Der Angriff auf die mexikanische ehemalige Sportlerin Ana Gabriela Guevara und Frauenverachtung der mexikanischen Gesellschaft

An die Falsche geraten

Mit Ana Gabriela Guevara wurde in Mexiko ein ehemaliger Sportstar zum Opfer männlicher Aggressionen. Nun wird das Thema Gewalt gegen Frauen immerhin diskutiert.

Das Gesicht durch Fußtritte geschwollen, ein Auge blutunterlaufen – Ana Gabriela Guevara ist zu einem Symbol für die alltägliche Gewalt gegen Frauen in Mexiko geworden. Denn mit ihr wurde eine der erfolgreichsten Sportlerinnen Mexikos zum Opfer.
Mitte Dezember rammte im Stau auf der Autobahn Toluca-Mexiko-Stadt ein Geländewagen ihr Motorrad. Als sie die Haftung für die Schäden an ihrer Harley Davidson reklamieren wollte, wurde sie von den anderen Unfallbeteiligten, einem früheren Polizisten und drei weiteren Männern, zunächst beschimpft und schließlich brutal zusammen­geschlagen. »Ich fiel hin und die vier begannen, mich mit Tritten zu traktieren«, schilderte sie später. Sie habe sich am Boden zusammengerollt und versucht, mit dem Motorradhelm ihr Gesicht zu schützen. Die Gewalttätigkeiten dauerten keine Minute. Die Täter entkamen zunächst; auch weil die Polizei wegen des Staus nicht zum Tatort durchkam.
Die 39jährige Guevara wurde schwer verletzt, eine dreifache Fraktur des Wangenknochens war die ­Folge der Tritte. Eine Gesichts-Operation war notwendig, bei der ihr eine Stahlplatte eingesetzt wurde.
»Ich möchte, dass die Leute mich sehen«, betonte Guevara, als sie in einer Pressekonferenz ihren Fall und die davongetragenen Verletzungen öffentlich machte. »Diese Narbe, die in meinem Gesicht zurückbleiben wird, die Schrauben, die eingesetzt wurden, werden für den Rest meines Lebens die bleibende Erinnerung sein, aus der heraus ich alles in meiner Macht Stehende tun werde, um die Gewalt gegen Frauen zu bekämpfen.«
Ana Guevara ist eine der erfolgreichsten Athletinnen in der Geschichte Mexikos; 2003 in Paris wurde sie Weltmeisterin im 400-Meter-Lauf, bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen gewann sie über dieselbe Strecke die Silbermedaille. Im Jahr 2008 beendete sie nach Streitigkeiten mit dem Verband ihre Karriere und ging in die Politik. Als ­Abgeordnete der linken Arbeitspartei (Partido de Trabajo, PT) zog sie für den Bundesstaat Sonora in den Senat ein. Dort sitzt sie unter anderem der Kommission für Migrationsangelegenheiten vor.
Während des Angriffs habe sie nie kundgetan, dass sie Senatorin sei. »Es ist sehr unwahrscheinlich, dass sie (die Angreifer, Anm. d. Red.) mich erkannt haben, denn ich hatte eine Brille und den Helm auf.« Sie sei angegriffen worden, einzig weil sie eine Frau sei, so Guevara. Entsprechend sei die Attacke ein Beweis für die weitverbreitete Gewalt gegen Frauen in Mexiko.
Die Staatsanwaltschaft nahm die Ermittlungen auf. Nach mexikanischem Recht aber gelten die von Guevara davongetragenen Verletzungen nicht als schwerwiegend, was eine Verhaftung unwahrscheinlich macht. Immerhin konnte die Identität des Haupttäters mittlerweile festgestellt werden. Sein Name: Fabián España Moya, ein früherer Polizist des Bundesstaats Estado de México. Im Juli hatte er seine Kündigung eingereicht.
Unter Politikerkollegen und bei Frauenverbänden sorgte der Angriff auf Guevara für Empörung. Präsident Enrique Peña Nieto bot Unterstützung an, Innenminister Miguel Ángel Osorio Chong verurteilte den Angriff scharf. Dies sei ein »feiger Akt«, der sichtbar mache, was Tag für Tag vielen Mexikanerinnen jeden Alters widerfahre – von Belästigungen bis hin zu Frauenmorden. Plötzlich entdeckten die Politiker in Mexiko das Thema Gendergewalt, wie der mexikanische Journalist Javier Garza Ramos in seiner Kolumne in der spanischen Tageszeitung El País süffisant feststellte.
Zugleich aber gab es eine Welle von Beschimpfungen und frauenfeind­lichen Kommentaren in den sozialen Netzwerken. Auf Twitter feierten Dutzende User in ihren Postings die Tat. »Das passiert auch uns Männern und wir heulen deshalb nicht herum; ihr wollt doch Gleichberechtigung, oder?!« hieß es in einem Tweet. Auf Facebook derselbe Ton: »Sie (Ana Guevara, Anm. d. Red.) wurde nicht verprügelt, weil sie eine Frau ist, sondern Politikerin und Hackfresse«, oder: »Sie ist eben sehr häßlich und sie haben sie mit einem Mann verwechselt«. Niederträchtige und taktlose Kommentare beschränkten sich aber nicht aufs Internet. Bei Radio Centro sagte der Moderator Jesús Martín Mendoza, Guevara »muss etwas gemacht haben, ohne Grund wird niemand so angegriffen«.
Machismo und Frauenfeindlichkeit – das zeigen die Reaktionen – sind in Mexiko weit verbreitet, werden aber selten thematisiert und noch seltener verfolgt.
»Ich frage mich, was machen wir falsch?« zeigte sich Lucía Melgar ­Palacios, Verantwortliche für Genderstudien an Mexikos größter Univer­sität, der Universidad Nacional Autónoma de México (Unam), ratlos. »Es gibt Gesetze, Regierungsprogramme, akademische und zivilgesellschaft­liche Programme, um Gewalt gegen Frauen zu bekämpfen, aber eine tiefsitzende Frauenfeindlichkeit in der Gesellschaft bleibt.«
Mehr als 1 200 Aggressionen gegen Frauen verzeichnen NGOs Tag für Tag in Mexiko – beinahe eine pro Minute. Nach Angaben der Vereinten Nationen werden in Mexiko im Schnitt täglich sechs Frauen aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit ermordet; Ermittlungen gibt es selten, Straflosigkeit ist die Regel.
Durch die Eskalation des Drogenkriegs in den vergangenen zehn Jahren hat sich die Gewalt in Mexiko ausgebreitet und gehört in weiten Teilen des Landes zum Alltag. Seit der damalige mexikanische Präsident Felipe Calderón kurz nach seinem Amtsantritt im Dezember 2006 den Drogenkartellen den Krieg erklärte, sind Schätzungen zufolge mehr als 100 000 Menschen ermordet worden; mindestens 22 000 gelten als verschwunden. Bei solchen Zahlen schockieren selbst sechs tote Frauen pro Tag nicht mehr.
So sieht es auch Melgar: »Mit dem Drogenkrieg gab es eine sehr tiefgehende Normalisierung extremer Gewalt.« Und wenn Frauen sich beschwerten, dass es ihnen schlecht ergeht, gebe es nicht wenige, die meinten, sie hätten es nicht anders verdient. »Es gibt weiterhin eine große Verachtung gegenüber Frauen und es scheint, als ob die Gewalt eine Form der Frustbewältigung ist, um die sozialen Spannungen an ihnen abzureagieren.«
Ana Guevara sei angegriffen worden, weil sie eine Frau ist und es »gewagt« habe, auf einem Motorrad ­unterwegs zu sein, schreibt der mexikanische Sozialwissenschaftler ­Armando Román Zozaya in seiner Kolumne in der Tageszeitung Excel­sior. »Der Machismo und die Frauenfeindlichkeit sind wesentliche Elemente unseres sozialen Gewebes: Frauen werden schlecht behandelt, einzig aus dem Grund, weil sie Frauen sind, im familiären Kreis, auf dem Arbeitsmarkt, in der politischen Arena und so weiter.« Als ob es nicht schon schlimm genug wäre, dass Ana Guevara schwer verletzt wurde, müsse sie sich danach in den sozialen Netzwerken auch noch jede Art von Beleidigungen und Spott anhören, so Zozaya. Und so kommt er zu dem Schluss: »Was Guevara zustieß und alles, was rund um diesen schmerz­lichen Fall herum geschah ist, ist, trauriger- und bedauerlicherweise, ein Abbild dessen, was Mexiko ausmacht.«

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