20 JAHRE Globalisierung: die Linke in Bewegung

Wann wird’s mal wieder richtig Sommer?

Ständig ist die »Jungle World« auf der Suche nach aufständischen linken Bewegungen. Trotzdem haben sie in der Zeitung regelmäßig einen schweren Stand.

Die Jungle World und die Bewegungslinke in Deutschland haben ein schwieriges Verhältnis. Bei der Gründung der Wochenzeitung 1997 war man aber erstmal ganz interessiert aneinander. Da gab es in Deutschland auch noch starke Antifa-Bewegungen und antirassistische Bündnisse, darunter die »Antifaschistische Aktion« und die ebenfalls 1997 entstandene Kampagne »Kein Mensch ist illegal« (KMI). Inter­national nahmen die globalisierungskritischen Bewegungen gerade an Fahrt auf. Viele Linke glaubten sogar, »die Vorwehen einer globalen Revolte, eines neuen ›1968‹ zu spüren«, wie Jesse-Björn Buckler in einem Rückblick schrieb. Der gemeinsame negative Bezugspunkt war der Neoliberalismus, eine positive Referenz die neozapatistische Guerilla EZLN. Sie erregte seit ihrem Aufstand am 1. Januar 1994 im südmexikanischen Chiapas weltweit Aufmerksamkeit, weil sie einen sympathisch undogmatischen, aber schlagkräftigen Internationalismus propagierte, mit dem die Gesellschaft verändert werden sollte, ohne die (Staats-)Macht zu ergreifen.

Seit dem Irak-Krieg lehnen die meisten bewegungsnahen linken Gruppen eine Beschäftigung mit der »Jungle World« kategorisch ab.

Im Jahr 2001 erreichten die globalisierungskritischen Bewegungen ihren Höhepunkt. In Mexiko zogen die Zapatisten Richtung Hauptstadt. Gegen den EU-Gipfel in Göteborg und das Treffen der G8 in Genua protestieren Zehntausende, darunter Basisgewerkschaften, migrantische Gruppen, Frauenorganisationen, linke NGOs und autonome ­Antifaschisten aus ganz Europa, gemeinsam oder zumindest nebeneinander. Im südbrasilianischen Porto Alegre richteten die Altermondialistas als Kontrapunkt zum Weltwirtschaftsforum in Davos das erste Weltsozialforum aus, um einen Ort für Debatten über eine alternative Weltordnung zu schaffen.

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Bis zu jenem »Summer of Resistance« 2001 begleitete die Jungle World diese Bewegungslinke meist eher wohlwollend. Ein Teil der Redaktion war selbst an diversen Gipfelprotesten beteiligt. Auch die fortschreitende Kriminalisierung der globalisierungskritischen Bewegung, vor allem aber die Todesschüsse und die Polizeifolter in Genua waren Anlass für eine überwiegend solidarische Berichterstattung (31/2001). Rückblickend betonte etwa Deniz Yücel, in Genua habe erstmals seit dem Ende des Realsozialismus »eine linke Bewegung in einer neuen Form die Bühne der Geschichte betreten«.

Die jihadistischen Anschläge vom 11. September in den USA mit mehr als 3 000 Toten paralysierten und pola­risierten die Globalisierungskritik. In der altermondialistischen Linken in Lateinamerika beispielsweise wurde, wie es Wolf-Dieter Vogel ausdrückt, ein Antiimperialismus dominant, der sich teils sogar positiv auf die Anschläge bezog und den Jihad, einem manichäischen Weltbild folgend, als antikolonialen Kampf vom imperialistischen Westen unterdrückter »Völker« interpretierte. In Deutschland stritten Bewegungslinke, die eher antinationale Positionen einnahmen, mit den sogenannten Antiimps. Während der Jahrestagung der »Bundeskoordination Internationalismus« (Buko) im Herbst 2001 beschuldigten sie sich gegenseitig, nach rechts ab­zudriften. Die Antinationalen warfen den Antiimps vor, sich nicht ausreichend vom radikalisierten politischen Islam jihadistischer Gruppen zu distanzieren, stattdessen die USA zu ­dämonisieren. Die Antiimps wiederum beschuldigten die Antinationalen, die USA als positive Projektionsfläche zu nutzen und sie als eine Macht zu sehen, die Frieden und Freiheit in die Welt tragen könne, und dabei auch Kriege in Kauf zu nehmen.

In diesem Klima, das sich mit der militärischen Intervention der USA in ­Afghanistan im Herbst 2001 noch verschärfte, gab die Jungle World ihre kritisch-wohlwollende Haltung gegenüber den globalisierungskritischen Bewegungen auf. Der berühmt-berüchtigte Debattenbeitrag »Fanta statt Fatwa« reformulierte den linken Sinnspruch »Sozialismus oder Barbarei« als »Kapitalismus oder Barbarei«. Der »bombenfreund­liche« Text sorgte für eine Menge Aufregung und veranlasste eine ganze Reihe angestammter Autorinnen und Autoren und auch Leserinnen und Leser, sich von der Jungle World zu verabschieden. Spätestens seit Beginn des Irak-Kriegs 2003 lehnten die meisten bewegungsnahen linken Gruppen die weitere Beschäftigung mit der Jungle World, in der sie das Sprachrohr eines von Antideutschen dominierten linken Bellizismus sahen, kategorisch ab (Analyse & Kritik, 2010). Den Rest der Nullerjahre verbrachten sie stattdessen mit der Bewältigung ihrer Sinnkrise, indem sie das »postoperaistische Antidepressivum« namens »Empire« von Michael Hardt und Toni Negri in hoher Dosierung rezipierten und diskutierten. Unterdessen entstanden in Europa neue Bewegungen rund um soziale Kämpfe, etwa gegen die Agenda 2010, die Austeritätspolitik, den Klimawandel, Atomtransporte und städtische Verdrängungsprozesse.

Zur Mobilisierung für die Proteste gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm 2007 rappelte sich die alte Garde der Globalisierungskritiker in Deutschland dann doch nochmal auf und auch die Jungle World verfolgte das erneute Rascheln der altermondialistischen Bewegung zumindest interessiert mit einer pluralen Berichterstattung. Ansonsten wurde »Bewegungslinke« in der Jungle World zu einem Wort, das man nur noch mit spitzen Fingern in die Tasten tippte. Im Ton zu oft vernichtend, in der Sache aber meist richtig klagte man in der Jungle World den Antizionismus und Antiamerikanismus, eine auf die Finanzsphäre ­reduzierte Kapitalismuskritik und inhaltsarme Eventfixierung sowie die unhedonistische Haltung zum Herrschaftsinstrument Arbeit der Bewe­gungs­linken an (Neues Deutschland, 5. Mai 2007).

Ein Vorwurf, der sich besonders hartnäckig hält, ist jener der politisch unreflektierten Mobilisierung möglichst vieler Menschen, weil dies auch Kompromisse mit dem deutschen Volk einschließe. So wanze sich die deutsche Bewegungslinke gerne unkritisch an mobilisierungsstarke Themen wie Klimawandel und Atomtransporte ran, weshalb sie oft mehr über Heimatschutz als über Fragen globaler Verteilungsgerechtigkeit spreche, dabei aber gleichzeitig ein regressives Faible für den Beruf des Kleinbauern hege. Oliver Schott konstatierte bei der Bewegungslinken in Deutschland sogar schon mal mangelndes Interesse an Sex (38/2010). Das ist möglicherweise, neben der Tatsache, dass sich lang bewährte bewegungslinke Haltegriffe wie die »Antifaschistische Aktion« oder »Für eine linke Strömung« (Fels) aufgelöst haben beziehungsweise im unübersichtlichen Bewegungs-Allrounder der Interventionistischen Linken (IL) aufgegangen sind, auch eine Erklärung für die von Jan Tölva konstatierten »Nachwuchsprobleme« (42/2014).

Dennoch: Sobald eine soziale Bewegung irgendwo auf der Welt einen rebellischen Frühling oder Sommer ausruft, grillt die Jungle World dann doch wieder mit. Ob »arabischer Frühling«, Occupy, Indignados, Gezi-Park oder Sommer der Migration: Die Jungle World mag zwar keine Massenmobilisierungen, keine Antiimps und keine Heimatschützer; die Suche nach den antiautoritären Momenten in Aufständen, ­Rebellionen und sozialen Bewegungen hat sie aber niemals auf­gegeben.