Katar und Saudi-Arabien unterstützen nur unterschiedliche Gruppen, islamistisch sind sie alle

Der falsche Emir

Im Konflikt zwischen Katar und Saudi-Arabien geht es nicht darum, ob, sondern welche islamistischen Gruppen unterstützt werden sollen.

Kommentar Von Jörn Schulz
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Ein Scheich ist dem anderen nicht gleich. Ganz besondere Scheichs sind die al-Shaykhs, ein saudi-arabischer Clan, der behauptet, von Muhammad Ibn Abd al-Wahhab abzustammen. Dessen Lehre, der Wahhabismus, ist saudische Staatsdoktrin geworden und die al-Shaykhs gelten als so etwas wie religiöser Hochadel. In einem am 28. Mai veröffentlichten offenen Brief erklärten sie den Anspruch des katarischen Herrscherclans, von al-Wahhab abzustammen, für falsch und erfunden – ein Angriff auf die Legitimität des Emirs der benachbarten Halbinsel, dem Anfang Juni die Verhängung einer Blockade durch Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Ägypten und Bahrain folgte, die von einigen weiteren Regierungen islamischer Staaten unterstützt wird. Begründet wurde dies allerdings nicht mit der unedlen Geburt Emir Tamim bin Hamad al-Thanis, sondern mit der Finanzierung von islamistischen Terrorgruppen durch Katar.

Nach dem Besuch des US-Präsidenten am 20. und 21. Mai hat das saudische Königshaus wenig Zeit verloren. Ob Donald Trump seinen Gastgebern inoffiziell carte blanche für die Durchsetzung ihrer Interessen auch gegen andere Golfmonarchien gegeben hat, ist allerdings unklar. Wie üblich gibt es Differenzen in der US-Regierung, Außenminister Rex Tillerson sprach sich am Wochenende für ein Ende der Blockade aus, während sich Trump mit der Forderung, Katar müsse die Finanzierung terroristischer Gruppen beenden, auf die Seite des saudischen Königshauses stellte.

Ginge es wirklich um die Finanzierung von Terrorgruppen, müsste Saudi-Arabien allerdings auch sich selbst blockieren. Gestritten wird vielmehr darüber, welche islamistischen Gruppen unterstützt werden sollen. Der Emir von Katar fördert unter anderem die Muslimbruderschaft und ihr nahestehende Gruppen, die anderen Monarchen als Gefahr gelten, da sie eine islamische Republik propagieren. Überdies unterhält Katar gute Beziehungen zum Iran und plädiert für ein Ende der Konfrontation – zur Freude am Iran-Geschäft interessierter europäischer Regierungen und nicht zuletzt des deutschen Außenministers Sigmar Gabriel, der diese Haltung begrüßte und gern im Interesse eines Emirs vermitteln würde, der Anteile an bedeutenden deutschen Konzernen hält und stolzer Besitzer von 62 Leopard-Panzern ist.

Der weitaus größeren Panzerarmee Saudi-Arabiens wäre die Streitmacht Katars jedoch nicht gewachsen. Ob das saudische Königshaus sich mit der Zusicherung al-Thanis begnügen wird, fortan eine weniger ambitionierte Außenpolitik zu betreiben, oder einen zuverlässigeren Wahhabiten auf dem Thron Katars platzieren will, ist unklar. Auch wenn das gelänge, bliebe noch die Türkei als einflussreicher Unterstützer der Muslimbruderschaft und auch Pakistan, ebenfalls ein Finanzier islamistischer Terrorgruppen, verweigert sich einem Bündnis mit Saudi-Arabien.

Die Golfmonarchen unterstützten immer wieder sunnitisch-islamistische Gruppen, die sich dann gegen sie wandten und mittels der Unterstützung anderer islamistischer Gruppen verdrängt werden sollten. Eine andere Politik ist nicht möglich für Regimes, deren wichtigstes Ziel der Erhalt der Erbfolge und deren Legitimation die Geltung und Verbreitung der Sharia ist. Da eine Wiederherstellung der Monarchie in Staaten wie dem Jemen oder Syrien ausgeschlossen ist, fehlt es an einem Konzept für die Errichtung stabiler Diktaturen, und für sunnitische Islamisten ist es nicht einzusehen, warum sie sich den Monarchen unterordnen und darauf verzichten sollen, deren Ölreichtum für ihre Zwecke zu nutzen.

Für schiitische Islamisten noch weniger. Als Alternative zum Bündnis mit den Golfmonarchien gilt unter westlichen Politikern allein eine Annäherung an den Iran, dessen Regime die verbündeten islamistischen Milizen besser unter Kontrolle hat und daher im Kampf um Syrien und den Irak derzeit erfolgreicher ist. Die Massaker beider Seiten machen deutlich, dass dem Sieg über den »Islamischen Staat« eine neue Phase des konfessionalisierten Bürgerkriegs folgen wird. Wenn der Kampf um Katar eskaliert, ist aber auch ein Krieg zwischen den Regionalmächten nicht mehr ausgeschlossen.