Krauts und Rüben – der letzte linke Kleingärtner, Teil 24

Schwierigkeiten mit dem Urlaub

Der letzte linke Kleingärtner hat Probleme mit dem Urlaubmachen

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Was macht man eigentlich mit dem tollen Gemüsegarten, wenn die Urlaubszeit naht? Das ist nicht ganz einfach. Die Abläufe im Garten sehen keinen Sommerurlaub vor. Genau in dieser Zeit wachsen die Pflanzen stärker und produzieren allerhand wohlschmeckende Früchte. Eine Variante wäre, seinen Urlaub im Gemüsegarten zu verbringen und sich dort von den Niederungen des Alltags zu erholen. Das ergibt Sinn, denn in einem Garten ist so viel los, dass man Schwierigkeiten hat, alles in gebotener Breite zu erfassen. Es hätte zusätzlich den unschätzbaren Vorteil, die Pflanzen zur Produktion bis zum Anschlag zu motivieren, eine üppige Ernte einzufahren und all denen, die ordnungsgemäß in Urlaub fahren, um »etwas zu erleben«, nach deren Rückkehr eine lange Nase zu drehen und sich im Ranking von krautsFreunden und Nachbarn ganz weit oben zu platzieren – wie es sich für einen guten Kleingärtner gehört. Ein Kleingärtner ist der perfekte Kleingeist, der ständig nach Höherem strebt und nie mit einer Platzierung unterhalb der Medaillenränge zufrieden ist. Und wenn man auf dem Treppchen steht, dann will man da auch bleiben. Die Konkurrenz schläft nicht und hat vielleicht neue Pflanzen und Erfolge im Nachbau von Saatgut und macht ­einem den Platz wieder streitig.

Eine andere Urlaubsvariante besteht darin, im Sommer einfach ein oder zwei Wochen wegzufahren und so zu tun, als könne man den Gemüsegarten auf Leerlauf stellen. Das kann man selbstverständlich nicht. Also bleiben bei dieser Urlaubsvariante nur zwei Optionen. Man lässt alles wachsen und ausreifen. Und verzichtet auf die Ernte. Da blutet das Kleingärtnerherz und der Geist neigt zu abgrundtiefer Traurigkeit ob der verlorenen Früchte, denen schließlich viel Mühe und Schweiß geopfert wurde. Wer arbeitet und sich plagt, will ernten. Die andere Möglichkeit, die klassische Urlaubs­variante – mit »Ich will weg und etwas erleben« – zu realisieren, wäre das Einspannen von Nachbarn oder Familienmitgliedern. Entweder im Sinne eines Tauschgeschäftes, indem man den ausgewählten Mitmenschen auch den einen oder anderen geldwerten Gefallen tut, vielleicht auf deren Kinder aufpasst oder ihnen im Haus etwas repariert. Dann bliebe noch die Frage des Vertrauens in die gärtnerischen Fähigkeiten dieser Mitmenschen. Denn so locker und leicht zu pflegen ein Gemüsegarten auch ausschauen mag – es handelt sich um ein hochkomplexes und filigranes Ordnungs­system. Man muss es ständig im Blick haben, insbesondere in der Zeit des intensiven Wachstums, die dummerweise eben meist mit der Zeit des Sommerurlaubs zusammenfällt.

Aber nur im Blick haben reicht nicht. Man muss wissen, wann man einzugreifen hat. Das ist wie bei eigenen Kindern. Die wachsen von selbst, aber ein elterlicher Rahmen muss gegeben sein und ab und an muss man auch mal – pädagogisch sanft natürlich – ordentlich dazwischengehen, damit einem der Alltag nicht entgleitet. So ist das auch bei Pflanzen. Eine ordnende Hand und eine klare Ansage erbringen erst die üppigen Ernten und entlocken dem Kleingärtner sein zufriedenes Grinsen sowie den selten ausgesprochenen Gedanken: »Seht ihr, so geht das. Ich habe es gewusst.

Warum nicht gleich so.« Wenn man sich also damit angefreundet oder notgedrungen dazu durchgerungen hat, überlasst man sein Allerheiligstes für ein oder zwei Wochen Menschen, die man zwar schätzt, weil man glaubt, sie zu kennen, denen man aber genau genommen nicht trauen kann, weil ein Kleingärtner halt niemandem trauen kann – aus Prinzip nicht und aus Erfahrung nicht. Aber weil ein Kleingärtner auch der größte Pragmatiker auf Erden ist, schluckt er diese Kröte und vertraut seinen Gemüsegarten den Fremden aus der näheren Umgebung an.

Dann wäre die nächste Frage zu klären: Was gibt man ihnen für ihr Gegurke im fremden Garten? Ein lapidares Dankeschön, verbunden mit dem Hinweis, dass sie in deinem Garten sinnstiftende Erfahrungen fürs Leben machen können, die sie ansonsten in Form von persönlichkeitsstärkenden Wohlfühlseminaren in ländlicher Idylle teuer bezahlen müssten? Das kann funktionieren. Solche Verrückten gibt es genügend, sonst wären diese sündhaft teuren Befindlichkeitsveranstaltungen nicht so gut besucht.

Ich habe das Problem ganz unsentimental und jenseits dieser persönlichkeitsbereichernden Wohlfühlglocke gelöst. Eine Nachbarin meines Vertrauens füttert morgens die Hühner, lässt sie raus und abends wieder in den Stall. Dafür kassiert sie die Eier. Und ein Familienmitglied erntet pro Woche zweimal einige Pflanzen ab. Zugegeben: Das ist mir als Kleingärtner schwergefallen: Fremden – und das sind irgendwie alle anderen – außerhalb meiner Kontrolle den Zugang zu meinem Garten und noch dazu die Ernte zu überlassen. Ich werde Wochen brauchen, um darüber hinwegzukommen. Der Vorteil aber, ist dass die Hühner nicht vor Hunger und Durst sterben und Pflanzen wie Bohnen und Zucchini durch das Abernten zur Produktion neuer Früchte angespornt werden. Ich hätte nie gedacht, dass Urlaub derart in Stress ausarten kann. Ich will nach Hause.