Hannah Christiansen vom Verein Rigardu über die Lage für Geflüchtete an der Balkanroute

»Es kostet jetzt mehr Kraft, Energie und Geld«

Hannah Christiansen ist freiwillige Helferin beim ­Verein Rigardu, der Flüchtlinge entlang der Balkanroute unterstützt. Seit Mai dokumentiert der Verein die wachsende Polizeigewalt gegen Flüchtlinge an der kroatisch-serbischen Grenze in der Nähe der Stadt Šid.

Interview Von Krsto Lazarević
Anzeige

Der Verein Rigardu ist unter anderem an der serbisch-ungarischen und der serbisch-kroatischen EU-Außengrenze aktiv. Was macht er dort?
Rigardu stellt in den serbischen Städten Subotica beziehungsweise in Šid mobile Duschen mit Pop-up-Zelten zur Verfügung, ein Duschsystem, das überallhin getragen werden kann. Wir bieten jeden Tag über einen Generator eine Handyladestation, verteilen Trinkwasser und veranstalten ein- bis zweimal die Woche nachts ein Open-Air-Kino. Danach gibt es manchmal noch kleine Tanzpartys. Außerdem gibt es weitere Freiwilligengruppen. Eine Gruppe bereitet um elf Uhr Frühstück und kocht um 19 Uhr Abendessen. Dann gibt es noch eine Kleiderausgabe und Ärztinnen und Pfleger, die sich um die me­dizinische Erstversorgung kümmern.

Seit wann sind Sie in Serbien?
Ich bin Anfang April nach Serbien gefahren, zunächst nach Subotica an der serbisch-ungarischen Grenze. Dort kam es aber zu einer Polizeirazzia und Räumungen, daher mussten die Geflüchteten erst einmal gehen. Seitdem ist Rigardu dort auch nicht mehr aktiv. Danach war ich in Šid an der serbisch-ungarischen Grenze. In den beiden Städten ist Rigardu seit Anfang des Jahres tätig. Wir waren zunächst in Belgrad, dann in Subotica und später in Šid, weil wir immer nur an einem Standort arbeiten können.

Rigardu hat begonnen, die Gewalt gegen Menschen auf der Flucht zu dokumentieren. Können Sie uns dazu Näheres erzählen?
In Šid haben uns die Geflüchteten anfangs erzählt, dass die kroatische Grenzpolizei human sei. Es gab damals schon Push-back-Operationen, aber keine brutalen Gewalttaten. Etwa ab dem 10. Mai ist uns aufgefallen, dass immer mehr Menschen mit Verletzungen bei der Essensausgabe und an den mobilen Duschen standen. Wir haben dann Fragen gestellt und die Menschen haben uns von der Gewalt erzählt, die von der kroatischen Grenzpolizei ausgeht.

Können Sie die Fälle von Polizei­gewalt näher schildern? Was wurde Ihnen berichtet?
Werden die Geflüchteten in Kroatien geschnappt, werden sie in einem weißen Kleinbus der Polizei zur Grenze gefahren. Dort muss einer nach dem anderen aussteigen. Jeder Einzelne wird von allen anwesenden kroatischen Polizisten zusammenschlagen. Dabei stehen sie meist in einem Kreis um den Flüchtenden, sie benutzen Fäuste, Füße, Schlagstöcke, Äste und Wasserflaschen. Es wird vor keinem Körper­teil haltgemacht und keine altersgruppe geschont. Mir wurde auch schon vom Einsatz von Elektroschockern berichtet. Die Polizei kontrolliert die Handys; diejenigen, auf denen sie Nachrichten in englischer Sprache findet, werden zerstört. Teilweise nehmen die Polizisten auch gute Handys ab und behalten sie. Einen Satz, den fast alle Geflüchteten auf Kroatisch kennen, ist »Fick deine Mutter« – damit werden sie häufig beschimpft.

»Immer mehr Menschen standen mit Verletzungen bei der Essensausgabe und an den mobilen Duschen. Sie haben uns von der Gewalt erzählt, die von der kroatischen Grenzpolizei ausgeht.«

Wie laufen die Push-backs ab?
Die Menschen auf der Flucht werden überall in Kroatien geschnappt und ­direkt zur Grenze gebracht. Das passiert auch, wenn sie schon in Zagreb oder an der slowenischen Grenze sind. Sie werden nach Serbien gebracht, das kein EU-Mitglied ist. Es kommt auch vor, dass Menschen von Slowenien nach Kroatien und von Kroatien nach Serbien zurückgebracht werden. Uns wurde von Fällen berichten, in denen die Menschen auf der Polizeiwache nach Asyl gefragt haben. Ihnen wurde dann ein Zettel auf Kroatisch vorgelegt und behauptet, das sei ein Asylantrag. Letztlich unterschrieben sie aber darauf, dass sie wieder nach Serbien gebracht werden.

Wie hat sich die Polizeigewalt in Kroatien entwickelt?
Schon vor einem bis anderthalb Jahren wurden Fälle bekannt, in denen die kroatische Polizei sehr gewalttätig war. Es gab damals aber große Medienpräsenz und damit auch Druck auf die kroatische Politik, dass sie die Gewalt beenden muss. Die Polizei war etwa ein Jahr lang unauffällig und wurde jetzt wieder gewalttätig. Wir Freiwilligen haben das Gefühl, dass es nicht nur einzelne Polizisten sind, die gewalttätig sind, sondern dass die Gewalt systematisch ist. Das ist nur eine Annahme, aber wir vermuten, dass es eine Anordnung gibt, weil die Vorgehensweise immer die gleiche ist, unabhängig davon, um welche Orte und Polizisten es sich handelt.

Wie sieht diese Systematik aus? Wie dokumentieren Sie diese Fälle?
Sehr häufig ist keine serbische Polizei vor Ort, wenn die Flüchtenden von Kroatien nach Serbien zurückgeschoben werden. Sie kommen dann meist in den »Jungle«, eine provisorische Zeltstadt im Grenzgebiet, zurück, wo sie vorher schon waren und versucht haben zu überleben. Die serbische Polizei ist auch gewalttätig geworden, aber das hat nichts mit den Grenzübertritten oder den Push-backs zu tun, sie lässt die Flüchtenden meist in Ruhe.
Ich habe seit Monaten Kontakt zu den Menschen vor Ort. Sie wissen, dass ich die Gewalttaten dokumentiere und sprechen mit mir darüber. Anfangs haben wir die Verletzungen nur fotografiert, weil wir uns nicht auskannten und mit der Situation überfordert waren. Ich habe dann von »Ärzte ohne Grenzen« eine Schulung und Tipps bekommen, wie man solche Fälle am besten dokumentiert. Wir arbeiten mit einem Leitfaden, der an der ungarisch-serbischen Grenze entworfen wurde. Da stehen Fragen drin wie: »Waren Minderjährige dabei?«, »Waren Menschen mit besonderen Einschränkungen dabei?«, »Hatte die Polizei Hunde?«, »Können Sie die Polizisten beschreiben?« Wir versuchen auch herauszufinden und zu dokumentieren, wo genau die Gewaltakte stattfanden. Wir machen dann eine Fotodokumentation, wobei wir darauf achten, keine Gesichter zu fotografieren. Anhand dieses Leitfadens erstellen wir dann einen Bericht über die Gewalt.

Haben Sie das Gefühl, der serbische Staat hält sich zurück und ist froh, wenn die Menschen es in die EU schaffen?
Ich kann mir schon vorstellen, dass der serbische Staat froh ist, wenn die Menschen es über die Grenze nach Kroatien oder Ungarn schaffen. In Šid gab es ein offizielles Camp, aber Anfang des Jahres gab es Demonstrationen gegen flüchtende Menschen und eine Petition; danach hat die Stadtverwaltung dieses Camp geschlossen. In dem Camp haben zuvor rund 1 000 Menschen gewohnt. Nach der Schließung wurden manche in andere Camps gebracht, aber nicht alle. Deswegen waren Flüchtende gezwungen, in den »Jungle« zu ziehen. Einerseits will der serbische Staat die Menschen nicht im »Jungle« wohnen lassen, weswegen es zu Poli­zeirazzien kommt, anderseits gibt er nicht allen eine Campregistrierung und zwingt damit Menschen dazu, in den »Jungle« zu ziehen.

Wie ist derzeit die Situation in diesem »Jungle«?
Es ist kein großer Wald, sondern eher eine Ansammlung von Büschen und Bäumen. Der »Jungle« erstreckt sich entlang der Gleise. Dort verstecken sich die Menschen vor der Polizei und schlafen. Viele bekommen nicht genug Schlaf, weil die Polizei meist zwischen fünf und sechs Uhr morgens Räumungen vornimmt. Die Flüchtenden haben oft keine festen Schlafplätze und bewegen sich immer hin und her. Wir haben Zelte ausgegeben. Manche nutzen sie, andere nicht, weil sie sehr auffällig sind.

Werden die Menschen aus dem »Jungle« nach Preševo an die mazedonische Grenze gebracht? Was passiert dort mit ihnen?
Im Juni gab es einige große Polizeirazzien. Die Menschen, die in diesen Tagen von der Polizei festgenommen wurden, wurden direkt nach Preševo gebracht. Dort gibt es ein geschlossenes Camp, das direkt an der Grenze zu Mazedonien liegt. Geschlossen bedeutet in diesem Fall, dass die Menschen dort nicht frei entscheiden können, wann sie das Camp verlassen. Viele werden nach Mazedonien abgeschoben und versuchen von dort wieder durch Serbien an die Grenze zu kommen.

Wie reagiert die Bevölkerung in Šid? In Belgrad gab es ja Solidarität und wenig Protest gegen Flüchtende.
Ich kann nur über Šid reden. Ich habe das Gefühl, dass die Menschen, die vor Ort leben, sich von der EU im Stich ­gelassen fühlen. Serbien ist kein reiches Land und dadurch entsteht ein gewisser Neid und Unmut in der Bevölkerung. Die meisten Einwohner stehen den Flüchtenden negativ gegenüber. Es gab ja wie gesagt diese Petition. Immer wieder erlebe ich Ablehnung. Der Vermieter eines Hauses, in dem einige freiwilligen Helferinnen leben, wurde verklagt, weil er sie dort wohnen lässt. Ein Mitarbeiter von Western Union hat mir gesagt, dass ich den Flüchtenden nicht helfen soll, weil sie faul und schlecht seien. Natürlich sind nicht alle in Šid so. Es gibt eine ältere Frau, die uns manchmal in der Küche hilft, aber insgesamt gibt es wenige Menschen in Šid, die Menschen auf der Flucht unterstützen. Ich habe in Šid bislang nur zwei serbische Freiwillige kennen gelernt.

Man hört immer wieder, die Balkanroute sei dicht. Wie sehen Sie das?
Ich habe oft das Gefühl, dass die Balkanroute dicht ist. Ich sehe über Monate hinweg immer wieder dieselben Menschen, die immer wieder versucht haben, über die Grenze zu kommen und teilweise seit acht Monaten in Serbien festhängen. Allerdings bekomme ich auch immer wieder freudige Nachrichten von Freunden, die es in diverse ­andere Länder geschafft haben, wie Italien und Österreich. Die Route ist also nicht dicht, es kommen nur nicht so viele Menschen auf einmal durch. Es kostet jetzt mehr Kraft, Energie und Geld. Den Namen »Šid« sprechen viele Flüchtende nur mit Schrecken aus.

Was müsste konkret passieren, um die Situation der Menschen auf der Flucht zu verbessern?
Wir brauchen offene Grenzen und Bewegungsfreiheit für alle. Und auch mehr Empathie. Nicht nur in Serbien, sondern auch in Europa. Empathie für Menschen auf der Flucht, angesichts der extremen Situation, der sie ausgeliefert sind. Man darf nicht sagen: Ungarn und Kroatien, bitte schützt unsere europäischen Außengrenzen, damit diese Menschen nicht nach Deutschland kommen.