20 JAHRE Lesen und staunen: Titelbilder aus 20 Jahren

Student, Ende 20, links, sucht Abo

Wer sind eigentlich die Leser, diese unbekannten Wesen, die die »Jungle World« seit 20 Jahren am Leben halten? Vor allem in Wohngemeinschaften ist die Zeitung sehr beliebt – das hat auch Nachteile.

Von Ivo Bozic
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Die Jungle-Pioniere vor 20 Jahren kannten weder Marktanalysen noch Zielgruppen. Es war ihnen geradezu unangenehm, für ihr Produkt zu werben, und daran hat sich wenig geändert. Bis heute wird das Marketing der Jungle World so nebenher betrieben, von wundervollen Menschen, die ganz andere, wichtigere Dinge gelernt haben. Leser? Gerne, wenn ihnen unsere Zeitung denn gefällt. Aber die Zeitung so zu machen, dass sie den Lesern gefällt? Darauf käme hier niemand. Das ist keine Koketterie, so tickt der Dschungel wirklich. Seit zwei Jahrzehnten. Andererseits lebt die Jungle World von den Abonnements. Das heißt, die Leser sind die Voraussetzung dafür, dass die Redaktion auf die Leser pfeifen kann.

Ein Blick in die Abokartei offenbart, dass 244 Leserinnen und Leser der ersten Stunde der Zeitung noch immer die Treue halten, also seit 1000 Ausgaben. Aus den ersten zweieinhalb Jahren sind es 484. Diese Leser dürften inzwischen alle älter als 40 sein und es sind einige Auslandsabonnenten darunter, etwa aus Marseille, Brüssel, Basel, Zürich, Chur, Wien, Athen und Den Haag.

Andere kamen und gingen, wie das so ist in einem langen Leben. Vor allem 2001 (9/11) und 2003 (Irak-Krieg) hat eine größere Anzahl von Lesern aus politischen Gründen der Jungle den Rücken gekehrt. Dafür kamen neue hinzu. Wenn Leser heute ihr Abo kündigen, begründen sie das nur noch selten politisch. Meist sind es finanzielle Gründe – oder solche: »Sehr geehrte Damen und Herren, hiermit kündige ich das Abo. Leider bin ich in eine neue WG gezogen, welche schon brav die Jungle World abonniert hat.« Schreiben wie dieses kürzlich eingegangene von Leser Johannes S. aus Stuttgart erhält der Leserservice, der sich konsequenterweise nicht Leser-, sondern Verlagsservice nennt, regelmäßig. In vielen WGs teilt man sich die Jungle World. Wie funktioniert das?

Schauen wir mal nach. Besuch in ­einer – Ehrenwort: wirklich zufällig herausgepickten – WG in Berlin. Die Wohngemeinschaft besteht aus zwölf Menschen zwischen 20 und 35 Jahren und gehört zu einem linken Hausprojekt. Ausgebaute Fabriketage, politische Plakate an den Wänden, schwarz-rote Fähnchen, Pfandflaschen überall, ein aus Paletten gezimmertes Podest im riesigen Gemeinschaftsraum, darauf steht ein altes Sofa. Am Küchentisch sitzen Anna (27) und Marcel (28) und drehen und rauchen dünne Zigaretten am laufenden Band. Sie erzählen: Die WG gibt es seit sechs Jahren, vor vier Jahren beschlossen die Bewohner bei einem Plenum, gemeinsam Zeitungen zu abonnieren. Sie erstellten eine Liste und die sechs Medien mit dem größten Zuspruch wurden abonniert: Konkret, Titanic, Phase 2, Le Monde, ak und Jungle World. Doch das Geld ist in der WG, in der vor allem Studenten und prekär Beschäftigte leben, immer knapp, in der Essenskasse herrscht oft Ebbe, also wurden vier Zeitungen vor einiger Zeit wieder abbestellt. Nun gibt es hier nur noch den ak und die Jungle. »Ach so, und gerade auch die Junge Welt. Das Abo haben die Eltern eines Mitbewohners neulich spendiert«, erklärt Marcel. »Aber die wird kaum gelesen.«

Die Jungle World liegt immer auf dem Küchentisch und wird meist beim Frühstück oder Kaffeetrinken durchgeblättert. Mitnehmen darf man sie nicht. Es sollen immer alle Mitbewohner Zugriff darauf haben. »Nach ein paar Tagen liegt der Dschungel-Teil meistens auf dem Klo, weil er so schön handlich ist«, sagt Anna.

 

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Marcel berichtet, dass es häufiger Diskussionsbedarf zu bestimmten Artikeln gebe, aber da alle zu unterschiedlichen Zeiten aufstehen, sei es nicht so leicht, ins Gespräch zu kommen. Ein paar Mal hätten sie sich tatsächlich abends verabredet, um über den einen oder anderen Text zu diskutieren. Wenn es Kritik an der Jungle World gibt, dann geht es meistens um »Awareness-Dinge«, erzählen die beiden – um Artikel zu den Themen Rassismus, Feminismus, auch Israel. Da haben die WG-Bewohner nicht alle dieselben Positionen. Anna und Marcel gefallen an der Jungle World vor ­allem die Themenauswahl und der ­Jungle-spezifische Blick auf die Themen. Der komme ihrer Perspektive am nächsten. »Der ak hat in der neuen Ausgabe einen Schwerpunkt zum Sechstagekrieg 1967, das ist mir da einfach viel zu einseitig«, meint Marcel.
Ein Online-Abo käme für die WG nicht in Frage. Manche haben nicht mal ein Smartphone und der WG-Computer steht neben dem Esstisch, auf dem die Zeitung immer liegt. »Da kann ich genauso gut die Printausgabe ­lesen«, sagt Anna.

»Nach ein par Tagen liegt der Dschungel-Teil meistens auf dem Klo, weil er so schön handlich ist.« Anna, »Jungle World«-Leserin

Wie charakteristisch sind Anna und Marcel für die Jungle-Leserschaft? ­Unter den Lesern befinden sich, wie wir wissen, schließlich auch Ärzte, Senioren, Start-up-Gründer und Opernsänger – und doch ist die WG nicht ganz untypisch. Jedenfalls wenn man der letzten Leserumfrage von 2011 folgt. Sie ergab, dass die meisten Leser Ende 20, Anfang 30 sind. 33,2 Prozent von ihnen sind Studenten, 30,7 Prozent Angestellte, neun Prozent Selbstständige und fünf Prozent Arbeitslose. Das durchschnittliche Einkommen ist gering, dafür sagen 38 Prozent von sich, sie seien politisch aktiv. Die meisten bezeichnen sich als Linke, doch fast ebenso viele sagen, der Begriff »links« müsse neu definiert werden.

Die Sozialforschung teilt die Jungle-Leser politisch in drei Typen ein: Classic left: Zugehörigkeitsgefühl zu Antirassismus, Autonomen, Anarchismus, Gender/Feminismus/Antisexismus, Antifa, Ökologie; Newcommie: Zugehörigkeitsgefühl zu Antideutschen, Kommunismus, Prowestlich/Liberal; und Party/Union: Zugehörigkeitsgefühl zu Partei, Gewerkschaft. Wobei bei »Kommunismus« keiner an das denkt, wofür die Sowjetunion oder die DKP standen und stehen. Mit Parteien haben die meisten Leser wenig am Hut. Am besten schneidet bei ihnen noch die Links­partei ab, gefolgt von den Grünen, doch auch bei diesen beiden sind die Zustimmungsraten gering.

 

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Welche anderen Zeitungen konsumieren Jungle World-Leser noch? Auch hier zeigt sich, dass die WG von Anna und Marcel nicht untypisch ist: Mit großem Abstand an erster Stelle Konkret (34,3 Prozent), gefolgt von Titanic (23,7), einer lokalen Tageszeitung (22,4) und Taz (21,6). Immerhin 3,2 Prozent lesen Bild, nur 1,5 das Neue Deutschland. Die Umfrage ergab unter Anwendung komplizierter Formeln auch: Jüngere Leser lesen im Vergleich zu älteren deutlich häufiger Bahamas (χ2(1, 627)=8,02, p<.01) und Phase 2 (χ2(1, 627)=9,88, p<.01). Langjährige Leser lasen 2011 im Vergleich zu neueren häufiger die Süddeutsche Zeitung, FAZ/FAS, IZ3W, Konkret, De:Bug und lokale Tageszeitungen.

Die Leser in Nordrhein-Westfalen und Berlin mögen übrigens weniger gerne Reportagen als die aus anderen Bundesländern. Vor allem die Berliner empfinden die Texte teilweise als »zu belehrend«. Sollen Leser die Jungle in einem Wort beschreiben, sagen sie an erster Stelle »gut«, »toll« und »großartig« und an zweiter »anders«, »notwendig« und »unverzichtbar«.

Das Schöne ist, das gilt auch umgekehrt. Notwendig und unverzichtbar sind die Leser auch für die Jungle World. Bei allen Veranstaltungen, Partys, Konzerten und Konferenzen, bei denen größere Ansammlungen von Jungle-Lesern zusammenkommen, zeigt sich immer wieder: Die sind auch fast alle schwer sympathisch, gut und großartig. Ein Glück!