Die popkulturelle Strategie der Identitären

Rechtsextremismus der Zukunft

Adieu Glatze, Springerstiefel und Oi-Musik: Die Identitären verbreiten ihre Botschaften in popkulturell zeit­gemäßer Form.

Anhänger von Pegida huldigen ihnen als Vordenkern, ihre Medien werden im Vorstand der AfD gelesen, in Österreich unterhalten sie enge Verbindungen zur FPÖ, in Frankreich zum Front National; wo Überfremdungsängste grassieren und Flüchtlinge und Multikulturalismus für alles Übel in der Welt verantwortlich gemacht werden, inszenieren sie sich selbst als Lösung der unterstellten Identitätskrise: Die »Identitären« sind eine europäische Jugendbewegung, in der einem der Rechts­extremismus der Zukunft begegnet. Sie sind smart, internetaffin, benutzen die Jugendsprache und knüpfen an die Populärkultur an.
In Deutschland gibt es vielleicht 500 identitäre Aktivisten. Doch ihre spektakulären Straßenaktionen wie die Besetzung des Brandenburger Tors am 27. August vergangenen Jahres, mit denen diese rechten Situationisten in einer »Gesellschaft des Spektakels« (Guy Debord) auf sich aufmerksam machen wollen, wirken viral auf ihre zahlreichen Anhänger im Netz. Lambda-Fahnen schwenkend erschienen die identitären Vorturner über den Dächern der Bundeshauptstadt wie in einen Rauschzustand versetzt, als wäre der Zeitgeist auf ihrer Seite.
Martin Sellner, der Leiter der Wiener Identitären, wurde von dem ­neurechten Verleger Götz Kubitschek tatsächlich als ein »rechter Rudi Dutschke« beschrieben. Sicher ist Sellner einer der wichtigsten Netzwerker der Bewegung im deutschsprachigen Raum. In seinen »Nadelstichaktionen« und unzähligen Videoblogs hat er sich und seinen Followern eine eigene Gegenöffentlichkeit, ein eigenes Bild der Wirklichkeit geschaffen. Dem obersten Verfassungsschützer teilte er in spätadolszent-trotzigem Tonfall mit: »Lieber Hans-Georg Maaßen, ich hoffe, Sie sehen das jetzt. Ich nehme es doch stark an, weil sie beobachten jetzt doch die Identitäre Bewegung. Und ich schick’ ihnen diese kleine Grußbotschaft aus Wien, um ihnen zu sagen: Es ist mir völlig egal.«
Die Suche der Verfassungsschützer nach extremistischen Inhalten in den unzähligen Videos, die die Identitären permanent produzieren, ist tatsächlich viel schwieriger geworden. Denn die Identitären sehen nicht aus wie die alten Rechtsextremen, sie hören nicht dieselbe Musik, sie verwenden auch nicht dieselben Bilder. Sie verbreiten ihre Botschaften im Gewand von Filmen, Serien und Comics, mit denen auch die anderen ihrer Generation aufgewachsen sind. Mit diesem unverkrampften Umgang mit der amerikanischen Popkultur, dem geschickten Rückgriff auf Homer Simpson oder Han Solo, wirken sie ungleich sympathischer – und genießen damit einen deutlichen strategischen Vorteil gegenüber dem klassischen Neonazi-Milieu.
Martin Sellner hat eine ganze Artikelserie über identitäre Tendenzen in der Popkultur geschrieben; er räsoniert über die besten Strategien im »Krieg um die Köpfe«, um anderen die eigene Weltanschauung zu »injizieren«. Einen Text der Serie widmet er den Na’vi, den blauhäutigen Eingeborenen aus dem US-amerikanischen Science-Fiction-Film »Avatar«, dessen Poster die Identitären mit dem Zusatz »100 % identitär, 0 % rassistisch« plakatieren. Sellner liest aus der Story der blauen Katzenmenschen eine identitäre Botschaft reinsten Wassers heraus: »In diesem Film geht es klar um den Kampf ­einer ethnokulturellen Gemeinschaft für den Erhalt ihres Heimatbodens, ihrer Sitten und Tradition, gegen eine fremde Masseneinwanderung, samt der Überfremdung und Bedrohung, die sie für die Einheimischen darstellen. Sie ist ein Angriff auf die ethnokulturelle Identität der Na’vi.«
Ausgerechnet den Selbstverteidigungskampf dieser extraterrestrischen Indigenen gegen den aggressiven weißen Mann versucht Sellner in eine identitäre Botschaft umzudeuten. Die Identitären verstehen sich als »Ethnopluralisten«, sogar den Begriff der »Vielfalt« reklamieren sie für sich. Fast könnte man Sellners Plädoyers zum Schutz der Kulturen für linke Globalisierungskritik halten; und doch geht es den Identitären letztlich darum, die Mischung von Klingonen und Vulkaniern, oder eben: Menschenrassen zu verhindern. Wie passt es dann aber in Sellners popkulturellen Kosmos, dass Jake Sully, der menschliche Held von »Avatar«, sich in die außerirdische Häuptlingstochter Neytiri verliebt? Konfrontiert man Sellner am Rande einer Pegida-Demonstration mit der Frage, ob es nicht eine kühne Lesart sei, sich als Neurechter mit Indigenen zu identifizieren – denen der weiße Mann zunächst und zumeist als ­Aggressor begegnete –, dann antwortet er, um eine Antwort nie verlegen: »Wir nehmen den Linken weg, was ihnen nie gehört hat.«
Identitäre möchten eine Avantgarde sein, sehen sich als Vorboten der ­Zukunft. Doch es fällt ihnen schwer, Utopien inmitten einer globalisierten Welt zu entwerfen. Stärker ist die suggestive Kraft ihrer düsteren ­Dystopien. Spezialist hierfür ist der identitäre Publizist Martin Lichtmesz, mit bürgerlichem Namen: Martin Semlitsch, 1976 in Wien geboren, wie Sellner eine der Schlüsselfiguren der identitären Theoriebildung im deutschsprachigen Raum. Er lebt in Berlin-Kreuzberg und in Wien. Versucht man den bekennenden Apo­kalyptiker mit der Aura des Salonrechten im Café Rüdigerhof in Wien mit der Aussage zu reizen, die Welt sei entgegen unzähligen Prophezeiungen doch bislang noch nicht untergegangen, antwortet er: »Doch, sie ist schon mehrfach untergegangen. Vielleicht ist sie auch untergegangen schon auf eine Weise, die uns gar nicht auffällt. Das kommt vielleicht gar nicht mit großem Dschingbumm und apokalyptischen Reitern, sondern so ein Weltuntergang kann sich vielleicht ganz langsam und schleichend vollziehen. So ein süßes euphemistisches Einschläfern, wie von ­einer Droge, ja?«
Lichtmesz ist Cineast und Spezialist für Subkulturen aller Art. So inter­essiert ihn auch die Zukunft, wie sie Science-Fiction-Filme entwerfen. Zum Beispiel der US-amerikanische Film »Invasion of the Body Snatchers« von Philip Kaufman aus dem Jahre 1978, mit dem Lichtmesz auch auf die Geschichte der Lichtspielhäuser reflektiert: »Da gibt es diesen Film ›Die Körperfresser kommen‹, kennst du den? Mit dem Donald Sutherland. Das ist so, da werden die Menschen von irgendwelchen Außerirdischen langsam durch Duplikate ersetzt, es ist immer so, wenn sie einschlafen, da erzeugen sie so Schoten und da wachsen dann Doppelgänger ran. Irgendwann werden immer mehr Menschen ersetzt durch diese Aliens. Und dann gibt es eine Szene, da ist Donald Sutherland einer der letzten Menschen, umzingelt von Aliens. Und da ist ein Arzt, der Spock, der Leonard Nimoy, der hat eine Spritze, und er will ihn in ein Koma legen, damit von ihm so ein Duplikat erstellt wird, und sagt: ›Sie werden bald merken, dass das die viel bessere Option ist.‹ Das wäre auch so eine Art Austausch.«
Gegen einen solchen Austausch wehren sich, nach identitärer Ansicht, auch die Spartaner, die der Hollywood-Blockbuster »300« als muskelbepackte Phalanx inszeniert, die mit ihren scharfen Schwertern rauschhaft hineinfährt in die feindlichen Reihen der Perser.
Für Lichtmesz sind statt der Perser die Flüchtlinge jene Wesen, die aus allen Ecken und Enden dieser Welt auf uns zukommen und mit denen ­unser Unbewusstes in unser Bewusstsein einbricht – wie es auch Zombie­filme thematisieren: »Das ist ja sehr auffällig, die Popularität von Zombiefilmen. Das interessiert mich sehr, dieses Szenario: Die Zivilisation bricht zusammen, dann hat man so eine kleine Bande, die gegen eine Übermacht kämpft – macht ja auch Spaß, dieser catastrophy porn.«
Wenn man die Wirklichkeit wie in einem Zombiefilm sieht, bedeutet das auch, man muss das Haus immer abdichten gegen Dinge, die von außen eindringen. Wenn die Flüchtlinge aus unserem Unbewussten auftauchen, wenn sie gewissermaßen die Verkörperung unseres eigenen schlechten Gewissens sind, dann muss man sie verdrängen. Dann geht es um einen Abwehrkampf auf Leben und Tod, und dann sind – wie in George A. Romeros klassischen Zombiefilmen – alle Mittel erlaubt. Wenn die Identitären im Zusammenhang mit der Flüchtlingsthematik solche albtraumhaften Szenarien beschwören, dann werden sie selbst zu Pornographen der Katastrophe.

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