Die Ratlosigkeit der Popwelt angesichts des Anschlags in Manchester

Pop und Terror

Auf den Terroranschlag in Manchester reagiert die Popwelt ratlos.

Kommentar Von Annette Walter
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Nach einem Anschlag wie in Manchester stellt sich die Frage, wie die Popwelt auf ein solches Attentat reagiert, das gezielt gegen sie gerichtet ist. Anschlagsort war eine Konzerthalle, der Täter wollte möglichst viele Besucher treffen. Der Auftritt von Teenie-Star Ariana Grande in der Manchester Arena war, wie bereits im November 2015 die Pariser Konzerthalle Bataclan, ein symbolisches Ziel. Der Attentäter, der 22jährige Salman ­Ramadan Abedi, griff ein sogenanntes Soft Target an, das für die ihm verhasste freie und hedonistische Kultur des Westens steht – er tötete 22 Menschen und verletzte 116; unter den Opfern waren viele sehr jung.

Kurz nach dem Anschlag meldeten sich etliche Musiker, die aus Manchester stammen, zu Wort. Der ehemalige Gitarrist der Smiths, Johnny Marr, twitterte etwa: »Manchester steht zusammen.« Die Synthiepopband New Order ließ wissen: »Un­sere Herzen sind bei den Opfern und ihren Familien.« Auch der notorisch großmäulige Liam Gallagher hielt inne, sendete den betroffenen Familien »Liebe und Licht« und bekundete, unter Schock zu stehen, womit er 15 000 Retweets erzielte.

Aus diesen Zeilen sprach Mitgefühl für die Familien der Opfern, gleichzeitig aber auch Hilflosigkeit. Es sind bekannte Appelle, wie man sie nach jedem Anschlag hört. Natürlich sind diese emotionalen Reaktionen nachvollziehbar. Eine politische Ausein­andersetzung mit dem Geschehen scheut die Musikwelt trotzdem immer noch. Kaum ein Musiker wollte sich nach dem ­Attentat zu weit aus dem Fenster lehnen oder gar eine kontroverse Diskussion entfachen. Auch in den Redaktionen der ­Popmedien fühlt man sich für eine differenzierte Debatte weitestgehend nicht zuständig, was umso absurder ist, galt der ­Anschlag doch auch dem Objekt ihrer Berichterstattung.

Anders dagegen Morrissey: Gewohnt zornig, aber wenig konstruktiv, äußerte sich der Künstler, ebenfalls ein »Mancunian«, auf seiner Facebook-Seite. In einem Rundumschlag kritisierte er Großbritanniens Premierministerin Theresa May, die in einer »schusssicheren Blase« lebe, den Londoner Bürgermeister Sadiq Khan, der den »Islamischen Staat« nicht verdamme, und die Queen: »Die Politiker erzählen uns, sie hätten ­keine Angst, aber sie sind nie die Opfer. Wie leicht kann man furchtlos sein, wenn man aus der Schusslinie ist. Das Volk hat diesen Schutz nicht.« Weil die etwas diffuse Polemik seines Postings offenbar auf den Islam und die Einwanderungspolitik zielte, provozierte er Protest. Ein Kommentator wies auf die ermordete Jo Cox hin, um darauf aufmerksam zu machen, dass auch Politiker Opfer sind.

»Sie hassen alles, was wir lieben«, schwadronierte dagegen gewohnt sendungsbewusst U2-Hobbymissionar Bono Vox in der Late-Night-Show des US-Moderators Jimmy Kimmel. Bono setzt also auf das schlichte »Wir gegen die«. Auf der einen Seite der paranoide Attentäter, auf der anderen Seite die Guten, die nichts als Liebe verbreiten. Ein ebenso übersichtliches wie po­puläres Erklärungsmodell. Nur hat die vermeintliche Isolation, aus der heraus frühere und künftige Täter ihr Selbstverständnis ziehen mögen, wenig mit der Realität zu tun.

Abedi hat ein brutales und verachtungswürdiges Verbrechen begangen, aber er war ein in Großbritannien geborener und sozialisierter junger Mann, der von der Propaganda des IS radikalisiert wurde.

Was hat Abedi, der zur zweiten Generation muslimischer Einwanderer aus Libyen gehörte, dazu getrieben, sich der Terrormiliz anzuschließen und Menschen in den Tod zu reißen? Hilfreich wäre es, wenn sich möglichst viele, ob Musiker, Politiker oder Bürger, an einer Diskussion beteiligen würden, die sich mit der Prävention von Islamismus befasst. Beileidsbekundungen sind nicht zielführend.