Die Documenta 14

Panzerkissen nach Athen tragen

In Athen ist sie bald vorbei, in Kassel hat sie eben erst begonnen: die Documenta 14, eine der wichtigsten Kunstschauen der Welt. Ein Rundgang.

Schon lange vor Beginn der 14. Ausgabe der Documenta sorgte für auf­geheizte Stimmung, dass die Kunstschau – eine der bedeutendsten der Welt – um einen Ausstellungsort erweitert wurde. Ein gleichberechtigter Standort der Documenta in einem anderen Land als Deutschland? Geld aus deutschen Kunstfördertöpfen nach Athen tragen? Wie explizit politisch kann, soll und muss die Kunst unter solchen Bedingungen sein?

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»Von Athen lernen« lautet das Motto Adam Szymczks – und selbstverständlich fragte man sich, wie der neue Kurator das Thema behandeln und welche Künstlerinnen und Künstler er auswählen wird. Alles wie bei jeder Documenta also, nur diesmal unter negativen Vorzeichen: die Krise Europas, seine verfehlte Flüchtlingspolitik und die Staatspleite Griechenlands unter europäischer, vom Steuermann Big Germany ­geführter Austeritätspolitik. Wo die Währungsunion die Menschen spaltet, soll nun vielleicht die Kunst der Kitt Europas sein. Mit staatlich gefördertem Ausrufezeichen.

In Athen hatten Sprinkle und Stephens ein Bett voller Erde aufgebaut, in dem die Besucherinnen und Besucher mit ihnen kuscheln konnten.

Zwei Tage Kassel – bei fast griechischen Temperaturen: Am zentral ­gelegenen Friedrichsplatz mit seinen Streetfood-Zelten wirkt die Stadt ­gerade in den Abendstunden fast schon mediterran und – so wie das gemeinhin genannt wird – völkerverbindend; allerdings nur für Kunsttouristen, die bereit sind, für ein ­Falafel-Sandwich sechs Euro auszugeben. Beim Biss in die Kichererbsenstulle kann man bereits einen ersten Blick auf den »Parthenon der verbotenen Bücher« werfen. Die großflächige Installation der argentinischen Popartikone Marta Minujín wurde längst zur Hauptattraktion der diesjährigen Kunstparade hochgejazzt. So richtig taufrisch ist Minujíns Idee allerdings nicht: 1983 hatte die Künstlerin bereits einen ähn­lichen Tempel in Argentinien aufgebaut.

Wo am 19. Mai 1933 Bücher verbrannt wurden, glitzern nun also wasserdicht in Folie eingeschweißten Bände in der Morgensonne. Eine ­Seite des dem Tempel auf der Akropolis nachgebildeten Kunstwerks ist noch gähnend leer. Doch dies wird sich ändern, denn jeder darf fleißig weitere Bücher spenden. Eine Auflistung von Titeln, die verboten waren oder es noch immer sind, findet man auf der Website des Kunstprojekts. Eine Shortlist mit über 170 Titeln und eine, die über 70 000 umfasst – je nach Zeitbudget. In Athen hatte die Künstlerin bereits in einer Performance einem Double Angela Merkels sonnengereifte Oliven überreicht: die Rückzahlung der Schulden Griechenlands als symbolischer Akt. Die menschenverachtende Zwangs­sparpolitik wurde nicht thematisiert.

Gegenüber vom Tempel der feind­lichen Gedanken tritt man in eines der ältesten Kunstmuseen Europas ein: das Fridericianum. Das 1779 fertiggestellte Gebäude war schon Ausstellungsort für die künstlerische Repräsentation vieler politischer Krisen. Kurator Szymczk macht das traditionelle Herzstück der Kunstschau dieses Jahr zu einem Ort der Angst. Man ist umgeben von Terrormilizen und staatlicher Militanz. Europas Demokratie scheint ein vermintes Feld zu sein. Im Fridericianum zu sehen ist die ständige Sammlung des Athener Nationalmuseums für Zeitgenössische Kunst (EMST), das aus ­finanziellen Gründen seit Jahren geschlossen ist.

In der ersten Etage fläzen sich Schulklassen auf Hartschaumkissen, die mit Camouflagestoffen überzogen sind. Würde man alle Module wieder richtig zusammensetzen, ergäbe sich ein lebensgroßes Modell eines echten Exportklassikers der BRD: des Leopard 2. Der Künstler Andreas Angelidakis weckt damit nicht nur das Bewusstsein für (un)verantwortungsvolle Rüstungsexporte, sondern thematisiert auch den Wohlstand des Documenta-Standorts. Zwar wird der Leopard 2 in München zusammengeschraubt, aber seine Einzelteile werden von der Firma KMW in Kassel hergestellt. Schön zu erleben, wie die Generation der Liegenden auf den zur Chillout-Wiese zerlegten Modellpanzerkissen friedlich ihrer Lieblingsbeschäftigung nachkommt: dem Surfen via W-Lan. Eine gelungene Transformationsarbeit.

Derart tiefenentspannt kann man sich geradewegs zu Köken Erguns ­beeindruckender Videoarbeit »I, Soldier« aus dem Jahre 2005 begeben. In dieser Videoprojektion bekommt man die unsägliche Zeremonie des National Day for Youth and Sports zu sehen, einen der vielen staatlich kontrollierten Nationalfeiertage, die jährlich in der Türkei stattfinden. Wer nach der Gegenüberstellung der Nahaufnahmen eines traurig-versteinert dreinblickenden Militärstudenten und den kriegsverherrlichenden, ultranationalistischen Worten seiner Vorgesetzten nicht den Tränen nah ist, dem ist auch auf der Documenta nicht mehr zu helfen. Im Erdgeschoss des Fridericianums fällt vor allem die Installation »Hopscotch« von Vlassis Caniaris aus dem Jahre 1974 auf. Sechs kopflose Menschenfiguren stehen um ein mit Kreide auf den Boden gezeichnetes Hüpfspiel herum. Nur dass hier keine Ziffern in die Felder gemalt wurden, sondern die Arbeitsmarktpolitik des Gastarbeitersystems thematisiert wird: von Arbeitskommissionen über

Desorientierung bis hin zur Fließbandarbeit. Der Künstler selbst ist damals nicht als sogenannter Gast­arbeiter, sondern über ein Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdiensts (DAAD) nach Berlin gekommen, wo er sein in Paris begonnenes Werk weiterentwickelte – das zumindest ließ sich von einem der vorbeiziehenden Documenta-Spaziergangsleiter aufschnappen, die ­allerorten anzutreffen sind. Es handelt sich hierbei um ein besonderes ­Angebot des Kassler Kunstspektakels: Angestellte der Documenta laden kunterbunt zusammengewürfelte Besuchergruppen zu Flanierrunden ein, auf denen alle die Möglichkeit bekommen, ihre eigenen Interpretationen der Kunstwerke darzulegen. Wer also Lust auf Social Media ohne Internet hat, ist für zwölf Euro Aufpreis dabei.

Bevor es in den Park der Karlsaue geht, sollte man einen Blick auf die Skulptur von Hiwa K werfen. Die aufgestapelten Röhren des kurdisch-­irakischen Künstlers ähneln den Abwasserrohren, in denen Flüchtlinge wochenlang im Hafen von Patras ausharrten. Studenten der Kunsthochschule haben die Röhren puppenstubenhaft als Minibad, Bibliothek oder Schlafzimmer eingerichtet. Die ­Arbeit irritierte nicht zuletzt die Behörden, denn der Künstler versuchte, diese beängstigenden, aber irgendwie auch einladenden Rohrräume während der Documenta auf Airbnb zu vermieten. Apropos Genehmigung: Beim Blick auf das qualmende Turmdach des Fridericianums, einer Arbeit des Künstlers Daniel Kohr, mögen manche an das brennende Babylon denken; anderen spuken zuallererst der deutsche Tüv und endlose Genehmigungsprozeduren im Kopf herum: Gedanken an Behördenstuben, in denen die Kaffeemaschinen immer noch klingen wie Darth Vader an einem schlechten Tag.

»Ignoranz ist eine Tugend«, flüstert es aus einem Lautsprecher neben dem Fridericianum über den Platz. Eine Anspielung auf den amtierenden US-Präsidenten und die Worte seines Vorgängers Barack Obama, der gesagt hat, Ignoranz sei im Leben und in der Politik keine Tugend. Vielleicht gibt es ja noch den einen oder anderen Documenta-Besucher, der bei dieser schlichten Installation des Künstlers Pope.L (sic) ein Erweckungserlebnis hat. Die Umkehrung der Aussage ist jedenfalls von einer akustischen Penetranz, die einen fast bis in die Karlsaue verfolgt.

Dort muss man sich dann sagen lassen, dass wir alle nur kleine Frösche sind, die eines Tages von Elefanten zertreten werden. Die wohl heiterste Sound-Installation der Documenta 14 ist das einzige herausragende Kunstwerk in dem spärlich bestückten Idyll, doch der Weg lohnt sich. Die quakenden und hexenartig wispernden Reisighaufen der Installation »When Elefants Fight, It Is the Frogs That Suffer« des 2016 verstorbenen US-amerikanischen Künstlers Benjamin Patterson steckt nicht nur voller literarischer Froschzitate, sondern birgt auch psychedelische Überraschungsmomente. Die kunsthungrigen Sinnesorgane werden konsequent zum Narren gehalten: Was für ein herrlicher Qua(r)k!

Stumm quakt ein kunstvoll geschnitzter Frosch in der Documenta-Halle, wo die frisch vor Ort gesegneten Masken des kanadischen Häuptlings und Kapitalismuskritikers Beau Dick in ein mythisches Reich jenseits von Pop und Politik entführen. Leider ist der Künstler kurz vor dem Beginn der Athener Documenta, bei der auch einige seiner ethnologischen Objekte zu sehen sind, verstorben.

Überhaupt: Aus dem Reich der Toten grüßen auffallend viele der 230 Künstlerinnen und Künstler der Documenta 14, und die meisten der noch lebenden sind weit über 40. Dick sah sich als vergängliches Glied im Kreislauf des Lebens. Den Status seiner Masken als Kunstware untergrub er immer wieder, hat sie von den Wänden seiner Galerie genommen und in einer feierlichen Zeremonie mit seiner Dorfgemeinschaft in Alert Bay, British Columbia, verbrannt. Ein hübscher Hieb gegen die Kommerzialisierung der Kunst und eine Ergänzung seiner Forderung nach ­einem erweiterten Kunstverständnis.

Die Unterdrückung Indigener ist einer der interessantesten Themenschwerpunkte der Documenta. In der Neuen Neuen Galerie, die im alten Kasseler Hauptpostamt untergebracht ist und als Ausstellungsort die wohl mannigfaltigsten Eindrücke der Kunstschau vermittelt, ist unter anderem eine Arbeit von Máret Ánne Sara zu sehen. Die samische Künstlerin – übrigens noch unter 40 – stellt dort ein verstörendes Objekt aus. Von der Decke hängt ein Vorhang aus 300 Rentierschädeln samt Einschusslöchern. Ihr jüngster Bruder, ein Rentierhirte, klagte gegen ein Gesetz der norwegischen Regierung, die Herden drastisch zu ­dezimieren. Mit fadenscheinigen Begründungen werde so den Samen nicht nur die Existenzgrundlage, sondern auch eine lange Tradition genommen. Saras Bruder hat den Prozess vorerst für sich entschieden, die norwegische Regierung hat Berufung eingelegt.

Noch tiefer in den Grenzbereich zwischen Rechtsprechung und Kunst taucht man mit den hier ebenfalls ausgestellten Recherchearbeiten der »Gesellschaft der Freund_innen von Halit« ein. Halit Yozgat wurde 2006 in seinem Kasseler Internetcafé erschossen, er war das neunte Opfer des NSU. Mit bemerkenswerter Akribie haben die Kunstaktivisten sich mit dem polizeilichen Ermittlungsstand im Mord an Yozgat auseinandergesetzt. Im Mittelpunkt stehen die Aussagen des Zeugen Andreas Temme, der damals beim hessischen Landesamt für Verfassungsschutz tätig war und sich nach eigenem Bekunden nur zufällig am Ort des Verbrechens aufgehalten habe. Die Gesellschaft der Freund_innen von Halit stellen in der filmischen Dokumentation ihrer kriminaltechnischen Recherchen eindrucksvoll unter Beweis, warum es sich ihrer Meinung nach bei sämtlichen Beteuerungen Temmes – nämlich nichts gesehen, gehört und gerochen zu haben – um Falschaussagen handelt. Wie hier die Kunst als investigative Mahninstanz verpfuschter und vertuschter staatlicher Ermittlungen in Erscheinung tritt, kann man den Akteuren des Projekts und dem Kurator, der die Arbeit wie selbstverständlich ins Programm aufgenommen hat, nicht hoch genug anrechnen. Gerade auf der Documenta, die sich seit 1955 immer wieder am Nationalsozialismus abarbeitet, gehört auch die antifaschistische ­Arbeit in der Nachbarschaft aufs Plateau.

Ökosexuelle Kunst lockt dann noch einmal in einem auffallend hoch­frequentierten Raum der ansonsten von Marie Eichhorns zusammengetragener Kunstraubsammlung dominierten Neuen Neuen Galerie. An ­einer Wand hängen vergoldete Slips, an einer anderen »25 Ways to Make Love to the Earth«, ein Manifest der ehemaligen Pornodarstellerin Annie Sprinkle und ihrer Partnerin Beth Stephens: Schwimme nackt in ihren Gewässern, umarme und streichle ihre Bäume – all das ist dort zu lesen. Klingt verlockend!

Wer diese und andere Anregungen gleich in die Tat umsetzen will, kann sich Mitte Juli mit den beiden zu einem ökosexuellen Spaziergang ­treffen. Auch ohne Documenta-Ticket. Treffpunkt werden die Beuys-Eichen vor dem Fridericianum sein, an denen man sich gleich schon mal ausprobieren kann. »Ficken statt Fracken!« lautet die einleuchtende Devise. In Athen hatten Sprinkle und Stephens ein Bett voller Erde aufgebaut, in dem die Besucherinnen und Besucher mit ihnen kuscheln konnten.

In den ehemaligen Herstellungsräumen der unwirtlichen Tofufabrik zeigen Véréna Paravel und Lucien Castaing-Taylor ihre Filminstallation »Commensal« über Issei Sagawa, der 1981 Berühmtheit erlangte, als er als Student in Paris eine Kommilitonin ermordete und Teile ihrer Leiche aß. Bands wie The Stranglers oder The Rolling Stones schrieben abgründige Songs über diese Tat des späteren Bestsellerautors. Nach all dem Grübeln über verfehlte Sozialpolitik und kapitalistische Ausbeutungspro­zesse wird einem in Marquis-de-Sade-Manier zum Schluss vor Augen geführt, wie viel Lust ein Mensch dabei verspüren kann, einen anderen nicht nur zu unterdrücken oder ihn zu quälen, sondern ihn aufzufressen.

Vielerorts macht die Documenta so viel Spaß wie eine Einkommens­steuererklärung. Hat man von einem Kunst-Event wie diesem nicht auch schon mal erwartet, ein Ort der Heterotopie zu sein?

Die Documenta 14 findet in Athen noch bis zum 16. Juli, in Kassel bis zum 17. September statt.