20 JAHRE Hedonismus: Die Linke zwischen Wellness und Hedonismus

Was hätte de Sade getan?

(Sich) etwas Gutes tun. Linke zwischen Wellness und Hedonismus.

»The good life full of fun seems to be the ideal«, sang Tony Bennett 1963. Klingt simpel, ist aber kompliziert. Schon seit der Antike sinnen Philosophen, was das gute Leben, was Freude und was Lust sei. Die alten Griechen nannten Freude und Lust hedoné. So kam der Hedonismus in die Welt. Epikur betrachtete als höchste Lust eine lebenslang währende Seelenruhe, die nur durch eine möglichst bedürfnis­lose und tugendhafte Lebensweise zu erreichen sei. Der Marquis de Sade sah das später bekanntlich völlig anders. Mit seinem ausschweifenden Lebensstil voller Sex und Drogen, für den er sogar inhaftiert wurde, galt er selbst den adeligen Libertins des 18. Jahrhunderts als Skandalnudel. Im Gefängnis verfasste er dann pornographische und kirchenfeindliche Romane, ersann aber auch eine hedonistische Theorie des individuellen Guten, das nur durch eine möglichst amoralische Lebensführung zu erreichen sei.

Anzeige

Apropos Kirche: Auch bei den Christen ist der Hedonismus umstritten. Während die Protestanten das Streben nach Lust als gottlos ablehnen, haben die Katholiken mit der Beichte ein cleveres Arrangement mit Gott gefunden, das auch alle möglichen Formen von Lust und Vergnügen erlaubt.

Das urbane linksalternative Milieu von heute, in dem wir uns besser auskennen, macht es sich mit dem Hedonismus auch nicht gerade leicht. Da gibt es einerseits die Verfechter des weitgehenden Konsumverzichts als politische Haltung und als Lebensziel. Die fallen schon mal raus. Dann sind da die Wellness-Jünger mit ihren Yoga-Retreats, Ayurveda-Zentren, Fastenurlauben und veganen Kochkursen. Epikur mit seiner asketischen Vorstellung von Hedonismus hätte seine helle Freude an ihnen gehabt. Heute freuen sich vor allem die Arbeitgeber, dient Wellness doch vor allem der Wiederherstellung der Arbeitskraft. Nicht zuletzt gibt es noch die Hipster und Bobos, die wie Hippies denken, wie Unternehmer handeln und einen sanften Materialismus mit ausgeprägtem Sinn für Stil­fragen pflegen. Der New Yorker Journalist David Brooks sieht in den Bobos die Speerspitze beschleunigter Gentrifizierung. Aber sind sie Hedonisten? Der im Begriff Bobo versteckte Bohemien könnte es nahelegen. So eine Art de-Sade-Hedonismus extra-light.

Seit 2006 existiert sogar eine »Hedonistische Internationale«. Das lose Netzwerk linker Gruppierungen propagiert in seinem Manifest unter anderem »Anarchie, bunte Freude, Sinnlichkeit, Ausschweifung, Gerechtigkeit, Toleranz, Freiheit, Friede, kosmopolitisches Dasein«. Die Berliner Sektion erregte vor ein paar Jahren Aufsehen, weil ihre Aktivisten bei Wohnungsbesichtigungen nackt gegen die steigenden Mieten protestierten. Kämpft die Hedonistische Internationale also mit Hedonismus gegen Hedonisten? Ist Hedonismus Askese oder Ausschweifung? Epikur oder de Sade? Egal, wichtig am Hedonismus sind das Lustprinzip und die Flucht aus der Arbeitskraftverwertung, kurzum: das gute Leben. Und wenn das bedeutet, nicht mehr bis sonntagmorgens um elf, sondern ab sonntagsmorgens um elf ins Berghain feiern zu gehen, nachdem man oder frau vorher schon beim Ashtanga-Yoga war – auch gut. Solange es Spaß macht.