (Palina Rojinski) auf. Der Teenager schlägt nach kurzem Streit mit Papas Discoflirt zu. Ein Catfight, den der Chirurg nur beenden kann, indem er die junge Blonde von der Szene zieht. Hartmann ist bis auf die Knochen blamiert. Es wird Zeit für einen screwball showdown, wie man ihn in deutschen Filmen nur selten zu sehen bekommt.
»Willkommen bei den Hartmanns« erzählt eine Geschichte, die von Beginn an unter extremem Modernisierungsdruck steht. Die Hartmanns wohnen nämlich in einem Haus – oder ist es eine Villa? – am Stadtrand von München. Als Familie im klassischen Sinn funktioniert sie schon lange nicht mehr. Der Vater ist Schönheitschirurg und verbringt seine Tage vor allem damit, ein schlechter Vorgesetzter zu sein. Insbesondere sein junger Kollege, gespielt von Elyas M’Barek, wird von ihm bei jeder Gelegenheit abgekanzelt. Im Lauf der Handlung wird der Zuschauer erfahren, dass sich der junge Arzt schon in die Tochter des Chefs verliebt hat, als er sie zum ersten Mal sah. Vor lauter Aufregung schoss er damals eine antike Vase von einer Kommode, weshalb er erstmal Hausverbot im Heim des Chefs bekam, natürlich auch, damit er sich die Tochter aus dem Kopf schlägt. Aber am Ende werden sich alle erinnern, und selbstverständlich hatte sich die Tochter auch damals schon in den werdenden Arzt verliebt.
So wird auch diese Geschichte ganz am Ende des Films eine Rolle spielen. Ähnlich wie bei Oscar Wildes großartiger Komödie »Ernst sein ist alles« wird auch bei den Hartmanns jede Anspielung am Ende gebraucht, um das rasante Tempo hoch zu halten.
Zu Beginn scheinen viele Figuren ihre eigene Erstarrtheit zu spüren. Also entscheidet sich die Mutter kurz nach ihrer Pensionierung dafür, den jungen nigerianischen Flüchtling Diallo Makabouri, gespielt von Eric ­Kabongo bei sich aufzunehmen. Dessen Hauptaufgabe besteht darin, freundlich und mit großen Augen eigentlich alles, was ihm in seiner neuen Heimat passiert, seltsam zu finden. Dass auch seine Geschichte mehr Aufmerksamkeit verdient hätte, wird erst kurz vor Ende klar. Immer wieder wird angekündigt, dass er ein Referat vor der Klasse des Sohns der Hartmanns halten soll – der ja immerhin eine Art Adoptivbruder für ihn geworden ist. Auch das ist eine der vielen Episoden, mit denen Regisseur Verhoeven letztlich nicht zu Rande kommt. Dass Diallos Geschwister von der Terrorgruppe Boko Haram entführt und ermordet wurden, wird ohne Einbettung in die sonstige ­Geschichte von Diallo vor einer mäßig interessierten Klasse referiert. Am Ende gibt es ungläubigen Applaus. Diallo wird von einer Lehrerin umarmt, die ebenfalls von der ganzen Geschichte überfordert scheint.
Überfordert scheint auch Regisseur Verhoeven von der Masse der Geschichten, die er zu bewältigen hat. Die beste Freundin der Mutter überfällt das Haus der Hartmanns mit einem Rudel bekiffter Freunde. Sogar ein Zebra haben sie dabei, damit der arme Junge aus Afrika sich ein bisschen heimisch fühlt. Das Zebra läuft zweimal durchs Bild, dann ist es plötzlich wieder weg, weil es eingefangen wurde, als die Kamera gerade woanders zu tun hatte. Verhoeven hat 1 000 gute Ideen, doch die Nebenhandlungen dümpeln ohne Auf­lösung vor sich hin. Dass sich ein Bekannter der Tochter in die junge Frau verliebt und sie beschützen will, kann man noch durchgehen lassen. Aber dass er im letzten Drittel des Films mit einer Protestgruppe grölend und randalierend vor dem Haus der Hartmanns steht, bis die Polizei eingreift, um dann gleich wieder abzurücken, interessiert anscheinend nicht einmal die Familie. Und dass das Haus der Hartmanns mit einer Drohne überwacht wird, weil man ja nicht wissen kann, ob Diallo vielleicht doch die Vorhut eines islamistischen Terrorangriffs ist, gibt erstens keine guten Bilder, macht zweitens die Beamten zu Idioten und versackt als Geschichte völlig.
Drei Szenen nach seinem Referat erfährt Diallo, dass ein Gericht seine drohende Ausweisung aufgehalten hat. Gut gelaunt geht er mit dem Untergebenen von Lauterbach joggen. Ein paar Meter hinter ihm läuft eine junge Frau, auf die er schon lange ein Auge geworfen hat. Diallos Dating-Plan war es, ihren Vater auf­zusuchen, um mit ihm über die Heirat seiner Tochter zu sprechen. »Zu kompliziert«, lautet das Urteil seines Joggingpartners, »geh’ einfach zu ihr und sag’ Servus«.
Also kommt es, wie es in der Logik dieser Geschichte kommen muss. ­Diallo läuft ein paar Meter neben seiner Laufpartnerin und sagt »Servus«. Eigentlich keine schlechte Schlusspointe. Vielleicht sieht man Diallo ja in Teil zwei wieder. Bei seiner Hochzeit in München?
Willkommen bei den Hartmanns (2016). Regie: Simon Verhoeven. Bereits angelaufen.