Die Innovationen der Segelregatta America’s Cup

Mit dem Fahrrad die Regatta gewinnen

Beim America’s Cup 2017 waren, wie schon bei vielen früheren Auflagen des prestigeträchtigen Wettbewerbs, technische Innovationen entscheidend.

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Es ging um nicht weniger als die älteste internationale Sporttrophäe der Welt: den America’s Cup. Und um Revanche für die demütigende Niederlage des neuseeländischen Teams bei der letzten Austragung des Wettbewerbs in San Francisco. Damals, vor vier Jahren, gaben die Neuseeländer eine 8:1-Führung und den schon sicher geglaubten Sieg über das US-amerikanische Team noch aus der Hand. Viele Beobachter feierten den 9:8-Erfolg der Amerikaner als größtes Comeback der Sportgeschichte. Doch dieses Jahr war das neuseeländische Boot eine Klasse für sich und gewann im Finale, wieder gegen das US-Team, deutlich mit 7:1. Besondere Beachtung verdiente sich dabei das neue Wunderkind des Segelsports, der 26jährige Neuseeländer Peter Burling, der als jüngster Steuermann in die Geschichte des seit 166 Jahren ausgetragenen America’s Cup einging.

Ein Mitglied des Teams Neuseeland, Simon van Velthooven, war zuvor olympischer Bronzemedaillengewinner im Bahnradfahren und bis dahin noch nie auf einem Segelboot gewesen.

Im Jahre 1851 wurde das erste Mal in einem Rennen um die englische Isle of Wight der Cup vergeben. Die Yacht »America« aus New York gewann den Wettkampf gegen die britische Konkurrenz. Später wurde das Rennen nach dem ersten Siegerboot benannt: America’s Cup. Die Regeln sind einfach: Unter den Herausforderern wird im K.o.-Verfahren ein Sieger ermittelt, der dann im ­eigentlichen America’s Cup gegen den Titelverteidiger segelt. Bis 1983 gewann immer ein Boot aus den USA. Als nach 132 Jahren der Cup nach Australien ging, war das eine Sensation. Gleichzeitig war es der Startschuss für die Professionalisierung des Wettkampfs und den Einsatz von modernen Technologien. Als 1987 der Skipper Dennis Conner vom San Diego Yacht Club (USA), der vier Jahre zuvor das Match gegen Australien verloren hatte, die Trophäe wieder zurück in die USA brachte, wurde er in New York mit einer großen Parade empfangen und der America’s Cup wurde das erste Mal von der Öffentlichkeit auch in nichtteilnehmenden Ländern wahrgenommen.

Neben Australien und den USA konnte sich das segelbegeisterte Neuseeland 1995 das erste Mal in die Gewinnerliste eintragen und den Titel im Jahr 2000 sogar verteidigen. Die »Kiwis« revolutionierten dabei die Organisationsstruktur des Teams. Waren es zuvor streng hierarchische Strukturen, die vom Skipper dominiert wurden, so führten die Neuseeländer moderne, flache Hierarchien ein. Alle Teammitglieder wurden als gleichwertig anerkannt, einschließlich der Crew an Land, die die Yacht konstruiert und baut. Sie wurde in alle Entscheidungen ein­bezogen und erhielt kontinuierlich Rückmeldungen, so dass in einer gemeinsamen Teamleistung der Cup gewonnen wurde. Auch während des Rennens wurden alle Segler über Entscheidungen informiert und wenn möglich wurde über Strategien und Ziele im Rennen gemeinsam entschieden. Bei den anderen Teams ein undenkbares Szenario, dort entschied der Skipper, der sich zuvor mit seinem Taktiker absprach, der Rest der Crew musste dann entsprechend die Segel bedienen.

Im nächsten Rennen vor der Küste der neuseeländischen Großstadt Auckland im Jahre 2003 gewann das Team Alinghi aus der Schweiz, angeführt von dem Schweizer Milliardär Ernesto Bertarelli. Der Cup ging das erste Mal nach Europa. Allerdings waren die wichtigsten Positionen im Team Alinghi von »Kiwis« besetzt. Unter anderem konnte Bertarelli, der selber als Navigator an den Rennen teilnahm, den Skipper Russel Coutts und den Taktiker Brad Butterworth gewinnen, die genau aus jenem Team kamen, das 1995 und 2000 den Cup für Neuseeland gewonnen hatte. Mit einem klaren 5:0-Sieg gegen die neuseeländische Yacht holte Alinghi den Cup in die Schweiz. Die Konkurrenz aus der Alpenrepublik stieß auf der anderen Seite des Erdballs auf wenig Gegenliebe. Die neuseeländischen Segler des Teams Alinghi konnten sich in Auckland nur noch im Schutz von Bodyguards in die ­Öffentlichkeit wagen. Im Jahr 2007 verteidigte das Team Alinghi den Cup, erneut gegen die Yacht aus Neuseeland, und wieder waren die wichtigsten Positionen des Schweizer Boots von Neuseeländern besetzt. Das Rennen fand vor der spanischen Stadt Valencia statt, da eine Austragung für die küstenlose Schweiz nicht möglich war.

Dem Wettbewerb im Jahr 2010 waren mehrere juristische Auseinandersetzungen vorausgegangen. Das Duell zwischen dem Schweizer Team Alinghi und dem US-Team war der erste America’s Cup, der mit Mehrrumpfbooten ausgetragen wurde. Das Team USA wurde vom Software-Milliardär Larry Ellison finanziert und setzte sogenannte Wings ein. Statt eines Segels aus Stoff wird dabei ein wesentlich effektiverer Tragflügel verwendet. Das Rennen war in jeder Hinsicht eine Farce. Die beiden erfolgsverwöhnten Milliardäre Ellison und Bertarelli machten die inoffi­zielle Weltmeisterschaft des Segelsports zu ihrer persönlichen Auseinandersetzung, die unter sportlichen und seglerischen Aspekten uninteressant wurde. Quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit hatte das Team Alinghi, das mit herkömmlichen Segeln an den Start ging, keine Chance.

Als Verteidiger des Cups konnte das US-Team die Regeln für den Cup im Jahre 2013 in wesentlichen Aspekten bestimmen. Die Rennen wurden mit 22 Meter langen Mehrrumpfbooten ausgetragen, die mit Wings aus­gestattet waren und Geschwindigkeiten bis zu 44 Knoten erreichen können – das entspricht fast 80 km/h. Zudem wurden sogenannte Foils eingeführt, die den Rumpf der Katamarane aus dem Wasser heben und die Boote dadurch noch schneller machen.

Die Entwicklung solcher Boote ist extrem aufwendig. Folglich sind enorme finanzielle Mittel nötig, um ein Team aufzustellen. Allein der amerikanische Titelverteidiger investierte mehr als 150 Millionen Euro. Deswegen fanden sich insgesamt nur vier Teams, die teilnehmen wollten. Am 9. Mai 2013 kenterte der schwedische Katamaran Artemis bei einer Trainingsfahrt. Der englische Profisegler Andrew Simpson, Goldmedaillengewinner bei den Olympischen Spielen 2012 im Starboot, wurde dabei unter Wasser gedrückt und kam ums Leben. Das schwedische Team zog daraufhin die Teilnahme zurück, so dass nur noch drei Teams übrigblieben. Viele Kritiker hinterfragten deshalb bereits den sportlichen Wert des Wettkampfs. Im Finale standen sich das ameri­kanische und das neuseeländische Team gegenüber. Die »Kiwis« führten bereits mit 8:1 und brauchten nur noch einen weiteren Sieg für den Gewinn des Cups. In dieser nahezu aussichtslosen Situation nahm das US-Team entscheidende Veränderungen an seinem Boot vor und wechselte Teile der elfköpfigen Crew aus. Rennen für Rennen machten die US-Amerikaner Punkte gut und gewannen den Cup schließlich mit 9:8. Die Rennen waren an Spannung nicht zu überbieten, die Segelfans waren begeistert. Nur für die Neuseeländer war es wie ein Albtraum.

Die jüngste Ausgabe des Wettbewerbs schließlich fand von Ende Mai bis Ende Juni vor den Bermuda-Inseln statt. Die Katamarane waren verkleinert und die Regeln dahingehend verändert worden, dass auch weniger finanzstarke Kampagnen an dem Cup teilnehmen konnten. Sechs Teams sagten ihre Teilnahme zu. Von Anfang an sorgte das Team Neuseeland für Furore und wurde bereits nach den ersten Vorrennen als Favorit gehandelt. Besonders markant an dem Boot der Neuseeländer war der Einsatz von Standfahrrädern, ähnlich einem Fahrradergometer, die effektiver die Kraft erzeugen können, die benötigt wird, um das Boot zu trimmen. Bislang wurden diese Kräfte mit den Oberarmen der sogenannten Grinder erzeugt. Ein Mitglied des Teams Neuseeland, Simon van Velthooven, war zuvor sogar olympischer Bronzemedaillengewinner im Bahnradfahren und bis dahin noch nie auf einem Segelboot gewesen. Doch auch in anderen Aspekten war das Team Neuseeland überlegen. Es besaß das schnellste Boot und verbesserte sich von Rennen zu Rennen. Und wieder war es die Teamleistung der Neuseeländer, mit der die Landcrew und insbesondere die Konstrukteure des Boots sowie die Segler auf dem Wasser in ­einer gemeinsamen Anstrengung den Cup gewannen.