Zum 200. Geburtstag von Henry David Thoreau

Theorie, die nach Waldmeister riecht

Zum 200. Geburtstag von Henry David Thoreau ist eine neue Biographie über den rebellischen Naturfreund und Schriftsteller erschienen.

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Am 12. Juli 1817 wird Henry David Thoreau in Concord, Massachusetts, geboren, mit nur 44 Jahren stirbt er ebendort an den Folgen einer Tuberkulose-Erkrankung. Zeitlebens verlässt er die Kleinstadt 30 Kilometer westlich von Boston nie länger als ein paar Monate – abgesehen von seiner Studienzeit im nahegelegenen Harvard, die er 1837 beendet. In Concord bildet sich zu dieser Zeit die Keimzelle der gerade erst entstandenen philosophisch-religiösen Bewegung der Transzendentalisten. Auch Thoreau verschreibt sich dieser humanistischen Schule, die, abgeleitet aus dem Unitarismus, an die grundsätzliche Güte der Natur und des Menschen glaubt. Letztere sieht sie aber durch die vorherrschende Gesellschaftsform mit ihren hierarchischen Institutionen und die sich anbahnende Industrialisierung als bedroht an. Gegen diese Entwicklungen solle die Freiheit des Einzelnen gestärkt werden, sowohl in seiner gesellschaftlichen Rolle als auch in seiner spirituellen Fähigkeit.

Auf Thoreaus Überlegungen zum passiven Widerstand berufen sich später Bürgerrechtler, Moralphilosophen und Revolutionäre, von Emma Goldman und Martin Buber über Martin Luther King bis hin zu Mahatma Gandhi und Nelson Mandela.

Thoreau gilt bis heute als einer der wichtigsten Vertreter des Transzendentalismus neben dem programmatischen Vordenker Ralph Waldo Emerson, der Feministin und Abolitionistin Margaret Fuller und dem Reformpädagogen Amos Bronson Alcott, die allesamt in Concord lebten. Die Denkschule ist zudem eng verknüpft mit einer im Nordosten des Landes zur selben Zeit aufkommenden genuin US-amerikanischen Literatur, die sich von ihren europäischen Vorbildern emanzipiert. Zur American Renaissance gehören etwa Nathaniel Hawthorne, Herman ­Melville, Emily Dickinson oder Walt Whitman; zum Teil standen sie in persönlichem Kontakt mit Thoreau und seinen Mitstreitern. Somit handelt es sich bei der neuen Thoreau-Biographie des poplinken Autors und Journalisten Frank Schäfer fast schon zwangsläufig auch um eine Ideen­geschichte Neuenglands in der Mitte des 19. Jahrhunderts.

Seinen Ruhm wie auch die Mythen um seine Person verdankt Thoreau vor allem zwei Werken: Am 4. Juli 1845 – also am Unabhängigkeitstag – zieht er für gute zwei Jahre in eine selbstgebaute Blockhütte am Waldensee drei Kilometer außerhalb von Concord. Über diese Autonomie- und Naturerfahrung veröffentlicht er 1854 sein Hauptwerk, »Walden oder Leben in den Wäldern«, für das er seinen Aufenthalt aber auf ein Jahr komprimiert, um alle Jahreszeiten einmal pointiert zu erfassen. Während dieser zwei Jahre, in denen er mitnichten auf menschlichen Kontakt verzichtet, zumal Freunde und Familie nur einen Fußmarsch von 30 Minuten entfernt sind, ereignet sich ebenfalls das auslösende Erlebnis für seinen zweiten kanonischen Text. Am 23. Juli 1846 wird Thoreau in Concord von einem Bekannten, der als Polizist zudem die Steuern eintreibt, angehalten und aufgefordert, doch endlich seine Kopfsteuer für die vergangenen Jahre zu bezahlen. Thoreau weigert sich so unbeherrscht und kategorisch, dass jener Bekannte ihn für eine Nacht ins Gefängnis steckt.

Dieses persönliche Erlebnis – von den meisten Freunden mit Kopfschütteln registriert – in Kombination mit einer neuerlichen Ausbreitung der Sklaverei aufgrund der Erfolge der US-Armee im Krieg gegen Mexiko, ein Jahr später, motiviert Thoreau zu einer öffentlichen Brandrede, in der er zur passiven Auflehnung gegen den Staat aufruft. Der Essay erscheint 1849 zunächst unter dem Titel »Widerstand gegen die Staatsregierung«, später dann als »Über zivilen Ungehorsam«. Darin stellt der Autor das Gewissen des Einzelnen über demokratische Mehrheiten, da diese offenbar zu Unrecht führen – als Beispiel dient ihm eben die Sklaverei und der herrschende faule Kompromiss zwischen Nord- und Südstaaten. Daneben inszeniert er die Gefängnisnacht als idealistisches Exempel seines Freiheitskampfes. Er habe sich im Gefängnis freier gefühlt, als wenn er sich dem Staat als Steuerzahler untergeordnet hätte. Und er wolle generell nicht als Mitglied einer Organisation angesehen werden, der er nicht selbst beige­treten sei.

Schon 1840, als er erstmals Kirchensteuer bezahlen sollte, verweigerte er dies und ließ sich aus dem Kirchenregister streichen. Auf Thoreaus Überlegungen zum passiven Widerstand berufen sich später Bürgerrechtler, Moralphilosophen und Revolutionäre, von Emma Goldman und Martin Buber über Martin Luther King bis hin zu Mahatma Gandhi und Nelson Mandela. Eine kürzlich als Reclam-Heft erschienene Textsammlung »Ziviler Ungehorsam« beginnt entsprechend bei Thoreau, um mit David Graeber zu schließen.

Frank Schäfer stützt seine Lebensbeschreibung maßgeblich auf Thoreaus Tage- und Notizbücher, die dieser von frühster Jugend an bis kurz vor seinem Tod stetig führt und die ihm überdies als Schreiblabor und Blaupause für seine Veröffentlichungen dienen (der Verlag Matthes & Seitz hat gerade einen zweiten Band mit Tagebuch-Auszügen auf Deutsch herausgegeben). Allerdings tut der Biograph gut daran, dem betonten Stoiker, der indes über ein bisweilen aufbrausendes Naturell verfügt, mit Skepsis zu begegnen. Schäfer zieht umsichtig eine Reihe von weiteren zeitgenössischen Quellen heran, um sich ein ausgewogenes Bild über den »Waldgänger und Rebell« – so der Untertitel des Buchs – zu verschaffen. Auch den transzendentalistischen Ideen Thoreaus nähert er sich mit kritischer Sympathie und kommentiert dessen Naturfrömmigkeit sowie sein heikles Verhältnis zur Körperlichkeit souverän distanziert, etwa mit Verweis auf die puritanischen Traditionen Neuenglands.

Ohnehin kann die Biographie mit einigen positiven wie negativen Vorurteilen gegenüber dem vermeintlichen Zivilisationsverächter, bierernsten Eremiten oder konsequenten Pazifisten aufräumen. Schon während seiner Zeit am Waldensee, aber insbesondere danach verdient er sich immer wieder als Landvermesser seinen Lebensunterhalt und trägt so mit zur Kultivierung des Landes bei. Die Eisenbahnlinie nahe seiner Hütte erscheint Thoreau als angenehme Verbindung zur Gesellschaft und an diesem technischen Fortschritt macht er in »Walden« sogar fest, dass die Erde nun ein Menschengeschlecht trage, das »würdig sei, sie zu bewohnen«. Er will zwar nie die Bleistiftmanufaktur seiner Familie übernehmen, aber hilft hier dennoch wiederholt aus, erst recht nach dem Tod des Vaters, und sorgt selbst für einige Verbesserungen in der Produktion. Schäfer betont außerdem die Wortspiele und selbstiro­nischen Wendungen gerade in Thoreaus transzendentalistisch überhöhten Naturbeschreibungen: »Humor hat bei ihm die Funktion eines Korrektivs. Er fordert ein augenzwinkerndes Einverständnis mit dem ­Leser, dass man, gelegentlicher metaphysischer Entrücktheiten ungeachtet, immer noch die gleiche Sprache spricht.«

Da Thoreau sich besonders in (­anarcho-)pazifistischen Kreisen größerer Beliebtheit erfreut, kann es durchaus überraschen, dass er nach dem Fugitive Slave Act von 1850 und speziell nach dem Kansas-Nebraska Act von 1854 auch militanten Widerstand gegen die Sklaverei gutheißt. Das Gesetz von 1850 sieht vor, dass auch in den Nordstaaten dorthin entflohene Sklaven inhaftiert und in den Süden zurückgeschickt werden müssen. Ein Fall ist bekannt, bei dem der Schriftsteller dem konspirativen »Underground Railroad«-Netzwerk hilft, einen flüchtigen Sklaven nach Kanada und damit in die Freiheit zu bringen. Das Gesetz von 1854 wiederum besagt, dass auch in den beiden neugegründeten nördlichen Territorien der USA die Siedler jeweils selbst entscheiden dürfen, ob sie Sklaven halten wollen; in Kansas kommt es daraufhin zu blutigen Gefechten zwischen Gegnern und Befürwortern.
Dass er durch die Umstände gezwungen wird, sich erneut tagespolitisch zu betätigen, ist Thoreau zwar ein Graus, dennoch meldet er sich mit dem provokanten Vortrag »Sklaverei in Massachusetts« entschieden zu Wort: »Ich habe die Regierung, in deren Nähe ich lebte, nie geachtet, doch ich hatte törichterweise geglaubt, ich könnte imstande sein, hier zu leben, mich um meine persönlichen Angelegenheiten zu kümmern und damit genug.« Anders als noch im Essay über »Zivilen Ungehorsam« fordert Thoreau jetzt hingegen aktiven und durchaus gewaltsamen Widerstand. Für einige Jahre kann er sich anschließend in seinem Schaffen jedoch erneut den bevorzugten Naturstudien und Exkursionen zuwenden.

Im Oktober 1859 stürmt allerdings der von Thoreau geschätzte puritanische Abolitionist John Brown mit 21 schwarzen und weißen Kämpfern ein US-Waffenarsenal in Virginia, um mit den entwendeten Waffen eine landesweite Sklavenrebellion zu ­entfachen – eine zum Scheitern verurteilte Aktion, bei der die Hälfte der Beteiligten ums Leben kommt. Viele Gegnerinnen und Gegner der Sklaverei betrachten Browns Angriff als reines Himmelfahrtskommando, mit dem er der gemeinsamen Sache sogar geschadet habe. Nicht so Thoreau: Er schreibt ein flammendes Plädoyer für Brown, in dem er diesen zum Märtyrer stilisiert, und macht von seinem Recht Gebrauch, es in der Stadthalle von Concord öffentlich zu präsentieren. Zwei Tage später kann er die Rede in Boston sogar vor 2 500 Zuhörern halten, als kurzfris­tiger Ersatz für den ehemaligen Sklaven und bekannten Schriftsteller Frederick Douglass, der sich aus Angst vor Übergriffen in der angespannten Lage nach Kanada abgesetzt hat. Brown wird einen Monat später hingerichtet, anderthalb Jahre danach beginnt der Amerikanische Bürgerkrieg.

Thoreau beschäftigt sich indessen wieder verstärkt mit Naturbetrachtungen. Nachdem er Charles Darwins »Über die Entstehung der Arten« bereits wenige Monate nach Erscheinen gelesen hat, fließen die neuen Erkenntnisse zur Evolution wohl bereits in seine letzte Publikation zu Lebzeiten ein, es handelt sich um eine Studie zur Vererbung bei den Waldbäumen. Schäfer zitiert zudem das Tagebuch: »Am 21. Juni 1860 formuliert er die Vermutung, dass die ›Pollen einiger Pflanzen‹ schädlich für den Menschen und folglich Auslöser für ›Krankheiten der Saison‹ sein könnten. Ein erster Schritt auf dem Feld der Allergologie.« Ein beiläufiges Ergebnis seiner eigentlichen, kontemplativen Tätigkeit, die Thoreau immer wieder dazu bringt, die Lohnarbeit möglichst auf ein Minimum zu reduzieren: »Wer einen Beruf ergreift, ist verloren«, heißt es in »Walden«. »Gehen und Schreiben«, so fasst Frank Schäfer zusammen, was der Autor für sich als nichtentfremdete Arbeit ansieht. Bisweilen dienen Thoreaus Sentenzen heute nurmehr fürs Poesiealbum. Ein formvollendeter Spruch aus anderer Feder, der sich für Thoreaus Lebenskonzept anbietet, erklang kürzlich hingegen auf der Berliner 2. Mai-Demonstration der Erwerbslosen: »Arbeiten ist nicht so schön/ich möchte lieber spazieren geh’n.«
Frank Schäfer: Henry David Thoreau. Waldgänger und Rebell. Suhrkamp,
Berlin 2017, 253 Seiten, 16,95 Euro