Bettina Köster im Gespräch nach dem alten Westberlin

»Westberlin war wie ein schäbiger, aber lustiger Privatclub«

Für John Peel war sie die »Queen of Noise«. Ein Gespräch mit Bettina Köster über ihr neues Album und die Punk-Zeit in Westberlin.

Interview Von Jakob Hayner
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Sie machen jetzt seit fast 40 Jahren Musik auf der Bühne. Es begann 1979, als Sie bei DIN A Testbild Saxophon gespielt haben.
Das stimmt. Bei DIN A Testbild war ich aber nur ganz kurz. Ich habe ­einen Auftritt gespielt in Hamburg in der Markthalle, das war ganz schrecklich. Das war mein erstes Konzert und die Markthalle war berühmt dafür, dass die Knastis von Santa Fu, also der JVA Fuhlsbüttel, die Freitagabend Ausgang hatten, sich dort einfanden. Bei den ersten Punk-Konzerten ging es wirklich richtig zur Sache. Bevor wir auf die Bühne gingen, wurden die ersten Leute schon auf Bahren herausgetragen. Ich stand dann auf der Bühne und habe brav getrötet, da flogen Coladosen und Bier auf mich. Ich bin von der Bühne gestürzt, habe mich im Backstage-Bereich verkrochen und dachte, das ist ja schrecklich, das mache ich nie wieder. Da brüllten sie von der Bühne »Bettina!« und ich bin zurückgegangen und dann hatte es mich gepackt.

»Wir hatten alle mit Jungs in Bands gespielt und die Realität dort war, dass der Junge mit der Gitarre seinen Verstärker so laut drehte, dass man nichts anderes hören konnte. Das ging uns so auf die Nerven, dass wir sagten, wir machen eine eigene Band.«

Wie kamen Sie zur Musik?
Musik habe ich eigentlich schon immer gemacht. Als ich jung war, habe ich klassische Gitarre und Klavier gelernt. Musik war einfach da. Zur Musik in Bands bin ich aber erst später gekommen. Ich habe angefangen, Saxophon zu spielen. Als ich zu Hause zu üben begann, haben sich mehrere Leute in der Umgebung das Leben genommen. Das hatte zwar nichts mit mir zu tun, ich ging dann aber lieber zum Üben in den West­falenpark in Dortmund, wo ich zu der Zeit lebte. Dort traf ich auf eine Gruppe von Leuten, die nicht wollten, das ich dort spiele. Dann bin ich also in den Wald gegangen, da kam die Forstpolizei und meinte, dass ich die Tiere verstören würde (lacht). Dann kam Punk. Und da dachte ich, ich kann doch jetzt auch eine Band ­haben.

Wie kamen Sie in Kontakt mit Punk? Haben Sie John Peel im ­Radio gehört?
John Peel habe ich auch gehört. Aber Punk bekam man einfach mit, es brodelte überall. Als ich dann nach Berlin ging, hatten das SO36 und der Dschungel gerade eröffnet. Da ist man dann so reingerutscht. Ich war aber auch vorgeprägt. Ich hatte eine sonderbare Einstellung, denn ich war als zehnjähriges Kind nach Berlin gezogen und wohnte in Lichtenrade und meine Klassenlehrerin war in der Apo. Ich hatte das Glück, so eine Lehrerin zu haben. In unserem Deutschunterricht ging es um soziale Sachen, um Ausbeutung hier und Ausbeutung da, sie hat uns ein gewisses Verständnis der Welt gezeigt. Es wurde dann sogar ein Film über uns gemacht, »Mitteilung über eine Schulklasse« von 1971, ich war also ungefähr elf Jahre alt, und danach hat man uns die »rote Schulklasse« genannt. In den siebziger Jahren gingen dann die Diskussionen los, ob Lehrer Berufsverbot erhalten und sich einer Gesinnungsprüfung unterziehen sollten. Mein Glück war, dass ich diese Lehrerin noch vor den Berufsver­boten hatte. Das macht das Leben natürlich nicht einfach, wir hatten schon eine relativ militante Einstellung. Auch, dass man alles hinterfragt. Mit 18 Jahren, als ich dann wieder nach Berlin gegangen bin zum Studieren, passte das mit dem Punk gut zusammen. Wir haben nicht direkt Punkmusik gemacht, wir waren ja etwas später. Aber die Attitüde passte gut und die hatte ich meiner Apo-Lehrerin zu verdanken.

Als Sie 1978 zurück nach Berlin gegangen sind, haben Sie recht schnell den berühmten Eisengrau-Laden in Schöneberg eröffnet.
Eigentlich suchte ich nur eine Wohnung. Ich war Knall auf Fall an der Hochschule der Künste für ein Studium angenommen worden und nahm die erste Wohnung, die ich kriegen konnte. Die war im Wedding, da konnte ich nicht wohnen bleiben. Ich habe also eine andere Wohnung gesucht. Eine Freundin sagte mir, dass es so einen Laden gebe, mit Wohnung dabei. Dann saß ich also da mit dem Laden und Gudrun Gut fuhr mit dem Fahrrad vorbei. Ich kannte sie vom Sehen aus dem Dschungel und fand sie cool. Ich sagte also Hallo, sie fragte, was ich mache, ich sagte, ich mache einen Laden, ach, was denn für einen Laden, fragte sie, ja, weiß ich auch noch nicht, willste mitmachen, antwortete ich, ich hab aber kein Geld, sagte sie, darauf ich, macht nichts, das finden wir schon. So machten wir den Eisengrau-Laden auf.

Im Eisengrau-Laden gab es zum einen Klamotten, zum anderen war das ein wichtiger Treffpunkt der Szene rund um Bands wie Die tödliche Doris und Einstürzende Neubauten. Wie haben Sie West-berlin und diese Szene erlebt?
So viele Klamotten haben wir auch nicht verkauft. Haarschnitte haben wir dann noch gemacht. Und weil das die Punk-Zeit war, kam es jetzt auch nicht darauf an, wie die waren. Manche kamen für die Klamotten, andere zum Haareschneiden, wir hatten außerdem einen Flipper. Nun war das ja Westberlin und alle kannten sich sowieso untereinander. Abends gab es drei Kneipen, in die man ging, man traf sich bei uns oder im Café Mitropa.

Im vergangenen Jahr ist ein Dokumentarfilm erschienen, in dem Sie auch vorkommen, »B-Movie: Lust & Sound in Westberlin 1979–1989«, der sich dem Underground in Westberlin widmet. War Westberlin ein utopischer Raum?
Westberlin war im Grunde, gerade mit der Mauer drumherum, wie ein schäbiger, aber lustiger Privatclub. Man konnte das Auto auf der Skalitzer Straße in der dritten Reihe parken oder vorm Dschungel auf der Straße zusammenbrechen, irgendjemand trug einen schon auf den Bürgersteig, da konnte man sich dann schön ausschlafen. Das war schon ein utopisches Gebilde. Ich habe mich letztens mit meiner Kollegin Gudrun unterhalten. Sie war ganz schockiert, wie Westberlin 1978 aussah, als man jetzt beispielsweise in dem Film die Bilder aus der Zeit sehen konnte. Wie war das kaputt und runter und schmutzig. Aber für uns war das normal. Wir waren auch sehr arm. Gabi Delgado von DAF kam nach Berlin, der war völlig pleite. Ich war nur fast völlig pleite, also gab ich ihm meine Pfandflaschen. Wir hatten alle kein Geld, deswegen gab es eine große Solidarität. Eine Solidarität unter den Armen. Das erlebe ich jetzt wieder in Süditalien, wo ich inzwischen wohne.

Nach DIN A Testbild waren Sie bei Mania D. und dann bei Malaria!, diese Band war nicht zuletzt wegen des Hits »Kaltes, klares Wasser« sehr bekannt. Es war zudem eine Band von Frauen, in den Achtzigern etwas Außergewöhnliches. Folgte das einer feminis­tischen Programmatik?
Nein. Es gab so einen Spruch damals, der lautete: »Mädchen, die pfeifen, und Hennen, die krähen, sollte man beizeiten den Hals umdrehen«. Solche Mädchen waren wir. Weil wir sowieso alle komisch waren, war uns das auch gar nicht so bewusst. Wir hatten alle mit Jungs in Bands gespielt und die Realität dort war, dass der Junge mit der Gitarre seinen Verstärker so laut drehte, dass man nichts anderes, geschweige denn sich selbst oder die anderen, hören konnte. Verschiedene Mädels aus verschiedenen Gruppen hatten also diese Erfahrung gemacht. Das ging uns so auf die Nerven, dass wir sagten, wir machen eine eigene Band, da können wir auch mal hören, was wir spielen. Das war also eine pure Notwendigkeit.

Jetzt haben Sie ein neues Album vorgelegt mit dem Titel »Kolonel Silvertop«. Der titelgebende Song ist sehr atmosphärisch und melancholisch, »Kolonel Silvertop, where are you now?« Was hat es damit auf sich?
Ich sollte einmal auf einem Festival in Antwerpen spielen. Ich habe aber die Halle nicht gefunden, lief da ­herum und bin immer wieder auf der Kolonel Silvertop Straat gelandet, was für mich wie ein Phantasiename klang. Das hat sich für mich verbunden mit der Tatsache, dass ich von David Bowie in der Nacht vor seinem Tod geträumt habe. Dann habe ich bei den Gesangsaufnahmen ein paar Probetakes gemacht und da kam mir das wieder in den Sinn: Kolonel Silvertop. Bowies Tod hat uns natürlich alle sehr berührt.

Auf dem Album gibt es ein Lied, das durchaus das Potential zum Hit hat, eine Version von »Der Nowak lässt mich nicht verkommen«, ein Wiener Schlager aus den fünfziger Jahren. Wie sind Sie darauf gekommen?
Schallplatten mit diesem Lied wurden in den Sechzigern wegen »moralischer Verwerflichkeit« konfisziert. Meine Eltern hatten diese Platte. Manchmal, wenn Besuch kam, legten sie die auf, dann mussten die Kinder aus dem Zimmer. Das hatte ich lange Jahre vergessen, dann fiel mir »Der Nowak« wieder ein. Für mich ist das Lied vom Standpunkt einer älteren Person vorgetragen, die auf etwas zurückblickt. Es gibt ein Lied von Marianne Faithfull, das heißt »The Ballad of Lucy Jordan«. Die realisiert auch, dass sie nicht mehr in den warmen Sommernächten im offenen Sportwagen durch Paris fährt.

Gehen Sie mit dem Album auf Tour? Würden Sie danach gerne ein weiteres Album machen?
Ich mache eins nach dem anderen. Das Album ist gerade erschienen, ich mache eine kleine Pause und danach fange ich an, live zu spielen. Ich möchte unbedingt auftreten, weil ich unglaublich gerne auf der Bühne stehe. Darauf freue ich mich. Bevor ein weiteres Album folgt, kommt noch eine kleine Malaria!-Geschichte, aber dazu kann ich noch nicht viel verraten.

Bettina Köster: Kolonel Silvertop (Pale Music)