Die Insolvenz von American Apparel bringt Beschäftigte in existentielle Nöte

Die Insolvenz hat keinen Chic

American Apparel hat auch in Deutschland Konkurs angemeldet. Der Kleidungskonzern pflegte lange ein arbeitnehmerfreundliches Image, doch das Insolvenzverfahren bringt etliche Mitarbeiter in existentielle Schwierigkeiten. Sie wollen in Berlin protestieren.

»Viele meiner Kolleginnen und Kollegen haben Angst«, sagt der 24jährige Marc*. Der Angestellte arbeitet in einem der beiden Berliner Ladengeschäfte der US-amerikanischen Modefirma American Apparel. Der Konzern hat im Herbst weltweit Insolvenz angemeldet, das Verfahren in Deutschland begann offiziell am 8. November. »Wir mussten von der ungewissen Zukunft unserer Jobs aus der Presse erfahren«, berichtet Marc über die ersten Wochen, nachdem Insolvenz beantragt worden war. Die Belegschaft sei wegen der »katastrophalen Informationspolitik« in Aufruhr gewesen und habe befürchtet, finanziell als Verliererin aus dem bevorstehenden Verfahren hervorzugehen. Die Beschäftigten in verschiedenen europäischen Ländern würden sich mittlerweile gegen eine »unfaire Behandlung« organisieren, so Marc, und kritisierten, von dem Unternehmen in existentielle Probleme gebracht zu werden.

Die Angestellten und der Betriebsrat von American Apparel stellen die Situation völlig anders dar als der Insolvenzverwalter.

Medienberichten zufolge erwirtschaftete das Modelabel seit 2009 keinen Gewinn mehr. 1989 war es in Kanada gegründet worden und 1997 nach Los Angeles umgezogen. Seitdem hatte es sich nicht nur als urbaner Kleidungshersteller mit provokanten Werbekampagnen etabliert, sondern auch explizit mit der guten Bezahlung seiner Angestellten und modernen Arbeitsverhältnissen geworben. Darüber hinaus hatte der Konzern betont, ausschließlich in Los Angeles zu produzieren, um ein Zeichen gegen die Ausbeutung in asiatischen Textilfabriken zu setzen. Das Konzept ging zunächst auf. Zeitweilig verkaufte American Apparel Modeartikel in über 250 Geschäften in 19 Staaten weltweit. Nach verschiedenen Skandalen und sinkenden Einnahmen meldete das Unternehmen 2015 erstmals in den USA Insolvenz an, die nach gescheiterten Rettungsversuchen Ende 2016 unabwendbar wurde.
Von den sieben deutschen Geschäften sind mittlerweile nur noch zwei in Berlin übrig. Die restlichen, die vor allem in größeren Städten wie Köln oder Hamburg angesiedelt waren, hat der Insolvenzverwalter, die Düsseldorfer Kanzlei von der Fecht, geschlossen.

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Das Vorgehen des Insolvenzverwalters hat Gina Baer aus Berlin »enttäuscht« und »geschockt«. Die Betriebsrätin bei American Apparel berichtet von den ersten Schritten im Insolvenzverfahren, in denen der Sozialplan und Interessensausgleich zwischen dem Unternehmen und den Angestellten ausgehandelt wurde. Der Insolvenzverwalter habe keine klaren Auskünfte über künftige Schritte gegeben, sagt Baer im Gespräch mit der Jungle World. Die Mitteilungen über die Geschäftsschließungen in Frankfurt und Stuttgart im Februar seien kurzfristig und lückenhaft gewesen. Darüber hinaus kritisiert sie vor allem die überstürzten Kündigungen scharf. Zwar sei die vorgeschriebene Frist eingehalten worden, jedoch seien Personen während dieser Frist ohne Lohnfortzahlungen freigestellt worden. »Für uns als Betriebsrat sind nicht die Arbeitsplätze, sondern die Menschen in den Positionen wichtig«, betont Baer und verweist auch auf nicht oder unvollständig ausgezahlte Abfindungen. Die Lage sei insbesondere für die vielen studentischen Angestellten gefährlich, die explizit vom Arbeitslosengeld I ausgeschlossen sind und damit angesichts der hohen Mieten in Großstädten vor existentiellen Problemen stehen. »Wir bewerten das Verhalten als moralisch verwerflich, denn es geht nicht mehr um die einzelnen Mitarbeiter«, fasst die Betriebsrätin zusammen, auch wenn die Maßnahmen aus rechtlicher Sicht nicht zu beantstanden seien. American Apparel, mit seinem Image als fairer Arbeitgeber, drücke sich vor der Verantwortung, so Baer.

»Eine alleinerziehende Kollegin weiß nicht, ob sie nach der Kündigung durch den Monat kommt«, sagt Marc der Jungle World. Viele Kollegen fühlten sich von American Apparel hintergangen, da gerade sie, die »so lange hinter dem Konzern standen« und nicht gekündigt, sondern weitergearbeitet hätten, nun in prekäre Lebensverhältnisse entlassen würden.

Die Vorwürfe der Beschäftigten und des Betriebsrats weist die Kanzlei von der Fecht von sich. Der Rechtsanwalt Wolf-Rüdiger von der Fecht teilte der Jungle World mit, da Insolvenzverfahren nicht öffentlich seien, sehe er sich »rechtlich deutlich eingeschränkt«, »qualifiziert in der notwendigen Tiefe eine diametral entgegenstehende Sichtweise zu vermitteln«. Darüber hinaus seien diese Verfahren im »filialisierten Texileinzelhandel sehr anspruchsvoll«, da »der Markt sehr kompetitiv« sei und »die Textilbranche sehr unter Druck« stehe, wodurch »rasch wirksame Maßnahmen« zur Rettung des Unternehmens vonnöten seien. Von der Fecht weist zudem darauf hin, dass seine Kanzlei keine fristlosen Kündigungen ausgesprochen habe und die Abfindungen pünktlich bezahlt worden seien, was in Insolvenzverfahren nicht die Regel sei. Investorengespräche würden zudem »positiv verlaufen«. Die Angestellten und der Betriebsrat stellen die Situation allerdings völlig anders dar.
Bereits im November hatten europaweit Angestellte gegen einen von American Apparel verhängten Lieferstopp protestiert. Der Konzern hatte keine Ware mehr in die Filialen geschickt. Um gegen dieses »Ausbluten« zu demonstrieren, stellten sich Beschäftigte in Unterwäsche in die Schaufenster der Berliner Filiale und malten sich Blut auf ihre Körper. Angesichts der derzeitigen Lage sehen die Beschäftigten die Zeit für Protest gekommen. Am 8. April wollen sie mit ehemaligen Kolleginnen und Kollegen in Berlin demonstrieren. Unter dem Slogan »American Apparel. Unfair treat« fordern sie eine faire Abwicklung des Insolvenzverfahrens, eine Belieferung der verbliebenen Filialen, rechtzeitige Mitteilungen über zukünftige Schritte im Verfahren und eine sofortige Auszahlung der Abfindungen. Die »soziale Verantwortung des Arbeitgebers« solle eingefordert werden, so Baer.

Die Organisatorinnen und Organisatoren der Demonstration erwarten etwa 200 Protestierende in Berlin, darunter Angestellte aus ganz Europa. American Apparel war zu keiner Stellungnahme bereit. Die Firma ist bekannt dafür, nicht auf Presseanfragen einzugehen. Auch dieses Mal blieben mehrere Anfragen unbeantwortet, später verwies das Unternehmen einfach auf den Betriebsrat. Wenn es um das Ignorieren kritischer Nachfragen geht, bleibt sich American Apparel offenbar bis zuletzt treu.
* Name von der Redaktion geändert.