20 JAHRE Prekär: über selbstbestimmte Ausbeutung

Revolutionär prekär

Die neuen Arbeitsverhältnisse prägen das Leben der sogenannten Kulturprekären. Die »Jungle World« war schon immer ihrer Zeit voraus.

Manchen erscheint es als Wunder, dass es sie immer noch gibt. Für viele bleibt es ein ewiges Rätsel, wie sie ökonomisch überhaupt funktionieren kann. Die Jungle World wurde schließlich ohne nennenswertes Eigenkapital gegründet, ein wohl sehr seltenes Ereignis in der deutschen Zeitungsgeschichte. Dass es dennoch gelang, aus dem Stand heraus eine Wochenzeitung zu produzieren, lag an der Bereitschaft, für wenig Geld viel zu arbeiten. Die miserable Entlohnung und der Arbeitsdruck machten zwar schwer zu schaffen, aber die Möglichkeit, verhasste Hierarchien abzuschaffen und Arbeitsabläufe selbst zu bestimmen und sie mit persönlichen Interessen zu verbinden, setzte ungeahnte Energie frei.

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Aufopferungsvoller Einsatz und gnadenlose Selbstausbeutung kompensierten fehlendes Kapital.
Die Gründung erinnert in ihrem antiautoritären Selbstverständnis an die Ideen der sozialen Bewegungen. »Wir leben anders! Wir arbeiten mehr als je zuvor, schaffen zwölf, 14 Stunden am Tag«, schrieb Mitte der siebziger Jahre die Gruppe Arbeiterselbsthilfe aus Frankfurt euphorisch. »Das liegt ganz eindeutig daran, dass uns der Sinn unserer Arbeit klar ist, dass sie weit weniger entfremdet ist.« Bei der Jungle World funktionierte diese Identifikation mit der eigenen Tätigkeit zwar ähnlich – niemand in der ansonsten so renitenten Belegschaft hätte für jemand anderen als sich selbst für einen miserablen Lohn sechs Tage in der Woche geschuftet. Viel anderes blieb ihr aber auch nicht übrig, um unter diesen Voraussetzungen eine Zeitung zu produzieren.

Nun verkauft eine linksradikale Wochenzeitung keine Desinger-Möbel, sondern hedonistisch inspirierte Ideologiekritik.

Dennoch entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass die linksradikale Zeitung unter jungle-world.com in der Hochphase der Internet-Bubble-Ökonomie online ging, in einer Phase also, als sich massenhaft Start-ups mit einer bis dahin in Deutschland eher unüblichen Unternehmenskultur gründeten. »Nach Feierabend saßen wir sowieso die ganze Zeit zusammen und haben nur über die Firma geredet. Da haben wir gedacht, dass wir auch gleich zusammenziehen können«, zitierte die Beilage »Junge Karriere« im Handelsblatt damals einen jungen Existenzgründer. Die Jungle-Belegschaft bezog zwar kein gemeinsames Loft über ihrer Fabriketage, unternahm aber immerhin regelmäßig einen kollektiven Betriebsurlaub, um natürlich auch dort zu arbeiten. Wie in allen Start-ups schwand die Trennung zwischen Arbeit und Freizeit, Freunden und Kollegen. Der Feierabend entpuppte sich als flexible Größe, die sich nach Belieben verschieben ließ. So wurde in den ersten Jahren vornehmlich am Wochenende und oft bis spät in der Nacht gearbeitet.
Nun verkauft eine linksradikale Wochenzeitung keine Designer-Möbel oder neue Apps, sondern hedonistisch inspirierte Ideologiekritik. Ihr Businessziel ist nicht der Börsengang, sondern die Denunziation der schlechten Verhältnisse. Dazu gehört natürlich auch, die Illusion des selbstbestimmten Arbeitens zu dekonstruieren, die oft geradewegs in die kultivierte Armut führt. Die Kritik der Arbeit war daher von Beginn ein wichtiges Thema der Zeitung. Die »Arbeitsgesellschaft ist an ihrem definitiven Ende angelangt«, behauptete die Nürnberger Gruppe Krisis in ihrem »Manifest gegen die Arbeit«, das in mehreren Folgen 1999 in der Jungle World erschien. Doch statt über die Abschaffung der Arbeit wurde in den folgenden Jahren vor allem über ihre Ausweitung diskutiert und berichtet, auch wenn sie nun immer öfter mit dem Zusatz »prekär« versehen wurde. Die neuen Arbeitsverhältnisse prägten schließlich das Leben der sogenannten Kulturprekären.

Was bei der Gründung der Jungle World noch eine unkonventionelle und vor allem unfreiwillige Form der Existenzsicherung war, entwickelte sich in wenigen Dekaden zu einem Massenphänomen. Heute sind in Berlin, das wie kaum eine andere Stadt für diese Entwicklung steht, fast die Hälfte aller Arbeitsverhältnisse ungesichert. Nach einem Bericht der Enquete-Kommission »Kultur in Deutschland« des Deutschen Bundestages arbeiten in Bezirken wie Kreuzberg-Friedrichshain annähernd 70 Prozent der Beschäftigten in der sogenannten Kreativwirtschaft, also in Branchen, die sich vorwiegend um Kommunikation und Medien drehen. Der überwiegende Teil der dort Arbeitenden bezieht ein Einkommen, das unterhalb der steuerpflichtigen Grenze liegt, heißt es in dem Bericht weiter. Arbeitsverhältnisse wie in der Jungle World sind längst keine Ausnahme mehr, sondern alltäglich.

Immerhin unterscheidet sich die Redaktion in einem wesentlich Punkt von den unzähligen Selbstständigen, Honorarkräften, Ich-AGs und Arbeitskraftunternehmern, die ansonsten die prekäre Armee der Kreativwirtschaft stellen: Die kollektiven Strukturen ermöglichten eine erstaunliche Kontinuität und damit verbunden auch zumindest gewisse materielle Garantien. Kaum jemand hätte bei der Gründung der Zeitung viel darauf gewettet, dass sie zwei Jahrzehnte später noch existieren würde.

Man kann die prekäre Situation daher auch so positiv sehen, wie es die Freunde der »Digitalen Boheme« versuchten. »Im Begriff der Boheme steckt für uns, dass man eine informell verfasste, aber feste Gruppenstruktur entwickelt, mit der man über einen längeren Zeitraum verbindlich zusammenarbeitet und dadurch auch die eigene Verhandlungsmacht stärkt«, hieß es dazu in einem Streitgespräch, das im November 2006 (47/2006) erschien. »Die Jungle World ist ein Beispiel dafür, und von solchen Beispielen gibt es eine ganze Menge.«

Ob die immatriellen Arbeiter, die Bohemiens, les intermittents oder wie die Selbstausbeuter auch heißen, für progressive Entwicklungen sorgen, ist wohl eher zweifelhaft. Eher lässt sich fragen, ob die creative industries mit ihren Start-ups und neuen Selbständigen vor allem zur Modernisierung der alten Verhältnisse beitragen. Irgendwann merkt auch der letzte Betriebsleiter, dass Mitarbeiter, die sich selbst motivieren, wesentlich effektiver arbeiten als solche, die man antreiben muss. Übrig bleibt die verklärte Annahme, der Markt ermögliche mehr Selbstbestimmung als die Festanstellung. Eine Entwicklung, die wie eine unfreiwillige Parodie des Kommunistischen Manifestes wirkt: »An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation«, heißt es dort, »worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die Entwicklung aller ist.« Der vermeintliche Gegenentwurf einer kreativen Ökonomie führt zu einer Verinnerlichung der Arbeitsgesellschaft, der sich nicht einmal hartgesottene Ideologiekritiker entziehen können – und zu Honoraren, die kaum noch zum ­Leben reichen.

Entscheidend ist die Frage, wie weit die Verhandlungsmacht solcher Projekte reicht. Wer mehr erreichen will, als sein eigenes Elend zu verwalten, muss investieren können, ganz egal, was man verkauft. Wenn jedoch die Geschäftsführung sparen muss und die dringend notwendige Honorarerhöhung verweigert, kann die Belegschaft nicht gegen sich selber streiken. Verleger, einflussreiche Werbekunden und Darlehensgeber können nicht ­dafür verantwortlich gemacht werden, wenn das eigene Bankkonto chronisch in den roten Zahlen steht – aus dem einfachen Grund, weil es sie nicht gibt. Unabhängigkeit birgt neben ihren Vorteilen zugleich das größte Risiko. Ohne Kapitalgeber ist die Zeitung ökonomisch von ihren Abonnenten abhängig. Nicht unbedingt ein solides Finanzierungskonzept für eine Zei­tung, die immer wieder bewusst die ­Er­wartungen ihrer Leser enttäuschen will, was ihr auch zumeist ganz gut ­gelingt.

Die Jungle World hat zwar ein treues Publikum vor allem junger Leser, die an einem spezifischen linken Denken und Habitus Gefallen finden. Es ist ihr aber nicht gelungen, wesentlich über dieses Klientel hinaus zu wachsen, obgleich die Zahl jener, die sich nicht mehr einem spezifischen linken Lager zuordnen wollen oder können, stetig wächst.

Das Unternehmen Jungle World ist daher auch ein Produkt des Zerfallsprozesses der Linken, die sich auf keine generationsübergreifende soziale Bewegung mehr beziehen kann. Sie kann auch nicht auf großzügige Zahlungen aus den Erbschaften ehemaliger Aktivistinnen und Aktivisten hoffen, die wenigsten über diesen Beitrag ihr schlechtes Gewissen beruhigen wollen. So klamm wie die Zeitung ist auch ihrer Leserschaft. Die Zeitung kann schließlich nicht besser sein als die Verhältnisse, in denen sie existieren muss. Sie kann diese Verhältnisse nur kritisieren. Und in diesem Sinne ist die Jungle World seit zwei Jahrzehnten eine sehr erfolgreiche kollektive Unternehmung.