20 JAHRE Gender Trouble: Queer im Wandel der ­Zeit

Queerer denken und neu starten

Die Queer-Bewegung ist in Deutschland etwa so alt wie die »Jungle World«. Was als antiidentitäres Projekt begann, dient inzwischen allzu oft als Vehikel für antiemanzipatorische Positionen.

»Queerness« kam erst Ende der neunziger Jahre in der deutschen Linken so richtig an. Gegenüber der bisherigen Schwulen- und Lesbenbewegung galt »queer« vielen als sympathische, antiidentitäre Alternative zu einer unbeweglichen homosexuellen Identität. In den Jungle World-Diskussionen dieser Zeit zeichneten sich Konflikte ab, die bis heute fortbestehen. Schon vor knapp 20 Jahren ermöglichte »queer« breite politische Bündnisse. Zugleich wurde der Queer-Bewegung ein Hang zu postmoderner Beliebigkeit nachgesagt. Die einen fragten, wo die Kapitalismuskritik bleibe, die anderen entgegneten, dass die in Ansätzen ja schon vorhanden sei. Daran hat sich bis heute wenig geändert.

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Inzwischen wird der Begriff »queer« in ganz unterschiedlicher, teils widersprüchlicher Weise gebraucht. Er kann einerseits für eine offensive Sexualpolitik stehen, die sich der Eingemeindung in identitäre Kollektive verweigert. Andererseits ist »queer«, zumeist in aktivistischen linken Kreisen, eine Haltung geworden, die das Sexuelle zu verbannen sucht: Asexualität, Nichtrauchen, Konfliktlosigkeit, das Streben nach möglichst wenig Reibung und Irritation werden als Subversion deklariert. So verkehrt sich die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs im Sinne von »dreckig« und »pervers« in ihr Gegenteil. Darüber hinaus wird mit »queer« die Ablehnung einer eindeutig homosexuellen Identität von Schwulen und Lesben verbunden. Der Begriff dient auch als Stichwort für die unvermittelte Politisierung von Gefühlen. Damit soll auch den Bedürfnissen von Marginalisierten und »Betroffenen« entsprochen werden. Die ­haben mit queerem Aktivismus allerdings nur selten etwas zu tun.
Queer ist keine radikal antiidentitäre Antwort auf die alte Schwulen- und Lesbenbewegung. Vielmehr hat sich die Bewegung über die Jahrzehnte radikal verändert. Die heutige Situation ist nicht vergleichbar mit 1971, als sich Schwule und Lesben in der Bundesrepublik das erste Mal öffentlich Gehör verschafften. Auch nicht mit der Zeit des teils spektakulären Aids-Aktivismus ab Ende der achtziger Jahre. Möchte man heute von einer Bewegung sprechen, gehören dazu alle Vereine und Gruppen, Feste und Paraden, Publikationen und Magazine, die unter »LGBT«, »queer«, »lesbischwul«, »trans*« oder »transsexuell« firmieren und die sich der Gesellschaftskritik und der Aufklärung verschrieben haben.

Das mag sich nach Beliebigkeit anhören, doch es ist ein Verdienst dieser Bewegung, dass sie weiterhin versucht, homosexuelle und queere Emanzipation in allen Bereichen der Gesellschaft zu erreichen. Die im historischen Vergleich größeren Freiheiten für die sexuell anderen wären ohne die Kämpfe der Bewegung jedenfalls undenkbar.

Gerade viele Linke begrüßten »queer« in den neunziger Jahren als Abkehr von der homosexuellen Identität. Das legt den Verdacht nahe, dass es sich hierbei zuweilen um linkes Unbehagen an Homosexualität handelte. Für viele, vor allem junge Homosexuelle, war und ist das Kennenlernen von »queer« lebensgeschichtlich mit dem Gefühl einer Befreiung von identitären Zwängen verbunden. Den Eintritt in eine queere Politgruppe erleben einige als Erweiterung ihres Horizonts. Regelmäßig aber stellt sich Enttäuschung darüber ein, dass unsere Zeiten doch nicht so queer sind und bei allem Drang zur individuellen Selbstverwirklichung nicht alle im gleichen Sinne anders sind. So gibt es eine Differenz zwischen den Homo- und Transsexuellen, die ein zumeist schmerzhaft einschneidendes Coming-out erleben, und jenen, die diese Erfahrung nicht gemacht haben. Mit »queer« wird diese Differenz teilweise übergangen – und damit der erlebte Hass ignoriert.

In queeren Politgruppen entwickelte sich zudem eine Art gelebter Kritik der eigenen Identität zur moralischen Anforderung. Schwul oder lesbisch zu sein, gilt hier sogar als verpönt. So notwendig eine konsequente Identitätskritik ist: Der Queerfeminismus neigt oft zur Beschwörung einer radikalen Queer-Community, die dem einzelnen ein reichhaltiges Repertoire an Regeln zum moralisch richtigen Verhalten auferlegt. Wenn etwa in einigen queeren Theorieansätzen das homosexuelle Coming-out oder die Emanzipation selbst als westlich-normativ kritisiert wird, richtet sich »queer« gegen homosexuelle Emanzipation. Die Schwachstellen queerer Theorie sind eine Tendenz zur Relativierung von Gewalt, die Ablehnung von Befreiung im universellen Sinne und die Abwehr einer konsequenten Religionskritik, insbesondere was den Islam betrifft. Diesen Ansätzen gegenüber stehen queere Forschungen zur Geschichte der sexuell anderen oder queere Literaturwissenschaften. Die queere Theorie wahrhaft pervers zu machen, würde bedeuten, sich radikal auf die Seite der Subjekte und gegen Unterdrückung zu stellen. Statt Privilegien oder intersektionale Machtverschränkungen bei bestimmten Personengruppen zu verorten, müssen die Ablehnung des Andersseins, der Hass und die Gewalt untersucht und Unterdrückung als Ausdruck schlechter gesellschaftlicher Bedingungen verstanden werden.

Eine emanzipatorische Geschlechter- und Sexualpolitik ist nach wie vor notwendig. Dazu gehört die Schwulen- und Lesbenbewegung ebenso wie eine kritische queere oder perverse Forschung. Diese aber muss sich der Realität zuwenden. Das bedeutet, eine Gesellschaftskritik zu formulieren, die die Fortschritte der Liberalisierung als gesellschaftliche Zugeständnisse versteht, die es zu bewahren und auszubauen gilt. Das Projekt »queer« ist vor 20 Jahren angetreten, um gegen Hass und Heteronormativität zu kämpfen, doch gelandet ist es sich nicht selten bei der Ablehnung des gesellschaftlichen Fortschritts. Höchste Zeit für einen Neustart.